Im Brennpunkt: Haben Talente gute oder schlechte Perspektiven bei Hertha?

(ub) – Wildern bei Herthas Talenten – nun hat sich auch der Tagesspiegel mit dem Thema beschäftigt. Dazu gibt es einen Kommentar mit der These, dass Hertha ein Stück weit selbst Schuld an den Abgängen sei. Weil die Talente im eigenen Verein nicht genügend Perspektiven hätten.

Diese Meinung ist populär, ich höre sie immer wieder. Halte sie aber für ein grundsätzliches Missverständnis und teile sie nicht. Nur zur Klarheit, es geht nicht um Kollegen-Bashing, hier hat Sebastian Stier geschrieben. Das Thema Nachwuchsarbeit ist ein oft diskutiertes. Wir haben Sonntag, Zeit für ein Grundsätzliches (Fotos: ub).

Mir ist der Blick von Fans und Anhängern manchmal deutlich zu kurz. Etwas vereinfacht lautet die Behauptung: Wer in einem Profi-Verein ausgebildet wird, muss da spielen. Spielt er nicht, hat der Verein Fehler gemacht.

Als die Morgenpost unter der Woche die „Affäre Hoffenheim“ publik gemacht hat, habe ich unter anderem mit Fredi Bobic, Manager des VfB Stuttgart, gesprochen. Er erwähnte einen Aspekt zur Nachwuchsförderung, der nur selten so offen gesagt wird. „Wir haben im Moment 59 Profis im deutschen Profigeschäft, die durch die VfB-Ausbildung gegangen sind. Allein von der Menge her, kannst du nicht jedes Talent in deiner ersten Mannschaft unterbringen. Und die Einnahmen für die von uns ausgebildeten Spieler brauchen wir zur Refinanzierung.“

Meint: Die Ausbildungsarbeit, die alle Klubs laut DFL-Vorgabe machen müssen, dient auch der eigenen Kasse. Beispiel Hertha BSC: Im Februar 2004 waren Malik Fathi und Sofian Chahed die ersten Talente, die es vom neu organisierten eigenen Nachwuchs zu den Profis geschafft haben. Seither spielen gut 70 Jugendliche aus dem Hertha-Nachwuchs in einer europäischen Profiliga. Die höchste Summe, die Hertha dabei erzielt hat, waren jene 7,9 Millionen Euro, die Tottenham Hotspur für Kevin Boateng überwiesen hat.

Bleibt die Frage nach den Perspektiven im eigenen Verein: Von Dieter Hoeneß stammt der Satz, als Hertha 1998 viel Geld für den heiß umworbenen Sebastian Deisler ausgeben musste: „In Zukunft kaufen wir nicht Talente, sondern bilden sie selbst aus.“ Das ist bis heute der einzige Weg, den der Verein hat. Hertha wird sich auf Jahre hinaus keine Stars kaufen können. Aber kann das in Deutschland jemand außer den Bayern?

Viele Berliner = populäre Hertha?

Wie viele Bremer spielen bei Werder? Wie viele Hamburger beim HSV? Wieviele Leverkusener bei Bayer? Meine These: Es gibt in Deutschland keinen Klub, der so viele Spieler aus der eigenen Jugend im Profikader hat wie Hertha (ausgenommen Stuttgart). Diese Situation hat sich durch den Abstieg in die Zweite Liga nochmal zugunsten der Talente verbessert: Aktuell trainieren und spielen Bigalke, Burchert, Djuricin, Knoll, Lasogga, Morales, Neumann, Perdedaj und Schulz in der ersten Mannschaft. Soviel Identifikation war noch nie bei Hertha. Mit wem die Fans sich identifizieren werden, muss die Zukunft zeigen.

Eine andere, und grundsätzliche Frage hat Hoffenheims Manager Ernst Tanner benannt, dem im oben genannten Vorgang um den Talente-Klau die Schurken-Rolle zufällt: „Wir suchen nach Talenten, ehe sie mit 15 Jahren die Förderverträge unterschrieben haben, die sie langfristig an einen Verein binden. Wenn sie unterschrieben haben, bekommen wir die Jungs nicht mehr.“

Bei einem der beiden fraglichen Talente aus Berlin, hat Tanner nach eigener Aussage bereits vorgesprochen, als der 13 Jahre jung war. Da wäre Hoffenheim früher als Hertha dran gewesen. Nur zur Verdeutlichung: Heute, mit 14 Jahren, ist jener Junge 1,64 Meter groß und 44 Kilo leicht. Es geht um Kinder. Tanner: „Ich komme selbst aus der Jugendarbeit. Ich sehe das mit einem weinenden Auge. Aber es gibt diesen Wettbewerb. Dem muss man sich stellen.“

Bobic: Was ist mit denen, die es nicht schaffen?

Für mich ist das der elementare Satz: Die Profiklubs jagen 13, 14 jährige Kinder. Den sogenannten C-1-Jahrgang. Wohl wissend, dass niemand weiß, welcher talentierte 13-Jährige mit 18 tatsächlich im Profigeschäft ankommt. Für die Vereine: Try and error. Wie sagte Fredi Bobic dazu: „Niemand redet über die meisten dieser Jungs. Die bleiben nämlich irgendwo auf der Strecke und kommen nie im Scheinwerferlicht der Bundesliga an.“

Jetzt Ihr: Das Thema bietet viele Zugänge: Kommen mehr Zuschauer ins Olympiastadion, wenn in der eigenen Mannschaft mehr eigene Talente spielen? Oder geht es doch nur um Erfolg? Wie bewertet Ihr Herthas Nachwuchsarbeit mit all‘ den Boatengs, Dejagah, Marx, Madlung, Köhler, Ebert, Schorch, Müller, Radjabali-Fardi, Hartmann, Boyd, Brooks, Holland . . . Was ist gegen die Wilderei beim Nachwuchs zu machen? Alle wollen Hochbegabte, aber welchen Schutz dürfen die Heranwachsenden von den Profiklubs erwarten? Haben die Talente gute oder schlechte Perspektiven bei Hertha? Sind sie vielleicht die Gewinner des Bundesliga-Abstiegs?

Feuer frei für Eure Meinungen