Aerts schont sich, Ronny probiert es mit 70 Prozent

(ub) – Die Gedichtzeile stammt von Bertold Brecht. Sie hat definitiv nix mit Hertha BSC zu tun. Aber sie ging mir beim Betrachten des Vormittagtrainings am Donnerstag mehrfach durch den Kopf: „Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen.“

Es dauerte keine 180 Sekunden, als Rainer Widmeyer genug hat. „Stop. Stop“, brüllte der Cotrainer über den Schenckendorff-Platz. „Alle nochmal zusammen kommen.“ So versammelte sich der Troß ein zweites Mal im Kreis, just drei Minuten, nachdem Widmayer ein erstes Mal erklärt hatte, was er sehen wollte. Für die Spieler war in einer Platz-Hälfte ein wilder Parcour von gelben und blauen Gegner-Attrappen gesteckt worden. Um die herum sollten die Profis jeweils einen Doppelpass spielen und entweder vors Tor flanken oder aus 16, 18 Metern selbst mit einem Schuss abschließen. Nach der zweiten Ansprache hatten das auch alle verstanden.

Aber für die Beteiligten und die Beobachter war es eine unerfreuliche Einheit. Obwohl die Stahlfiguren sich nicht von der Stelle bewegten, prallten diverse Zuspiele von den stummen Zeugen ab. Andere Bälle versprangen teilweise. Wurden nicht richtig angenommen. Oder die Schussversuche gingen serienweise neben das Tor oder über den Fangzaun.

Rund 40 Minuten lang ließen die Trainer diese Art des Passspiels üben. So solide die Mannschaft am vergangenen Freitag den Berg FSV Frankfurt bestiegen hatte (3:1), die vergleichsweise einfach Ebene namens Donnerstag-Training bereitete erhebliche Mühe. Zur Rettung der Spieler ist zu sagen: Der Trainingsplatz ist im Moment betonhart. Nachts friert es immer wieder, derzeit weicht kein Regen irgendetwas auf. Fabian Lustenberger schrie seinen Frust raus, als ihm die nächste Flanke in Folge missriet, weil der Ball unmittelbar vor ihm aufsprang und statt in den Strafraum in den Ästen der nächsten Pappel landete. Was aufs Tor kam, beschäftigte die drei Torwarte in unterschiedlicher Weise. Während Marco Sejna und Sascha Burchert wie gewohnt durch den Fünfmeter-Raum hechteten, hechtete Maikel Aerts überhaupt nicht. Von den Bällen, die auf ihn zukamen, nahm er nur die, die er mit der Spannbreite seiner Arme oder Füße erreichen konnte. Alle anderen ließ er regunglos passieren, egal ob sie neben oder ins Tor flogen.

Alles im grünen Bereich, signalisierte Trainer Markus Babbel, dem das Schonverhalten seiner Nummer eins natürlich nicht entgangen war. „So hart wie der Boden ist, da trainiert Maikel mit Auge. Er muss hier niemandem was beweisen.“

Während hier Nico Schulz und Patrick Ebert spurten ( alle Fotos: ub via iPhone), fiel ein anderer noch auf: Ronny erzielte etwa ein fulminantes Tor aus vollem Lauf links oben in den Dreiangel – stürmisch bejohlt von den Mitspielern. Ronny trottete langsam zurück zum Ausgangspunkt. Kopf gesenkt, er verzog keine Miene

Aha, denkt der beobachtende Journalist, „Zoff in der Ramba-Samba-Fraktion“, Ronny ist frustriert, weil er nicht spielt.

Bei der Deutung schmunzelt Babbel nur. „Ich denke eher, das war Bescheidenheit.“ Weil er zuletzt mehrfach mit Ronny gesprochen hat. Dass es bei dessen ausgezeichneter Schusstechnik völlig reicht, wenn er „nur“ mit 70 Prozent seiner Kraft schießt. Dann sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Ball dorthin sause, wo er hin soll. „Was nützen 100 Prozent, wenn er jedesmal am Tor vorbei geht.“

Hat er dem Brasilianer das Drauflos-Bolzen bei 40-m-Freistößen untersagt? Babbel verzieht das Gesicht. „In meiner Karriere habe ich kaum mal erlebt, dass ein Freistoß aus 40 m im Tor landet. Das ist wie Weihnachten und Geburtstag auf einen Tag.“ Ronny wolle in solchen Situation zeigen, dass er besondere Sachen kann. Das sei gar nicht nötig. Babbel: „Ronny hat mit 70 Prozent seiner Kraft immer noch einen echten Hammer.“

Jetzt Ihr: Was ist von Ronny für den Rest der Saison zu erwarten? Und wie kritisch seht Ihr es, dass eine Trainingseinheit mal nicht so glatt läuft, wie gewünscht?