Hertha zwischen Medienboykott und Torrekord

(sto) – Sie schweigen also auch weiterhin. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Dieses ist ein freies Land, in dem jeder schweigen darf, wenn er das möchte. Also sollen die Herren Profis von Hertha BSC schweigen, meinetwegen auch bis nach dem Heimspiel am Freitag gegen Frankfurt.

Wie zu hören ist, soll der von der Berichterstattung nach dem 2:2 gegen Cottbus herrührende Medienboykott (mindestens) so lange andauern. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr amüsiert mich das Vorgehen des Vereins und seiner ausführenden Organe. Eigentlich ist kaum zu glauben, was gerade passiert: Hertha BSC ist Tabellenführer, segelt nach dem 5:0 in Aachen und erst recht nach Bochums Punktverlust am Sonntag auf Aufstiegskurs – und schmollt. Ich glaube, so mancher Außenstehende im Tivoli-Stadion wusste am Samstagnachmittag nicht so genau, welche Comedy die Gäste aus Berlin da abzogen: Keifende Journalisten in der Mixed Zone und ein vor Sarkasmus triefender Trainer Markus Babbel (…“unser sehr schlechter Torwart Maikel Aerts“…) während der offiziellen Pressekonferenz.

„Aerts-Infarkt“ – lustig oder verunglimpfend?

Aber ich habe mit Herthas Medienboykott auch ein Problem, aus gleich mehreren Gründen. Erstens: Er trifft auch euch da draußen, die Fans, die die Hintergründe oftmals nicht nachvollziehen können und auch gar nicht wollen, aber nun nicht die Berichterstattung bekommen, die sie verdienen (und auch hier gilt: jeder liest das, was er verdient).

Die nachträglich gelieferte Begründung, die Mannschaft wolle sich auf ihren Auftrag, den Aufstieg konzentrieren, könnte ich akzeptieren. Richtig so!, würde ich und würden wohl viele rufen. Aber dieser Grund ist nur vorgeschoben; der wahre ist die „Kampagne“ gegen Maikel Aerts. Die ich a) so nicht erkennen kann, aber b) nun allen Berliner Medien zum Vorwurf gemacht wird, ganz gleich, wer in den Tagen nach dem samt und sonders schlechten Spiel gegen Cottbus wie und worüber berichtet hat.

„Übelster Kritik“ sei Aerts ausgesetzt worden, klagte Trainer Markus Babbel. Ach so? Über den vom Mediendirektor Bohmbach sogar namentlich angeführten „Aerts-Infarkt“ aus der vom geschätzten Kollegen @alorenza verantworteten Schreibstube habe ich geschmunzelt; solche Wortspiele produziert der Kurier nun wirklich regelmäßig. Meint er sie wirklich böse? Herabwürdigend gar?!? Und wenn „Bild“ die wirren Aussagen eines von jedem aktuellen Geschehen weit entfernten Norbert Nigbur abdruckte – na und: Was kümmert es die Eiche. . .

Hannover traf 2001/02 stolze 93-mal

Des Weiteren bleibe ich dabei, sollte Hertha BSC bei aller „Wirkung“ nicht die „Ursache“ vergessen, und die war Trainer Babbel mit seiner wenig einfühlsamen Herangehensweise an das Thema „mein verunsicherter Keeper, und was ich dazu zu sagen habe“.

Doch damit genug zu diesem fürwahr absurden Thema. Sportlich ist die noch vor ein paar Tagen verteufelte Mannschaft auf dem Weg zu Rekorden. Nein, der Aufstieg ist auch nach dem 24. Spieltag nicht geschafft – doch wie @Dan’s Statistik immerhin aufzeigt, lässt sich ein gewisser Trend erkennen, was den weiteren Saisonverlauf von bis dahin erfolgreichen Mannschaften angeht.

Doch wo ist nun der Rekord, fragt ihr? Nun, schon 24 Tore hat Hertha in den sieben Spielen der Rückrunde erzielt – und nie im neuen Jahrtausend waren es in der kompletten zweiten Saisonhälfte mehr als 44, erzielt von Hannover 96 in deren Rekordjahr 2001/02. Da stiegen die Niedersachsen mit 75 Punkten und 93 erzielten Toren auf. Rekorde für die Ewigkeit? Zehn Spiele vor Saisonende sage ich (und einer muss ja was sagen): Es ist nie zu spät für hohe Ziele.

Was sagt ihr?