5:0 in Aachen - Hertha schockt die Konkurrenz

(sto) – „Eins und zwei und drei und vier – so viel’ Tore schießen wir“ – so singen die Fans von Hertha BSC es im Überschwang ihrer Freude, wenn ein hoher Sieg ihrer Lieblinge naht. Aber schon zum zweiten Mal nacheinander reichte es nicht aus, nur bis vier zu zählen, denn dem 6:2 in Karlsruhe vor zwei Wochen ließ die Babbel-Truppe nun ein 5:0 in Aachen folgen.

Fünf! Zu! Null!

Fünf Tore geschossen gegen Aachener „Straßenköter“, vor denen Babbel und den Spielern durchaus bange gewesen war. Und keines kassiert gegen Toptorschütze Auer (15 Saisontreffer) und Topscorer Zoltan Stieber (sechs Tore, 14 Assists). Respekt, und ganz ehrlich: Ich wüsste (in positiver Hinsicht) weniger denn je, für wen ich mich bei den Three Stars entscheiden sollte.

Denn anders als bei Raffaels One-Man-Show war dieser Auswärtssieg in erster Linie kein rauschhafter, sondern ein im Kollektiv konzentrierter und souveräner Vortrag – und zugleich mal wieder ein deutliches Ausrufezeichen an die Konkurrenz. Die hatte via BZ ja schon zur Jagd geblasen auf den scheinbar waidwund geschossenen Zweitliga-Primus.

Die Einzelkritik

Maikel Aerts: Abgeschirmt von einem insgesamt sehr soliden Defensivverbund bekam der Niederländer unweit der Grenze zu seinem Heimatland nur zwei Bälle aufs Tor, harmlose obendrein. Brenzlig wurde es für ihn nur einmal nach einem leidlich scharfen Rückpass von Mijatovic, für dessen Verursachen sich der Kapitän auch prompt entschuldigte. Note 4

Christian Lell: Kann es Zufall sein, dass der Rechtsverteidiger prompt seine beste Saisonleistung bot, als nun Patrick Ebert vor ihm spielte? War defensiv solide und zeitigte regelmäßig engagierte Vorstöße, die oft genug auch ansehnliche Flanken hervorbrachten. Bereitete auf diese Weise das 5:0 durch Ramos vor. Note 2

Roman Hubnik: Der Tscheche meldete in Zusammenarbeit mit Nebenmann Mijatovic die Aachener Top-Stürmer vollends ab. Und er war es auch, der mit einem langen Ball auf Ramos die komplette Alemannia überrumpelte, dem das 1:0 folgte. Note 2

Andre Mijatovic: Siehe Hubnik, auch der Kapitän hatte seinen Anteil am Bollwerk vor Aerts. Gut und richtig vom (insgesamt guten) Schiedsrichter Sippel, sein Strafraumduell mit Auer als Schwalbe des Stürmers zu werten. Note 3

Levan Kobiashvili: Auch der Linksverteidiger bot diesmal eine wachere Leistung als in den vorangegangen Partien, lieferte die eine oder andere Flanke und sicherte ordentlich nach hinten ab. Vereinzelte Abspielfehler wirkten sich nicht negativ aus. Note 3

Peter Niemeyer: Musste nach 43 Minuten vom Feld, der Muskel hatte „zugemacht“. Was daran gelegen haben mag, dass der Defensivstratege seiner schwächeren gegen Cottbus diesmal wieder eine sehr viel bessere, weil ungemein laufstarke Leistung folgen ließ. Note 3

Fabian Lustenberger: Eine famose Leistung des Schweizers. Das 1:0 war ein herrliches Tor, aber fast noch wichtiger als diese frühe Führung war, wie er immer schon zu erahnen schien, in welche Räume die Aachener den Ball hineinspielen wollten. Unterband wohl ungemein viele gefährliche Aktionen schon vor deren Entstehung. Note 2

Patrick Ebert: War bei seinem Startelf-Comeback nach Kreuzbandriss auf Anhieb die bessere Ergänzung zu Lell. Erstaunlich an seiner Leistung war die Sachlichkeit seines Vortrags – damit stand er regelrecht sinnhaft für Herthas Mannschaftsleistung: Wenige Schnörkel, dafür auf Effizienz bedachtes Spiel. Note 3

Nikita Rukavytsya: Kann es Zufall sein, dass der Linksfuß auf ebendieser Seite eine sehr viel bessere Leistung bot als vielfach rechts? Herthas personifizierte Wundertüte produzierte über einige gute Hereingaben hinaus auch seine Beteiligung am herrlich herausgespielten 3:0 sowie die Ecke zum 2:0 durch Ramos. Und er erzielte nach langem Sololauf das 4:0 selbst, nachdem er zwei Verfolger scheinbar locker abgeschüttelt hatte. Note 2

Adrian Ramos: Dem Kolumbianer glückte längst nicht jede Aktion, mitunter wirkten seine Taten so unglücklich und er so teilnahmslos wie in manchem anderen seiner schwächeren Spiele. Aber am Ende der 90 Minuten standen eben doch auch seine Saisontore neun (per Kopf nach Ecke) und zehn (per one touch nach Lell-Hereingabe) sowie die sehenswerte Flanke zu Lustenbergers Führungstreffer. Note: 3

Pierre-Michel Lasogga: Der 19-Jährige erzielte nicht einfach Saisontor Nummer acht. Er veredelte mit dem 3:0 die schönste Kombination des Spiels, ja vielleicht die schönste in dieser Saison von Hertha BSC, nämlich den doppelten Doppelpass von Niemeyer und Rukavytsya. Assistierte außerdem zum 4:0 und bot darüber hinaus eine gewohnt emsige Leistung an vorderster Front. Note 2

Fanol Perdedaj: Der 19-Jährige übernahm gezwungenermaßen nach 43 Minuten für den angeschlagenen Niemeyer. Kam dieser Aufgabe defensiv ordentlich nach und offensiv ohne Wirkung. Note 3

Valeri Domovchiyski: Der Bulgare durfte für Ebert ran, als die Partie entschieden war. Setzte keine wirklichen Akzente mehr.

Rob Friend: Der Kanadier bewies die Richtigkeit von Andy Brehmes Kult-Statement „haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“. Wohl nur ihm, dem glücklosen Kanadier, konnte bei seiner aussichtsreichsten Schussgelegenheit seit Monaten der Schuh davon- und nicht der Ball ins Tor fliegen. Wechselte daraufhin wütend die neuen, leuchtend orangefarbenen Schuhe gegen die alten weißen Töppen.

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Erklärung:

1 = sehr gut, 2 = gut, 3 = befriedigend, 4 = ausreichend, 5 = mangelhaft, 6 = ungenügend

Bewertet wird, wer mindestens 30 Minuten gespielt hat.

Die Sieger wollen schweigen

Wie angespannt die Lage beim Tabellenführer ist, wurde nach Spielende deutlich. Wie gestern schon angedeutet, haben sich die komplette Mannschaft ein Schweigegelübde auferlegt. Einzig Lasogga gab ein kurzes Fernsehinterview – um, wie es von Vereinsseite hieß, „eine Grundversorgung für die Medien zu gewährleisten“.

Ansonsten aber will das kickende Personal eine Weile gar nichts mehr sagen. „Die Mannschaft sagt nichts mehr, weil sie sich auf ihren Auftrag konzentrieren will, den Aufstieg“, teilte Trainer Markus Babbel mit. Dies allerdings ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Spieler wollten mit ihrer Maßnahme außerdem dokumentieren, dass sich hinter Torwart Maikel Aerts gestellt haben, „einen aus ihren Reihen“, der sich im Nachlauf des 2:2 gegen Cottbus, so Babbel, „übelste Kritik“ habe gefallen lassen müssen. Ich empfinde das nach wie vor als übertrieben dünnhäutig, aber es steht den Herrschaften natürlich frei zu schweigen.