Hertha, das Derby und das Gefühl der Niederlage

(sto) – Auch für Derby-Siege werden nur drei Punkte vergeben. Hat Markus Babbel vorher so gesagt. Im Umkehrschluss werden Derby-Niederlagen nur mit null Punkten bewertet und nicht etwa mit dem Abzug von fünf Prestigepunkten bestraft. Sage ich. Und doch sagte der Trainer von Hertha BSC am Vormittag nach dem 1:2 gegen den 1.FC Union: „In dieser Saison war das für mich ganz bestimmt die bitterste Niederlage.“

Nanu – schmerzt Babbel die Niederlage gegen den Lokalrivalen nun etwa doch mehr als vorher angenommen? Klare Antwort: Nein! Ob Union oder ein x-beliebiger anderer Gegner – Babbel schmerzte die Niederlage deshalb so besonders, weil sie „unnötig und ärgerlich“ war. Weil sie so zustande kam: Gut angefangen, mangelhaft nachgesetzt, ungenügend gefightet. Gegen Union trotz früher Führung verloren zu haben, „lag nur an uns, nicht am Gegner“, sagte Babbel.

Sechs Nationalspieler auf Reisen

Ihr merkt es schon: Am Tag danach herrschte bei den Derby-Verlierern/-Versagern (an dieser Stelle darf sich jeder seine Wunschformulierung aussuchen) betonte Nüchternheit vor. Es wurde in kleiner Gruppe ausgelaufen, das heißt: Es wurde quer übers Feld auf vier kleine Tore gekickt. Nicht mit dabei waren: Aerts und Lell, die in der Kabine regenerierten; Ronny, dem eine Stauchung des rechten Sprunggelenks zwei bis drei Tage Trainingspause auferlegt; Peter Niemeyer, der nach seinem heftigen Zusammenprall mit Unioner Parensen über Übelkeit plagte – das klassische Symptom einer (in seinem Fall zum Glück nur leichten) Gehirnerschütterung; Pierre-Michel Lasogga, der nach seinem Kreuzbandanriss Mitte der Woche ins Mannschaftstraining zurückkehren wird; Marco Djuricin, der im Training der U23 eine Wadenprellung erlitten hat – und deshalb auch Samstag nicht auf der Ersatzbank saß; und die Nationalspieler Hubnik, Friend und Kobiashvili, dazu U21-Nationalspieler Neumann und U20-Nationalspieler Perdedaj. (Adrian Ramos reist erst Montag nach Madrid, wo er mit Kolumbien auf Welt- und Europameister Spanien treffen wird.)

Babbel beklagte – zum wievielten Male eigentlich? – fehlende Konsequenz und Entschlossenheit seiner Spieler. Er klagte über das allzu läppische Verhalten der Mauer, die beim Freistoß zum 1:2 keine war. Und er gestand immerhin ein, dass man – Stichwort Auswechslungen – „im Nachhinein immer schlauer“ sei. Doch wie Babbel es bei diesem Thema auch drehen und wenden mochte – wirklich schlüssig klang keine seiner Begründungen, weswegen er nicht früher und oder mutiger als nur Position-für-Position gewechselt hatte.

Wie fühlt ihr euch?

So lässt ein 1:2 gegen den 1.FC Union weiter alle ratlos zurück – Spieler, Trainer, und auch uns Medienleute. Wie umgehen mit einem Spiel, in dem Hertha 30 Minuten lang im Stile eines Erstligisten kombiniert und einen Gegner an den Rand der Selbstaufgabe gespielt hat; aber eben auch mit einem Spiel, in dem Hertha nach dem sehr überraschenden Ausgleich bis zur Pause die Struktur verlor, was noch entschuldbar sein mag, aber auch danach keinerlei Zugriff mehr fand auf einen bei aller Liebe durch und durch limitierten, weil allenfalls kämpferisch überzeugenden Gegner – alles gut? Wohl kaum. Alles schlecht. Auch nicht. Also irgendwas zwischendrin. Aber was?

Der Länge und dem Inhalt eurer Kommentare entnehme ich, dass die Niederlage für euch mehr, viel mehr war als nur irgendeine Niederlage. Doch nun interessiert mich: Wie verhält es sich mit ein wenig Abstand? Alles genauso schlimm, noch viel schlimmer sogar? Oder stellt sich langsam das Gefühl ein, dass – alle Fußball-Romantik mal beiseite geschoben – es eben doch nur eine Niederlage war, die rein faktisch nicht mehr und nicht weniger zählt als jede andere? Weicht der Frust dem Trotz: Dann feiert eben, liebe Köpenicker, feiert unsretwegen 25 Jahre lang – weil es für euch und euren Klub, eure Liebe, euren Stolz wenig anderes als vereinzelte emotionale Highlights zu feiern gibt; aufgestiegen wird anderswo!

Ich bin gespannt!