2011 – ein Fußballmärchen zwischen Berlin und Wolfsburg (part II)

(sto) – Weiter geht es mit der ultimativen Vorschau auf das Jahr 2011. Wird Bundesliga-Rückkehrer Hertha BSC in gewohnter Umgebung wieder Erfolg beschieden sein? Wie ergeht es dem GröFuMaZ eine Etage tiefer? Doch lest am besten selbst. . .

Juli: Der Saisonstart rückt näher, und wo es schon den Anschein hatte, als sollte Manager Preetz‘ düstere Prognose Wirklichkeit werden („Es wird kein Neuer mehr kommen“), sprudeln auf einmal die Millionen. Dem jüngsten Beispiel des Köpenicker Klubs und dem Alleingang seines Präsidenten Dirk Zingler folgend, der den Stadionnamen seiner Alten Försterei an „Holz Possling“ verkauft hat, ist auch das Olympiastadion seinen altehrwürdigen Namen los. Und die Umgestaltungsmaßnahmen machen selbst vor heiligen Insignien nicht Halt. Präsident Werner Gegenbauer hat an sämtlichen Gremien vorbei mit „Audi“ einen 100-Millionen-Euro-Deal (für fünf Jahre) eingefädelt. Doch die Vereinbarung sieht vor, dass die Ringe am Olympischen Platz neu angeordnet und um einen reduziert werden.

In Wolfsburg muss der GröFuMaZ nach dem Abstieg kleinere Brötchen backen. Für die drei ins Auge gefassten Zugänge Ivica Olic, Christopher Samba und Tomasz Kuszczak darf er gemäß Konzernbeschluss maximal 20 Millionen Euro ausgeben – und überzieht diese Summe nur um einen Hauch. Bei der Vorstellung der drei Neuen platzt der GröFuMaZ fast vor Stolz. „Alle drei kenne ich noch von früher“, sagt er. „Den Torwart von Manchester United verpflichtet man nicht alle Tage, den Stürmer des FC Bayern ebenso wenig. Und Samba wird seinem Namen gerecht werden und für brasilianische Spielfreude sorgen.“ Wohlwollende Hinweise, wonach es sich bei Olic um einen Sportinvaliden handelt, Kuszczak vielleicht nur … – tut der GröFuMaZ als „reine reine Neiddebatte“ ab.

August: Herthas Saisonstart glückt – und hinterlässt allüberall strahlende Gesichter. Nach dem 1:0 am ersten Spieltag in der Audi-Arena gegen den FC Bayern ruft Torwart Manuel Neuer einer enthusiasmierten A3-Kurve (vormals: Ostkurve) per Megafon entgegen: „Ihr seid die besten Fans, die ich kenne!“ Auch Pierre-Michel Lasogga ist glücklich. Sein Siegtor vor den Augen des Bundestrainers sichert ihm einem Startelf-Einsatz drei Tage später im Länderspiel gegen Brasilien. Löw badensert noch in Berlin Sätze wie „Es isch klarrr, der Pierre-Michel is im Moment einfach frischer als der Mario.“ In Wolfsburg atmet der GröFuMaZ derweil durch. Ein spätes Tor von Ilhan Mansiz – ein eingesprungener Kopfball – sichert ein 1:1 im Derby gegen Eintracht Braunschweig. Christopher Samba hatte den Aufsteiger in Führung gebracht, als er Friedrichs verunglückten Querpass ins eigene Netz bolzte. „Ich kann meiner Manndchaft keinen Vorwurf machen. Wir müssen nicht jedes Spiel gewinnen“, sagt Trainer Funkel.

Am letzten Tag der Transferfrist kehrt Marko Pantelic in die Bundesliga zurück – und unterschreibt bei Aufsteiger VfL Bochum. Wolfsburg (GröFuMaZ: „Ich kannte ihn noch von früher“) und Berlin (Preetz: „Ich wollte nie, dass Marko uns verlässt“) haben das Nachsehen. Bei seiner Vorstellung sagt Pantelic: „Ich habe mich für einen sehr guten Trainer entschieden.“ Der so gelobte Lucien Favre sagt: „Ich spüre, er hat etwas. Als er auf dem Markt war, habe ich ohne zu zögern Ja gesagt. Er kann uns helfen, aber es bleibt viel zu tun.“ Dem Vernehmen nach ist Pantelics Vier-Jahres-Vertrag mit 3,5 Millionen Euro jährlich dotiert – und enthält außerdem die Zusage für eine siebenjährige Anschlussanstellung als Sportdirektor.

September: Gegenüber der „BZ“ lüftet Trainer Markus Babbel (ja, den gibt es auch noch!) ein süßes Geheimnis: „Es werden Zwillinge.“ Während ganz Berlin schon über die Namen der beiden neuen Erdenbürger spekuliert – in einer Immer-Hertha-Umfrage liegen „Ulrich“ und „Dieter“ klar vorn – krempelt Babbel die Ärmel hoch und präsentiert stolz Hertha-Embleme auf beiden Oberarmen. Kurioser Verlauf des Spiels seiner Mannschaft derweil in Hoffenheim. Mit seinen ersten Pflichtspieltoren seit Oktober 2010 (gegen Ingolstadt) schießt Ramos Hertha im Alleingang zu einem wilden 4:4. In fließendem Spanisch sagt er nach Spielende: „Das war meine Antwort auf die Angebote der TSG.“ Deren Manager Ernst Tanner hatte seinem Berliner Kollegen Preetz bis Ende August per Email insgesamt drei Offerten übermittelt, davon ein „ultimatives Ablöseangebot in Höhe von 650000 Euro“.

Oktober: Das Aufgebot der DFB-Auswahl für das entscheidende EM-Qualifikationsspiel in der Türkei hält eine überraschende Personalie bereit: Bundestrainer Löw beruft Ronny ins Nationalteam. Sein leicht gequälter Gesichtsausdruck verrät Insidern aber den wahren Sachverhalt. Vorausgegangen war eine dem Vernehmen nach recht hitzige Diskussion. Löw enttäuschte, wie ehrfürchtig Bierhoff den Verhandlungserfolg des GröFuMaZ mit dem Bundesinnenministerium beklatscht hatte: Aufgrund bislang unbekannter Vorfahren aus dem Raum Sachsen erhielt Ronny auch ohne bestandenen Sprachtest den deutschen Pass. „Er … wird uns … sehr helfen“, stammelt Löw nun – und muss im Weiteren minutenlang erklären, weshalb er eigens für Ronny verdiente Spieler wie Lukas Podolski und Mesut Özil zu Hause lässt. Im Hintergrund lächelt der GröFuMaZ. Durch seine Einwechslung in der 89. Minute darf Ronny sich beim 0:0 in der Türkei fortan deutscher Nationalspieler nennen.

November: Am 30. des Monats liegt ein turbulenter Monat hinter Hertha – und ein turbulenter Abend vor den Mitgliedern, die sich zur turnusgemäßen Versammlung unter dem Funkturm eingefunden haben. Das Duell der Aufsteiger hatte 1:1 geendet, für Hertha traf Ronny mit einem Freistoß aus 38 Metern, für Bochum Marko Pantelic per Foulelfmeter mit einem Außenrist-Schlenzer. Während VfL-Coach Favre mit dem Ergebnis leben kann („Wir können besser, aber es ist okay. Marko hat gespielt wie Jesus“), gehen Preetz und Babbel mal wieder auf die Schiedsrichter los. Ihre Klage: Der Platzverweis gegen Ramos war unberechtigt, der Strafstoß für Bochum war tatsächlich Foul von Pantelic gegen Hubnik, Lasoggas Siegtor in der Nachspielzeit war kein Abseits. Und überhaupt. Und außerdem! Der DFB reagiert mit aller Härte. In einer nie zuvor dagewesenen Verfügung wird Babbel unter Hausarrest gestellt („Er bleibt in Berlin. Und zwar so lange, bis er darüber nachgedacht hat, was er da gemacht hat“), doch noch härter trifft es Preetz. Der Manager wird bis Saisonende gesperrt – und nie lassen sich so ganz Gerüchte zerstreuen, wonach nicht ganz zuständigkeitshalber eine hochrangige Person aus dem Umfeld der Nationalmannschaftsspitze Einfluss auf die DFB-Richter genommen haben soll.

Im ICC regt sich Wiederstand gegen Gegenbauer. Es liegen insgesamt 21 Abwahlanträge vor – elf davon nur gegen den Präsidenten, acht weitere gegen das komplette Präsidium sowie zwei auch gegen Aufsichtsratschef Bernd Schiphorst. Der empört sich: „So eine Unverschämtheit! Ich habe doch gar nichts gemacht!“ Sofort eilen zwei Beachvolleyballerinnen herbei – eine für jeden Abwahlantrag – und trösten Schiphorst. Gegenbauer klagt kurz über die ungleiche Behandlung durch die anwesende, aber reglos im Publikum sitzende Frauenmannschaft des FC Lübars und muss dann erklären, wie es zum umstrittenen Audi-Deal gekommen ist – und weshalb, zum Teufel, der Senat nun auf Zahlung offener Mietschulden bestehen kann und warum und weshalb der Hertha-Präsident dagegen keine Handhabe hat. Ein Kritiker (Heinz T., Name der Redaktion bekannt) schreitet ans Rednerpult und ruft: „Herr Gegenbauer, kehren Sie um! Hören Sie auf!“ Die Basis jubelt T. zu. Gegenbauer erklärt sich zu Gunsten des neuen Lieblings der Massen zum Rücktritt bereit, doch T. erklärt seinen Verzicht auf eine spontane Kandidatur. Wieder brechen Tumulte aus. Kein Abwahlantrag erhält die erforderliche Mehrheit. Erst um 2.38 Uhr ist die Versammlung beendet.

Dezember: Über die Stationen Kiel und Stendal hat Hertha beinahe sensationell das Achtelfinale des DFB-Pokals erreicht. Beide Male genügte ein Tor von Pierre-Michel Lasogga zu 1:0-Siegen, den Rest erledigte Manuel Neuer – und dann das: „Da zwei der vier für den heutigen Dienstag angesetzten Partien verschoben worden sind, entfällt die angekündigte Gesamtzusammenfassung“, schickt die Deutsche Presse-Agentur nachmittags eine brisante Meldung über den Sender. Sofort gerät Herthas hohe Hürde Heidenheim in den Hintergrund. Fußballspiele, verschoben – jetzt auch in Deutschland? In den Redaktionsstuben bricht Hektik aus. Aber der befürchtete Skandal fällt rasch in sich zusammen. Nur des anhaltenden Winter-Chaos‘ wegen sind die Partien verschoben worden – doch die Frage bleibt: Was (oder wem) im Fußball kann man überhaupt noch glauben?

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