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Der seltsame Fall des Mario Götze

Ondrej Duda kämpft wie Mario Götze um seine Reputation in der Bundesliga

Ondrej Duda kämpft wie Mario Götze um seine Reputation in der Bundesliga

Foto: firo Sportphoto/ Fabian Simons / picture alliance / augenklick/fi

Hinter mancher großen Geschichte steckt ein kleines Geheimnis. Es schrumpft die Geschichte auf Normalniveau. Es belegt, dass wir die Dinge gern größer sehen wollen, als sie eigentlich sind.

„Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi!“ Das hatte Joachim Löw dem im WM-Finale 2014 auf seine Einwechslung wartenden Mario Götze ins Ohr geflüstert. Götze kam rein gegen Argentinien. 113. Minute. „Mach iiiiiihn! Er macht iiiiiiiihn.“ Es war das Siegtor zum Titel, der Treffer seines Lebens. Er hievte Götze empor in einen Heldenstatus, so weit oben, dass ihm schwindelig werden und er irgendwann fallen musste. Besser als Messi. Das konnte nicht gut gehen.

Götzes Wechsel von Dortmund nach München war ein Fehler

Vier Jahre später hat es Mario Götze nicht geschafft, einen Platz im vorläufigen 27-Mann-Kader für die Weltmeisterschaft in Russland zu ergattern. Der Fall Götze, von ganz oben nach ganz unten, wirft so viele Fragen auf. Waren es falsche Karriereentscheidungen, die dazu führten? Der Wechsel von Borussia Dortmund zum Rekordmeister FC Bayern München 2013 darf als Fehler betrachtet werden. War es Pech? Ein halbes Jahr fiel Mario Götze 2017 wegen einer mysteriösen Stoffwechselerkrankung aus. Wahrscheinlich beides ein bisschen.

Und vielleicht verhält es sich bei ihm auch wie beim Löwschen Satz von Rio de Janeiro. In ihrem 2016 erschienen Buch „One Touch“ über Führungsstrategien schildern die Autoren Karin Helle und Claus-Peter Niem, wie es wirklich dazu kam. Helle und Niem führen in Dortmund die Agentur Coaching for Coaches. Zu ihrem Netzwerk gehören Jürgen Klinsmann, Joachim Löw und ein gewisser Peter Hyballa.

Das Geheimsnis hinter Löws Satz im WM-Finale

Hyballa war einst Götzes A-Jugendtrainer bei Borussia Dortmund. Bei einem Spiel gegen Bochum hatte er Götze eine Halbzeit lang auf der Bank schmoren lassen, weil dieser schlecht trainiert hatte. In der Pause sagte er zu ihm: „Jetzt zeig mal allen, dass du das Wunderkind bist!“ Götze kam rein und drehte das Spiel. Hyballa schilderte diese Begebenheit Helle und Niem.

Niem schickte Löw am Abend vor dem WM-Finale eine SMS nach Rio: „Wenn du Götze in einer engen Situation noch von der Bank bringen kannst (er dort schon länger schmoren musste), wird ihn genau das anstacheln (…). Wenn du ihn dann anstachelst: Zeig der Welt endlich einmal, dass du besser als Messi bist, dass du das Wunderkind bist!, wird er den Unterschied machen.“ Ein kleines Geheimnis hinter einer großen Geschichte.

Viele wollten Götze größer sehen, als er vielleicht wirklich war

Wer davon nichts weiß, der glaubt vielleicht an Schicksal. Der ist überzeugt, dass es so kommen musste damals in Rio. Dass dieser Götze ein Auserwählter war, um die deutsche Wartezeit auf den WM-Titel zu beenden. Ein Erlöser. Wer aber davon Kenntnis hat, der ahnt, dass es sich vielleicht einfach um eine glückliche Fügung des Augenblicks handelte. Dass da ein besonders talentierter Spieler stand, der hin und wieder auf besondere Art aus seiner Lethargie befreit werden musste.

Götze war immer einer für den besonderen Moment. Ein Fußball-Kleinkünstler, dessen Kunst in einzelnen Augenblicken aufflackerte, aber selten ein ganzes Spiel zu sehen war. Er hatte nur das Problem, dass man in ihm lieber einen Erlöser suchte. Das war schon früh in seiner Karriere so. Als er mit 17 im Profiteam des BVB debütierte und dann gegen Schweden bei der Nationalelf als jüngster Spieler seit Uwe Seeler. Wenn ein Stern so schnell aufsteigt, dann verglüht er manchmal auch schneller. Götze hatte den Erlöser-Erwartungen nach der WM 2014 kaum etwas entgegenzusetzen. Wir wollten ihn vielleicht viel größer sehen, als er tatsächlich war.

Im deutschen Fußball-Museum in Dortmund ist ein verschmutzter Schuh ausgestellt. Damit schoss Götze in Rio das Finaltor. Genau an diesem Ort erklärte Löw der Welt am Dienstag, dass Götze diesmal nicht mit zur WM fahren werde. Das ist eine besonders bittere Pointe in einer bitteren Geschichte.

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