Abstiegskampf

Im Krisenmodus: Wie geht’s weiter bei Hertha BSC?

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Inga Böddeling
Oliver Christensen und Hertha BSC rutschen immer tiefer Richtung Zweite Liga.

Oliver Christensen und Hertha BSC rutschen immer tiefer Richtung Zweite Liga.

Foto: Soeren Stache / picture alliance/dpa

Hertha BSC kämpft nach der 0:5-Klatsche gegen Wolfsburg gegen die Untergangsstimmung. Was nun?

Berlin.  Ein 0:5 gegen den VfL Wolfsburg, die schwächste Hinrunde seit der Saison 2009/10, im vierten Jahr in Folge im Abstiegskampf – bei Hertha BSC herrscht vor dem Derby am Sonnabend gegen den 1. FC Union (15.30 Uhr, Sky) Krisenstimmung. „Wir haben den Kopf verloren“, bilanzierte ein sichtlich resignierter Cheftrainer Sandro Schwarz. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Lage des Bundesliga-Vorletzten:

Muss Trainer Sandro Schwarz um seinen Job bangen?

Erst einmal nicht. Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic erklärte direkt nach dem 0:5 am Sky-Mikrofon, dass das Vertrauen in den Chefcoach „groß“ sei. „Er steht nicht ansatzweise zur Diskussion. Wir ziehen voll durch“, so der Manager.

Schwarz kennt die Mechanismen des Business nur allzu gut, ist auch selbstkritisch genug, um zu wissen, dass die schlechten Leistungen in erster Linie er zu verantworten hat. „Alle müssen sich kritisch hinterfragen, natürlich auch der Cheftrainer“, sagte der 44-Jährige. „Wir haben einen Schlag in die Fresse bekommen.“

Dass der Coach seinen Platz an der Seitenlinie nach einer möglichen Derby-Niederlage räumen muss, ist aber nicht zu erwarten. Die interne Unzufriedenheit mit dem sportlichen Abschneiden und damit eben auch mit der Arbeit des Trainers dürfte im Falle einer weiteren Pleite allerdings noch einmal größer werden.

Woran hapert es?

Das herbe 0:5 gegen Wolfsburg hat wieder einmal die Qualität der Mannschaft in Frage gestellt. Einzelne Spieler wie Maximilian Mittelstädt oder Ivan Sunjic erwischten einen rabenschwarzen Tag, mussten zur Halbzeit raus. Andere wie Jessic Ngankam oder Dodi Lukebakio, versuchten zwar irgendwie, das drohende Unheil abzuwenden, blieben aber weit unter ihren Möglichkeiten.

Das Problem ist die fehlerhafte Zusammenstellung des Kaders, die vor drei Jahren unter Jürgen Klinsmann begann. Auf eine homogene Gruppe wurde nicht geachtet, die Europa-Träumereien hatten Vorrang. Obwohl Bobic und Kaderplaner Dirk Dufner mittlerweile etliche Fehler mit Zu- und Abgängen ausgemerzt haben, passt das qualitative Gesamtbild (noch) nicht. Was auch mit der klammen Kasse der Berliner zu tun hat.

„Wir dürfen jetzt nicht in Mitleid verfallen“, meinte Schwarz, „müssen dagegen ankämpfen.“ Rückschläge und frühe Gegentore waren in der ersten Saisonhälfte tatsächlich kein K.o.-Kriterium für die Berliner. Ein Merkmal, von dem im Jahr 2023 nichts mehr zu sehen ist.

Wie bekommt Hertha bis zum Derby am Sonnabend noch die Kurve?

Hier ist jetzt der Trainer als Krisenkommunikator gefragt. So wehrlos wie die Mannschaft am Dienstagabend über den Rasen des Olympiastadions taumelte, braucht sie vor allem eines: Selbstvertrauen.

„Ich bin überzeugt davon, dass die Mannschaft es umsetzen kann“, sagte Schwarz. „Es gilt jetzt, die Grundtugenden wieder zu aktivieren.“ Heißt: Kampfgeist, Wille und eine ordentliche Portion Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Eine Einstellung, von der in den ersten beiden Pflichtspielen im Jahr 2023 nichts zu sehen war.

„Es gibt zwei Wege, mit dieser Niederlage umzugehen. Untergangsstimmung aufkommen zu lassen oder inhaltlich zu bleiben und konstruktiv damit umzugehen“, erklärte Schwarz. „Wir dürfen jetzt nicht so in Depression verfallen, dass du die Möglichkeit nicht mehr hast, das nächste Spiel zu gewinnen.“

Es braucht eine enorme Leistungssteigerung und auch ein wenig Fantasie, um das Duell mit dem Stadtrivalen aus Köpenick, der seit Saisonbeginn Stammgast im oberen Tabellendrittel ist, für Blau-weiß zu entscheiden.

Was macht noch Hoffnung?

Der Fehlstart mit null Punkten und obendrauf noch die Klatsche gegen den VfL könnten der dringend nötige Weckruf zur rechten Zeit gewesen sein. Noch hat Hertha eine gesamte Rückrunde Zeit, um sich aus dem Abstiegskampf zu verabschieden. 17 Spiele, in denen die Berliner ihre Bundesliga-Tauglichkeit nachweisen können.

Und dann wäre da noch Florian Niederlechner. Herthas neuer Stürmer trainierte am Mittwoch erstmals mit der Mannschaft, könnte am Sonnabend im Derby eine wichtige Option für die Offensive sein, nachdem er seine muskulären Probleme überstanden hat.

Wie haben die Fans reagiert?

Während es am Dienstagabend zur Halbzeit noch ein gellendes Pfeifkonzert gab, waren die Reaktionen nach Abpfiff fast schon wieder versöhnlich. Nach einem kurzen Schweigen war aus der Ostkurve ein aufmunterndes „Hahohe, Hertha BSC“ zu vernehmen. Es wurde geklatscht, ein wenig Aufbauarbeit geleistet. „Es ist selbstverständlich, zu den Fans in die Ostkurve zu gehen“, erklärte Trainer Schwarz hinterher. Der Chefcoach hatte seine Profis höchstselbst zum Anhang geschickt.

Die Bewährungsprobe für das wiedererstarkte Verhältnis zwischen Mannschaft und Fans wartet allerdings noch. Nach dem Derby im vergangenen April (1:4) hatten die Spieler ihre Trikots vor der Ostkurve ablegen müssen. Eine Aktion der Ultras, die auch innerhalb der Fangemeinde viel Kritik herbeigeführt und die den Zusammenhalt mitten im Abstiegskampf arg belastet hatte. Das Verhalten am Sonnabend – auch bei einer Niederlage – wird vieles über das Innenleben des Vereins aussagen.

Und was sagt der potenzielle Neu-Investor Josh Wander?

Der war am Dienstag zum ersten Mal im Olympiastadion zu Gast, saß mit einem blau-weißen Schal um die Schultern auf der VIP-Tribüne. Der Deal mit Wanders Unternehmen 777 steht vor der Vollendung. Dass der US-Investor nach dem Wolfsburg-Debakel noch einen Rückzieher macht und den Kauf von Lars Windhorsts Anteilen platzen lässt, käme überraschend.

Die Verhandlungen laufen seit Wochen, auch damals war Herthas sportliche Lage schon alles andere als rosig. Wander aber hat eine große Fußballleidenschaft, sieht wahrscheinlich eher das Potenzial, das der Krisenklub aus Westend gerade bietet.

Mit dem Abschluss der neuen Zusammenarbeit würde auch frisches Geld winken. Eine Kapitalerhöhung mit 100 Millionen Euro steht im Raum. Die Fans machten am Dienstagabend kein Geheimnis aus ihrer Meinung zur geplanten Übernahme durch 777. „Hertha BSC heißt unser Verein. Identität statt Marketing um jeden Dollarschein“, stand auf einem Plakat in der Ostkurve.

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