Derbe Pleite

So taumelt Hertha dem Abgrund entgegen

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Inga Böddeling und Lilly Purtz
Agustin Rogel, Lucas Tousart und Dodi Lukebakio (v.l.) kassieren mit Hertha BSC die höchste Niederlage in der bisherigen Saison.

Agustin Rogel, Lucas Tousart und Dodi Lukebakio (v.l.) kassieren mit Hertha BSC die höchste Niederlage in der bisherigen Saison.

Foto: Juergen Engler / picture alliance / nordphoto GmbH / Engler

Hertha präsentiert sich beim 0:5 gegen Wolfsburg wie ein Absteiger und steht vor dem Derby ordentlich unter Druck.

Berlin.  Sandro Schwarz‘ Laune war auf dem Tiefpunkt. Gut 200 Sekunden hatte es gedauert, bis all das, was sich Hertha BSC für das Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg vorgenommen hatte, hinfällig war. Der Trainer tobte an der Seitenlinie und steckte irgendwann resigniert seine Hände in die Jackentaschen.

Angefangen mit einem frühen Gegentor war die schwächste Hinrunde seit der Saison 2009/10 mit einem 0:5 (0:3) gegen die Niedersachsen am Dienstagabend besiegelt. Damals hatte der Berliner Fußball-Bundesligist sechs Punkte nach 17 Spieltagen vorzuweisen – und stieg am Ende ab. Jetzt sind es 14 Zähler. Der Weg zum rettenden Ufer wird ein steiniger.

Hertha BSC kassiert ein frühes Gegentor

„Das ist ein Schlag in die Fresse, aber richtig“, erklärte Trainer Sandro Schwarz. „Wir haben einen beschissenen Start hingelegt. Im Großen und Ganzen ist das enttäuschend.“ Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic war ähnlicher Meinung: „Die erste Halbzeit war das Schlechteste, was wir diese Saison gesehen haben. Das war unterirdisch. Neben sich zu stehen, nicht wach zu sein. Wir haben uns nicht dagegen aufgebäumt, sind kopflos rumgerannt.“

Für die eigentlich geplante Wiedergutmachung nach dem 1:3 am vergangenen Sonnabend in Bochum veränderte Trainer Sandro Schwarz seine Startelf auf zwei Positionen. Dodi Lukebakio kehrte nach Gelbsperre zurück, dafür saß Derry Scherhant auf der Bank. Und der zuletzt schwache Jean-Paul Boetius wurde durch Suat Serdar ersetzt.

Während Wolfsburg da weitermachte, wo man am vergangenen Wochenende beim 6:0 gegen Freiburg aufgehört hatte, knüpfte auch Hertha an den blutleeren Auftritt von Bochum an. Ideenlos im Ballbesitz, kopflos in der Abwehr und offensiv kaum zu sehen.

Ein Freistoß von der rechten Seite eröffnete das Trauerspiel. Wolfsburgs Patrick Wimmer trat den Ball Richtung Strafraum, wo ihn Mattias Svanberg völlig frei in der Luft annahm und direkt verwandelte – 0:1 (4.). Auf eine Reaktion von Hertha wartete man vergeblich.

Rogel sieht fünfte gelbe Karte und fehlt im Derby

Stattdessen legte der VfL nach, wurde aber vom Linienrichter am Jubeln gehindert. Svanberg blieb sein zweiter Treffer wegen Abseits verwehrt (22.). Lange dauerte es aber nicht, bis der Berliner Strafraum wieder zur Gefahrenzone wurde.

Augstin Rogel kassierte nach einer ungeschickten Rettungstat an der Strafraumgrenze seine fünfte gelbe Karte, fehlt im Derby am Sonnabend gegen den 1. FC Union – und löste mit seinem Foul eine Kette betrüblicher Ereignisse aus. Den Wolfsburger Freistoß aus zentraler Position wehrte Dodi Lukebakio mit dem Arm ab.

Schiedsrichter Tobias Reichel blieb gar nichts anderes übrig, als auf den Elfmeterpunkt zu zeigen. VfL-Kapitän Maximilian Arnold trat an und verwandelte sicher im rechten Eck (31.). Auf das 0:2 folgte nur drei Minuten später Gegentor Nummer drei. Ivan Sunjic verlor den Ball im Mittelfeld. Das Spielgerät landete über zwei Stationen bei Jonas Wind, der von der rechten Seite ganz unbedrängt per Heber vollendete (34.).

Hertha BSC bringt offensiv nichts Gefährliches zustande

Die Stimmung war ungefähr da, wo sich auch die Temperaturen befanden: am Gefrierpunkt. Wie schlimm es um den Hauptstadtklub wirklich steht, war daran zu sehen, dass es höhnischen Applaus von den mit 29.483 Zuschauern spärlich besetzten Rängen gab, wenn mal ein Pass ankam. In die Pause ging es mit einem gellenden Pfeifkonzert.

Dass so nicht weitergehen konnte, war allen Beteiligten klar. Trainer Schwarz wechselte gleich dreifach, brachte nach der Halbzeit Jessic Ngankam, Marvin Plattenhardt und Filip Uremovic für Rogel, Maxi Mittelstädt und Sunjic. Kurz vor Wiederanpfiff war es Kevin-Prince Boateng, der die Mannschaft in seiner Rolle als emotionaler Leader noch einmal aufrüttelte. Oder es zumindest versuchte.

Die Bemühungen endeten immerhin im ersten Berliner Torschuss, den Lukebakio in der 51. Minute Richtung Wolfsburger Kasten abgab. Und kurz hatte es tatsächlich den Anschein, als könnte Herthas Offensive noch etwas Produktives zum Spielgeschehen beisteuern. Die Versuche von Uremovic (65.) und Ngankam (67.) blieben aber harmlos.

Jetzt wartet das Stadtduell gegen Union auf die Berliner

Die Wolfsburger waren effizienter und nutzten einen ihrer wenigen Torschüsse in der zweiten Hälfte für den vierten Treffer. Svanberg legte auf den herbeieilenden Ridle Baku ab, der ungehindert einnetzen durfte (72.). Omar Marmoush besorgte mit einem Solo den 0:5-Endstand (87.).

0:5 – Herthas höchste Niederlage in dieser Saison. Zu einem Zeitpunkt der kaum ungünstiger sein könnte. Mitten im Abstiegskampf und kurz vor dem Derby gegen Stadtrivale Union am kommenden Sonnabend. Nach dem Schlusspfiff scheuchte Schwarz seine Mannschaft in die Ostkurve. Statt Häme und Frust bekamen die Profis dort aufbauende Worte und ein bisschen Rückendeckung mit auf den Weg ins Duell um die Stadtmeisterschaft.

„Das Spiel gilt es jetzt aufzuarbeiten, das wird sehr hart werden, meinte Manager Bobic. „Wir werden das klar ansprechen, damit die Mannschaft am Wochenende spielerisch und geistig auf der Höhe sein wird.“

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