Pleite in Bochum

Hertha rutscht in die rote Zone

| Lesedauer: 6 Minuten
Inga Böddeling
Maximilian Mittelstädt (r.) und Hertha BSC ärgern sich über den Fehlstart ins Fußball-Jahr 2023.

Maximilian Mittelstädt (r.) und Hertha BSC ärgern sich über den Fehlstart ins Fußball-Jahr 2023.

Foto: David Inderlied / dpa

Hertha zeigt beim 1:3-Fehlstart in Bochum eine erschreckend schwache Leistung und ist Vorletzter.

Berlin.  Es war ein frommer Wunsch, der durchs Ruhrstadion dröhnte. „Zweite Liga, nie mehr, nie mehr“, sangen die Fans. Die des VfL Bochum, der dem Klassenerhalt am Sonnabend tatsächlich ein kleines Stück näher rückte. Hertha BSC aber muss sich mehr denn je mit dem Gang in die Zweitklassigkeit beschäftigen. Im ersten Pflichtspiel des Jahres erwischte der Berliner Fußball-Bundesligist einen herben Fehlstart und verlor mit 1:3 (0:2) in Bochum. Die Konsequenz: Platz 17 und damit ein direkter Abstiegsplatz.

„Ich bin sehr sauer“, erklärte Trainer Sandro Schwarz. „Dass wir nach dem 0:1 nicht mehr aggressiv genug waren, nicht mehr ins Spiel zurückgekommen sind, das war nicht das, was wir nach einem Rückstand schon gezeigt haben.“ Marco Richter ärgerte sich über „viel zu leichte Tore. Wenn wir so auftreten, müssen wir gar nicht von irgendwelchen Punkten reden.“ Teamkollege Maximilian Mittelstädt, der auf der linken Abwehrseite für Marvin Plattenhardt ran durfte, sah das ähnlich: „Das ist extrem bitter. Wir müssen uns an die eigene Nase fassen. Bochum war super effektiv.“

Bochum macht aus fünf Chancen drei Tore

Aus fünf Torchancen machte der einstige Vorletzte drei Tore, die Hertha allesamt schwach verteidigte. Erst traf Bochums Toptorschütze Philipp Hofmann nach einer Flanke von Philipp Förster per Kopfball zum 1:0 für die Platzherren (22. Minute) – auch weil Herthas Marc Kempf dem Stürmer im Luftduell kaum Paroli bieten konnte. Kurz vor der Pause war es VfL-Debütant Keven Schlotterbeck, der nach einem Eckball völlig frei am zweiten Pfosten einnetzen durfte (44.).

Das 3:0 für Bochum fiel nach einem sauber ausgespielten Konter. Während sich Christopher Antwi-Adjei auf den Weg in die Berliner Hälfte machte, liefen die Profis aus der Hauptstadt nur hinterher. Bochums Flügelspieler legte in die Mitte ab auf Hofmann, der aus der Drehung abzog. Weil Mittelstädt den Ball noch abfälschte, war Hertha-Keeper Oliver Christensen machtlos gegen die entstandene Bogenlampe (56.).

Scherhant mit Startelf-Debüt für Hertha

Nach nicht einmal einer Stunde war das Spiel entschieden, die Bewährungsprobe nicht bestanden. „Das war scheiße, wir müssen das jetzt knallhart analysieren, die Beine wieder in die Hand nehmen und kämpfen“, erklärte Richter, der den gelbgesperrten Dodi Lukebakio auf der rechten Außenbahn ersetzte. Auf der linken Seite feierte Derry Scherhant sein Startelfdebüt für Hertha.

Über die Flügel ging offensiv dann aber ebenso wenig wie durchs Mittelfeld, wo Jean-Paul Boetius für den kurzfristig ausgefallenen Stevan Jovetic (muskuläre Probleme) begann. Von dem, was Trainer Schwarz seiner Mannschaft im Trainingslager in Florida in Sachen Torgefahr eingebläut hatte, war nichts zu sehen.

Flanken flogen ins Leere, Zweikämpfe gingen zu schnell verloren, im Ballbesitz wirkten die Berliner allzu oft unbeholfen und Ideen nach vorn suchte man vergeblich. Bochum zeigte stattdessen die Tugenden, die es in der roten Zone der Tabelle braucht – Kampfgeist, Wille und eine ordentliche Portion Durchsetzungsvermögen. Anschauungsunterricht für den Hauptstadtklub.

Schwarz ärgert sich über aberkanntes Tousart-Tor

Dabei war die Hoffnung auf einen Befreiungsschlag im Tabellenkeller nach zehn Minuten noch enorm groß gewesen. Boetius hatte auf Richter abgelegt, der sich im Strafraum behauptete und Ersatz-Kapitän Lucas Tousart fand. Der Franzose zog aus zehn Metern ab und versenkte den Ball durchaus sehenswert im Winkel (11.).

Es dauerte gut zwei Minuten, bis die Ernüchterung den Jubel vertrieb. Schon Momente vor der Flanke von Boetius hatte Herthas Mittelfeldmann den Ball Richtung Strafraum getreten, ihn dabei aber erst im Toraus getroffen. Der VAR entschied, dass es sich um die gleiche Spielsituation handelte, auch wenn Bochums Saidy Janko zwischenzeitlich am Ball gewesen war. Weil der VfL-Verteidiger das Spielgerät aber nicht kontrollieren konnte und daraus das Tor von Tousart entstand, zählte der Treffer eben nicht.

„In meinen Augen hat er den Ball am Fuß und demnach ist es eine neue Spielsituation“, meinte Chefcoach Schwarz, der nach Schlusspfiff noch lange mit Schiedsrichter Martin Petersen diskutierte. „Für mich ein Tor, das gegeben werden muss und für uns ein wichtiges Tor, das den Spielverlauf auf unsere Seite gezogen hätte.“

Am Dienstag trifft Hertha BSC auf den VfL Wolfsburg

Daran, dass Hertha in Bochum eine der schwächsten Saisonleistungen zeigte, änderten aber weder Tousarts Tor noch die Ergebniskosmetik durch den eingewechselten Suat Serdar kurz vor Schluss (87.) etwas. Auch ein Dreifachwechsel von Scherhant, Ivan Sunjic und Boetius zu Serdar, Myziane Maolida und Jessic Ngankam brachte nichts mehr.

Das 1:3 offenbart, dass die Berliner von der Aufbruchstimmung vor der Winterpause wenig bis gar nichts konservieren konnten. Spätestens jetzt sollte das Wörtchen Abstiegskampf auch in der Kabine angekommen sein.

Wie sehr das Selbstvertrauen gelitten hat, wird sich am Dienstag zeigen. Dann ist der VfL Wolfsburg zu Gast im Olympiastadion (20.30 Uhr, Sky), der am Sonnabend ein 6:0 gegen Freiburg feiern durfte. „Da kommt ein super Gegner auf uns zu“, so Richter, „aber wir haben schon bewiesen, dass wir Fußball spielen können.“ Das muss Hertha jetzt gegen Wolfsburg wieder zeigen.

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