Kolumne Immer Hertha

Herthas Abenteuer Amerika: Scheidung unter Palmen

| Lesedauer: 5 Minuten
Inga Böddeling
In der IMG Academy in Bradenton bereitet sich Hertha BSC auf die zweite Saisonhälfte in der Fußball-Bundesliga vor.

In der IMG Academy in Bradenton bereitet sich Hertha BSC auf die zweite Saisonhälfte in der Fußball-Bundesliga vor.

Foto: Inga Böddeling

Das Trainingslager von Hertha BSC in Florida hält viele überraschende Entdeckungen bereit, schreibt Inga Böddeling.

Ich musste 8.000 Kilometer weit reisen, um festzustellen, dass es etwa 48 verschiedene Arten gibt, Uno zu spielen. Die Zwei-ziehen-Karte auf eine andere legen? In Ordnung. Aber auf eine Vier-Ziehen-Karte? No way. Wahllos dazwischenwerfen, wenn man gerade die richtige Karte zur Hand hat? Auch kein Problem.

Und wer als Erstes 500 Punkte hat, der gewinnt. War mir auch neu, kam mir aber direkt entgegen. Weil Sportjournalisten von Natur aus auf Siege und Niederlagen gepolt sind, haben wir uns in unserer Kollegen-WG hier in Florida schon epische Uno-Schlachten geliefert. Mit Regel-Wirrwarr kennt man sich eben aus, wenn man über die Fußball-Bundesliga berichtet.

Milch in Vier-Liter-Kanistern und 40 kleine Flaschen Wasser

Das Abenteuer Amerika, das auch Hertha BSC mit seinem Trainingslager in Bradenton am Golf von Mexiko gerade erlebt, hat aber noch mehr zu bieten als Kartenspiele. Es ist zum Beispiel völlig in Ordnung, an einer Ampel einfach rechts abzubiegen. Egal ob rot oder grün. Es sei denn, es wird explizit verboten. Straßenschilder, die vor Alligatoren warnen, sind so normal wie bei uns in Deutschland die Parkverbotsschilder. Und rechts überholen ist auch nicht so wild. Kleiner Herzkasper inklusive.

Angeblich gibt es hier in unserer beschaulichen Wohnsiedlung sogar Hunde, die schlauer sind als US-Präsident Joe Biden. So steht es zumindest auf einem Auto, das gleich neben einer Flagge mit dem Konterfei von Donald Trump parkt.

Autos sind ein gutes Stichwort. Die sind hier genauso eine Nummer größer wie Toastpackungen, Milchkanister und Joghurtbecher. Wer braucht schon das in Deutschland gängige Sixpack mit sechs Eineinhalb-Liter-Flaschen Wasser, wenn er auch 40 kleine Plastikfläschchen kaufen kann?

Scheidung funktioniert fast im Vorbeifahren

Spannend ist auch die Drive-in-Kultur hier – oder Drive-thru wie es in Amerika heißt. Hinfahren, durch ein Fenster einsammeln, weiterfahren. Was man in Deutschland vor allem bei McDonald’s kennt, gibt’s hier an jeder Ecke. Beim Donutshop, beim Handyanbieter, beim Kaffeeladen und sogar bei der Bank. Der Floridianer im Allgemeinen bewegt sich offenbar nicht allzu gern aus seinem Auto heraus.

Das war’s aber noch nicht mit den außergewöhnlichen Entdeckungen, die es hier zu machen gibt. Auf dem Weg zur IMG Academy, zu Herthas Trainingsgelände, steht ein kleines unscheinbares Häuschen. Eine weiße Bretterbude. An zwei Seiten hängen riesige Schilder, „asap divorce“ steht drauf — schnellstmögliche Scheidung. Hier hält man sich also nicht lange mit Unannehmlichkeiten auf.

Das kleine weiße Haus ist wahrscheinlich die Lösung für diejenigen, die etwas weiter die Straße runter beim Wahrsager waren. Auch das ist hier im Sunshine State ein großes Ding — palm reading, Handlesen. Wahlweise auch Kartenlegen, wer da mehr Vertrauen hat. Dort erfährt man auf jeden Fall alles, was man nicht über sein Leben wissen wollte.

Die Wahrsagerinnen hätten mit Hertha BSC einiges zu tun

Von Hertha ist dem Vernehmen nach noch niemand da gewesen. Auch wenn es reichlich Fragen gibt, auf die sie beim Hauptstadtklub schon jetzt gern eine Antwort hätten. Wann geht’s raus aus dem Tabellenkeller? Können die Profis ihren Urlaub ab dem 27. Mai buchen? Oder erst nach der Relegation Anfang Juni? Wo geht’s ab Juli weiter? Erstklassig oder im Unterhaus? Und was passiert eigentlich mit Fredi Bobic? Bleibt der Sport-Geschäftsführer, oder geht er doch zum Deutschen Fußball-Bund?

Noch müssen sie bei Hertha nicht auf Esoterisches oder Übersinnliches zurückgreifen. Der Glaube an eine weniger turbulente Rückrunde als im vergangenen Jahr ist intakt. Die Spieler beschäftigen sich ja angeblich sowieso nicht mit dem Thema Abstiegskampf. In der Sonne Floridas sind Last-minute-Pleiten an kalten Sonnabendnachmittagen auf den Bundesliga-Plätzen in der Heimat eben auch ganz weit weg.

Dann lieber noch die Annehmlichkeiten des südöstlichsten Bundesstaates der USA genießen, so lange es geht. Das werde ich auch tun. Inklusive Waffeln zum Frühstück – daran könnte ich mich durchaus gewöhnen. Falls das noch nicht deutlich wurde: Ich bin das erste Mal in den USA. Und bestaune jede Palme, jede Hausecke und die Familienpackung Cookies wie ein Kind den Weihnachtsbaum. Und ich musste feststellen: Sonnenbrand kann man sich auch im Januar holen.

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