Immer Hertha

Das Berliner Derby findet überall statt

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Inga Böddeling
Oliver Christensen hofft, irgendwann nicht nur bei Hertha BSC die Nummer eins im Tor zu sein.

Oliver Christensen hofft, irgendwann nicht nur bei Hertha BSC die Nummer eins im Tor zu sein.

Foto: O.Behrendt / picture alliance / contrastphoto

In der dänischen Nationalmannschaft kämpfen Herthas Christensen und Unions Rönnow um die Zukunft im Tor.

Kasper Schmeichel gab seine Handschuhe ab. Schon nach dem ersten Spiel, nach diesem 0:0 gegen Tunesien, mit dem die dänische Nationalmannschaft am Montag in die Fußballweltmeisterschaft in Katar startete. War’s das für die Nummer eins der Skandinavier? Weiße Weste und tschüs? Und ist das jetzt die Chance für Berlin, bei diesem Turnier mitzumischen?

Nationalspieler aus der Hauptstadt sucht man bislang vergeblich auf dem grünen Rasen im Wüstenstaat. Und das wird auch wohl erst mal so bleiben. Es sei denn, Schmeichel findet wirklich keine neuen Handschuhe. Erst dann wären sie gefragt: die beiden Profis, die die Ehre der Berliner Bundesligisten in Katar hochhalten.

Union Berlins Rönnow scheint die Nase noch vorn zu haben

Oliver Christensen, Keeper von Hertha BSC. Und Frederik Rönnow, Torhüter des 1. FC Union. Beide wurden in den WM-Kader der Dänen berufen. Beide haben aber nur ihr Plätzchen auf der Ersatzbank sicher. Und beide kämpfen um die Zukunft zwischen den Pfosten des Europameisters von 1992. Das Derby, es hat sogar die arabische Halbinsel erreicht.

Wenn man sich die TV-Präsenz vom Montag noch einmal zu Gemüte führt, dann hat Herthas Christensen die schlechteren Karten. Der Gute-Laune-Bär bei den Blau-Weißen war auf den Fernsehbildern kaum zu sehen. Rönnow wurde auf dem Weg in die Fankurve gleich mehrmals gezeigt. Ich geb’s zu: Das sind Eindrücke aus der Kategorie „Fakten, die kein Mensch braucht“. Handfester wird es, wenn man sich das Ergebnis des ersten Stadtduells in dieser Bundesligaspielzeit anschaut. Christensen: 0. Rönnow: 1.

Abgesehen davon hat der Keeper der Köpenicker aber auch sportlich die Argumente auf seiner Seite. Er ist mit 30 Jahren der Ältere, der Erfahrene, ist nach der WM 2018 und der EM 2021 beim dritten Turnier dabei. Christensen erlebt im zarten Alter von 23 seine allererste Weltmeisterschaft.

Die besten Geschichten schreibt der Fußball, wenn das Unerwartete eintritt

Aber seien wir mal ­ehrlich: Der Fußball schreibt doch dann die schönsten Geschichten, wenn es nicht so läuft, wie es die Zahlen, Daten und Erwartungen vermuten lassen. Wenn plötzlich der Spieler auf dem Feld steht, mit dem überhaupt niemand gerechnet hat.

Hören Sie hier auch den „Immer Hertha“-Podcast.

Wir erinnern uns kurz an die WM 2006 in Deutschland, als Bundestrainer Jürgen Klinsmann urplötzlich Jens Lehmann zur Nummer eins berief und Oliver Kahn auf der für den Titan völlig ungewohnten Auswechselbank Platz nehmen musste. Der Rest ist Geschichte – inklusive Elfmeter­spickzettel im Stutzen.

Und auch Christensen hat etwas Ähnliches erlebt. In der Relegation gegen den Hamburger SV im vergangenen Mai ersetzte der junge Däne (an dieser Stelle viele Grüße an Felix Magath) den verletzten Marcel Lotka. Sein Tanz vor den Fans, vor dem Auswärtsfanblock im Volksparkstadion, sprach nach dem geglückten Klassenerhalt Bände.

Generationenwechsel können schnell vonstatten gehen

Tja, und wie geht das Derby in Katar nun aus? Schmeichelhaft wahrscheinlich. Sollte der Torwart des französischen Erstligisten OGC Nizza fit bleiben, führt kein Weg an Schmeichel vorbei. Weil der englische Meister von 2016 aber auch schon 36 Geburtstage gefeiert hat, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die nächste Generation an der Reihe ist.

Wie schnell so ein Wechsel vonstattengehen kann, zeigen die vergangenen Jahre in Berlin. Union stieg auf, reüssierte, spielt in Europa, stellt Stadionpläne vor und hat ganz nebenbei noch ein konkurrenzfähiges Frauenteam in der Regionalliga am Start. Und Hertha? Zieht jetzt so langsam, aber sicher nach.

Das nächste Derby in der Liga steht im Januar an

Der Traum von einer eigenen Arena hat durch Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) Rückendeckung bekommen. Die Mitgliederversammlung hat entschieden, eine Abteilung für Mädchen- und Frauenfußball aufzubauen. Und mit Trainer Sandro Schwarz scheint jemand in Westend zu arbeiten, dem der Wiederaufbau tatsächlich gelingen könnte.

Sollte das zeitnah funktionieren, könnte auch Christensen davon profitieren. Zur nächsten Europameisterschaft 2024 hätte der Däne eine angenehm kurze Anreise. Das Berliner Olympiastadion steht als Austragungsstätte ja sogar als Finalort fest. Ob das Derby zwischen Herthas Keeper und Unions Rönnow dann einen Gewinner hat, bleibt abzuwarten. Erst mal stehen sich beide Ende Januar wieder gegenüber. Und da hat Christensen in jedem Fall noch eine Rechnung offen.

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