Hertha BSC

Hertha im Abstiegskampf: Störgeräusch aus der Ich-AG

| Lesedauer: 5 Minuten
Jörn Lange
Ich war’s: Santiago Ascacibar feiert sein erstes Tor für Hertha BSC. Später gab es einen Rüffel von Trainer Pal Dardai.

Ich war’s: Santiago Ascacibar feiert sein erstes Tor für Hertha BSC. Später gab es einen Rüffel von Trainer Pal Dardai.

Foto: Tobias Schwarz / AFP

Zu wenig taktische Disziplin, zu viel Ego-Gebaren: Die falsche Einstellung einiger Profis gefährdet die Mission Klassenerhalt.

Berlin. Wenn Sami Khedira Tacheles redet, lohnt es sich, zuzuhören. Der Rio-Weltmeister hat in den vergangenen 15 Jahren in vier Vereinen und drei verschiedenen Ländern gespielt, kann insgesamt knapp 450 Einsätze auf Klub-Ebene vorweisen. Zu behaupten, Khedira (34) kenne sich mit den atmosphärischen Feinheiten und Dynamiken von Fußball-Mannschaften aus, ist daher keine allzu gewagte These. Und umso alarmierender klangen am Sonnabend seine Worte.

„Ich habe noch nie ein Fußballspiel durch einen Einzelnen gewonnen“, sagte der Routinier nach dem 2:2 (1:2) gegen Borussia Mönchengladbach, bei dem es Hertha trotz 77 Minuten in Überzahl nicht gelang, drei Punkte zu ergattern. „Wir sind zu elft“, betonte Khedira, „das müssen einige noch begreifen.“

Trainer von Hertha BSC ärgert sich über „egoistische Gedanken“

Vor allem in Halbzeit eins trug der Auftritt der Berliner bedenkliche Züge. Trotz nominellen Übergewichts und 1:0-Führung hatten die Gastgeber die Partie aus der Hand gegeben, verloren erst ihre taktische Disziplin und damit beinahe auch das Spiel. Erst die Umstellungen nach der Pause verliehen dem Team wieder mehr Struktur, allerdings ging damit neuer Ärger einher.

Denn die Einwechslung von Khedira bedeutete die Auswechslung von Santiago Ascacibar, der nicht nur wegen seines Tores aufgefallen war. Frustriert stapfte der Argentinier vom Feld, verzichtete auf einen Handschlag mit Trainer Pal Dardai und schalteten in den Schmoll-Modus. Für den Coach ein echtes Problem.

„Bei einigen Spieler muss man die Auswechslung erklären“, ärgerte sich Dardai am Sonntag: „Jeder findet sich sehr wichtig, aber wenn einer so ein Gesicht zieht, ist das respektlos gegenüber den Mitspielern. Das finde ich nicht okay.“ Im Abstiegskampf sei kein Platz für „egoistische Gedanken“, stattdessen brauche es eine Einheit, ein Team – eine Mannschaft, in der jeder dem anderen hilft. „Wenn das nicht so ist“, prophezeite der frühere Profi, „dann gibt es ein böses Ende.“

Ohne Teamgeist bekommt Hertha BSC Probleme

Nun ist Ascacibar in der Vergangenheit weder als Diva aufgefallen, noch lieferte er am Sonntag ein schlechtes Spiel. Neben seinem Tor zeigte er noch weitere Offensivaktionen. So war das 2:2 durch Jhon Córdoba das Resultat eines Fernschusses des galligen Sechsers. Womöglich hatte er sich also noch mehr zugetraut und war deshalb nicht besonders glücklich über das vorzeitige Ende seines Arbeitstages, doch zugleich sendete er mit seinem Gebaren das Signal, sein Wohl stehe über dem der Mannschaft.

Bedenklich war dieses Zeichen auch deshalb, weil es ein Stück weit dem Spiegelbild der Leistung glich. Ja, Ascacibar spielte mit seinen zwei Torbeteiligungen zwar eine positive Rolle, aber seine strategischen Defizite blieben unübersehbar. Zu oft ließ sich der Mittelfeldspieler im Spielaufbau zu weit absinken oder verschleppte das Tempo, zu selten sah er die Anspielstationen auf den Außenbahnen. „Wir haben keinen Sechser in der Dreierkette gebraucht“, sagte Dardai, „sondern Druck.“

Jener entfaltete sich erst mit Khedira – wohl auch, weil der Star-Zugang für mehr Ordnung auf dem Platz sorgte. Mit Khedira stand plötzlich ein Organisator auf dem Feld, der von seinen Mitspielern mehr Positionstreue einforderte. Die Folge waren viele Seitenverlagerungen, bei denen die dezimierten Gladbacher viel Laufarbeit verrichten mussten.

Hertha BSC braucht Khediras Qualitäten dringend

„Auf dem Platz fehlt Erfahrung“, betonte Dardai: „Es gab keinen, der das Spiel in die Hand genommen hat, deshalb ist Sami sehr wichtig.“ Zumal Hertha in den verbleibenden sechs Saisonspielen gegen die direkten Konkurrenten gefordert sein wird, die Initiative zu ergreifen. Die Berliner brauchen einen umsichtigen Taktgeber. Ascacibar dürfte das eher nicht sein.

Nun galt jedoch das, was für Ascacibar galt, auch für Hertha als Team: Längst nicht alles war gegen Gladbach schlecht. „Die Laufleistung war okay, Wille und Mentalität waren auch da“, sagte Dardai, „das war ein Riesen-Unterschied zum Spiel gegen Union.“ Darüber hinaus habe seine Mannschaft nach den zwei Gegentoren „eine gute Antwort“ gegeben.

Eine negative Grundstimmung will der Trainer gar nicht erst aufkommen lassen – er bleibt betont positiv. Und es stimmt ja: Unterm Strich ist Hertha in den jüngsten drei Spielen ungeschlagen geblieben, befindet sich oberhalb des gefürchteten Relegationsplatzes. Klar ist allerdings auch: Die kommenden Partien gegen Mainz (So., 18 Uhr), Freiburg, Schalke, Bielefeld, Köln und Hoffenheim werden hart. Sportdirektor Arne Friedrich ahnt: „Der Abstiegskampf wird bis zum Ende gehen.“

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