Hertha BSC

Trotz Überzahl: Hertha verpasst gegen Gladbach den Sieg

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Jörn Lange
Jhon Cordoba (r.) schiebt den Ball zum 2:2 für Hertha BSC in Tor.

Jhon Cordoba (r.) schiebt den Ball zum 2:2 für Hertha BSC in Tor.

Foto: Tobias Schwarz / dpa

Hertha BSC spielt gegen Gladbach 77 Minuten in Überzahl. Trotz 1:0-Führung reicht es am Ende nur zu einem Punkt.

Berlin. Jhon Córdoba hockte auf den Knien und vergrub das Gesicht tief in seinen Händen. Herthas Stürmer wusste: Die Chance, die er soeben über das Gladbacher Tor geköpft hatte, war die letzte in dieser unterhaltsamen Partie, in der die Berliner bis zum Schlusspfiff auf den Sieg gedrängt hatten. „Der Ball wollte einfach nicht rein“, sagte Kapitän Niklas Stark, „das ist bitter.“ So blieb es am Sonnabend bei einem 2:2 (1:2) – trotz 77 Minuten in Überzahl.

Dass für Hertha mehr möglich gewesen wäre, belegte die Statistik: 23 zu sieben Torschüsse, 62 Prozent Ballbesitz und elf zu drei Eckbälle standen dort zu Buche, weshalb dem Punktgewinn gegen den Favoriten der Geschmack einer vergebenen Gelegenheit anhaftete – vor allem wegen der zerfahrenen ersten Halbzeit.

„Wenn man 1:0 führt und in Überzahl ist, muss man das Spiel anders angehen“, sagte Mittelfeldspieler Sami Khedira, der deutliche Worte fand. „Wir müssen zusehen, dass wir über 90 Minuten als Mannschaft agieren und den Willen haben, das Spiel zu gewinnen. Daran müssen wir arbeiten!“

Hertha BSC weiß seine Überzahl nicht zu nutzen

Hertha-Coach Pal Dardai sah es ähnlich. „Mit der Führung und der Roten Karte sind wir nicht gut klargekommen“, sagte der Ungar, „vielleicht haben wir gedacht, dass wir das Spiel schon gewonnen haben.“ Dass seine Elf in Durchgang zwei deutlich verbessert auftrat, blieb zumindest ein kleiner Trost.

Ärgerlich war der verpasste Dreier auch wegen des Bielefelder Siegs am Abend zuvor, wodurch der Abstiegskonkurrent Boden gutmachte. „Jeder, der die Tabelle lesen kann, weiß, dass wir heute einen Sieg gebraucht hätten“, sagte Stark. Vorerst verbleibt Hertha mit nun 26 Punkten auf Platz 14. Die Verfolger Köln und Mainz duellieren sich erst am Sonntag.

Im Vergleich zum Derby hatte Dardai sein Team leicht verändert. Sechser Santiago Ascacibar ersetzte den gesperrten Lucas Tousart, zudem verdrängte der genesene Marton Dardai in der Abwehr Jordan Torunarigha. Zwei Personalien, die die erste Halbzeit maßgeblich prägen sollten.

Den ersten Aufreger initiiert der erst 19 Jahre alte Dardai, der den Ball hoch und weit in die gegnerische Hälfte schlug, genau in den Lauf des durchstartenden Córdoba. Gäste-Keeper Yann Sommer eilte aus seinem Strafraum und brachte den Kolumbianer zu Fall. Die Folge: glatt Rot (13.). Hertha also in Überzahl (bei Gladbach kam Ersatztorwart Tobias Sippel für Oscar Wendt) – und wenig später mit dem nächsten Mutmacher.

Ascacibar gelingt sein erstes Tor für Hertha BSC

Diesmal war es Ascacibar, der für Euphorie sorgte. Nach einer klugen Córdoba-Ablage zirkelte der Argentinier den Ball aus halbrechter Position und 17 Metern ins obere rechte Toreck. Gladbachs Kramer fälschte den Schuss noch ab, Keeper Sippel flog vergebens – 1:0 (23.). Für Ascacibar war es in seinem 16. Einsatz für Hertha sein erstes Tor.

Um ein Haar hätten die Hausherren sogar nachgelegt, nur geriet Córdobas Kopfball nach einem Cunha-Freistoß zu unplatziert (24.). Stattdessen meldete sich plötzlich die Borussia zurück. Nach flachem Steilpass von Marcus Thuram spurtete Alassane Pléa auf und davon und schob den Ball aus spitzem Winkel ins lange Eck – 1:1 (27.). „Wir haben uns auseinanderspielen lassen, obwohl wir ein Mann mehr waren“, ärgerte sich Dardai: „Das war naiv.“

Tatsächlich war von der Überzahl nun nicht mehr viel zu spüren. Offensiv agierten die Berliner zu statisch, in der Abwehr blieb die Anfälligkeit bei Vertikalbällen die Achillesferse.

Erschwerend hinzu kam eine unglückliche Aktion von Stark, die den Gästen einen Elfmeter bescherte. Nach einer schnellen Gladbacher Kombination brachte er im eigenen Sechzehner Thuram zu Fall. Den fälligen Strafstoß verwandelte Lars Stindl sicher – 1:2 (38.).

Córdoba trifft für Hertha BSC zum Endstand

Nach der Pause stellte Dardai um, brachte mit Krzysztof Piatek, Nemanja Radonjic und Marvin Plattenhardt neue Offensivkräfte, während Dodi Lukebakio, Deyovaisio Zeefuik und Maximilian Mittelstädt in der Kabine blieben. Ein Dreifachwechsel mit Wirkung, jedenfalls stand es kurz darauf 2:2.

Einen satten Distanzschuss von Ascacibar ließ Torhüter Sippel nur abklatschen, sodass Matheus Cunha den Ball von der rechten Seite in die Gefahrenzone bringen konnte. Dort stocherte Córdoba das Spielgerät mit seinem siebten Saisontor zum Ausgleich über die Linie (50.), musste seinen Jubel jedoch vorübergehend unterbrechen. Wegen eines Abseitsverdachts war das Tor zunächst aberkannt worden, doch die Überprüfung durch den Video-Assistenten ergab: alles regulär, Tor zählt.

Während bei den Gladbachern die Kräfte schwanden, drängte Hertha in der Folge auf das 3:2. Dribblings, Flanken, Distanzschüsse – nichts blieb unversucht, doch ein Treffer wollte nicht mehr gelingen. Immerhin: Ein mögliches Gegentor fingen sich die Berliner auch nicht mehr. „Wir müssen zufrieden sein“, sagte Dardai: „Wenn du gegen zehn Spieler verloren hättest, wäre das für die Moral eine Katastrophe.“

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