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Hertha BSC trennt sich von Petry: Unruhe zur Unzeit

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Inga Böddeling
Zsolt Petry (r.) war mit Unterbrechungen sechs Jahre Torwarttrainer bei Hertha BSC und betreute zuletzt Alexander Schwolow (l.) und Rune Jarstein (M.).

Zsolt Petry (r.) war mit Unterbrechungen sechs Jahre Torwarttrainer bei Hertha BSC und betreute zuletzt Alexander Schwolow (l.) und Rune Jarstein (M.).

Foto: nordphoto / Engler / picture alliance / nordphoto

Hertha BSC trennt sich nach einem fragwürdigen Interview von Torwarttrainer Zsolt Petry und hat damit eine weitere Baustelle.

Berlin. Das Echo war recht eindeutig. „Genau die richtige Reaktion“, schrieb ein Fan von Hertha BSC bei Twitter. „Danke für die klare Haltung“, kommentierte ein anderer. Oder: „Wer unsere Werte nicht teilt, ist bei uns schlicht falsch.“ Das sah auch der Berliner Fußball-Bundesligist so und entschied sich am Dienstagmittag dazu, Torwarttrainer Zsolt Petry mit sofortiger Wirkung freizustellen.

Der Grund für diese drastische Entscheidung war am Montagnachmittag durch die Sozialen Medien gewandert. Petry hatte der ungarischen Zeitung „Magyar Nemzet“ ein Interview gegeben, in dem der 54-Jährige unter anderem den Einsatz von Leipzigs Peter Gulacsi für Homosexuelle kritisierte und die europäische Migrationspolitik als „moralischen Niedergang“ bezeichnete. „Ich verstehe gar nicht, wie Europa moralisch so tief sinken konnte, wie jetzt“, wurde Petry zitiert: „Die Liberalen blasen die Gegenmeinungen auf: Wenn du die Migration nicht gut findest, denn schrecklich viele Kriminelle haben Europa überlaufen - dann werfen sie dir sofort vor, dass du ein Rassist bist.“

Petrys Aussagen passen nicht zu Hertha BSC

Hertha hatte noch am Montag mitgeteilt, dass die Angelegenheit erst mal intern besprochen werden solle. Am Dienstag zog man in Westend dann die Konsequenzen. „Auch unter Würdigung von Übersetzungsfeinheiten und der Tatsache, dass einige Aussagen von Zsolt im Interview ohne Rücksprache vor der Veröffentlichung weggelassen wurden“, erklärte Carsten Schmidt, Herthas Vorsitzender der Geschäftsführung, „mussten wir letztlich feststellen, dass die getätigten Äußerungen insgesamt nicht den Werten von Hertha BSC entsprechen.“ Der Verein habe von dem Interview nichts gewusst.

Viele Fans hatten direkt eine klare Positionierung von Hertha gefordert. Schließlich habe man die Charta der Vielfalt unterschrieben und würde sich seit Jahren gegen Rassismus und für mehr Toleranz einsetzen. Ein Fan postete bei Twitter zwei Aufkleber, mit denen der Hauptstadtklub seine Anti-Rassismus-Kampagne beworben hatte. Darauf die Sätze: „In Berlin kannst du alles sein. Außer Rassist“ und „Berlin ist vor allem eins: vielfältig“.

Petry entschuldigt sich Hertha-Stellungnahme

Erst vor wenigen Wochen hatten sich die Berliner an der 11-Freunde-Aktion „Ihr könnt auf uns zählen“ gegen Homophobie im Fußball beteiligt. Dass Petrys Aussagen dem völlig widersprechen, ist unstrittig. Auch wenn man den Ungar bei Hertha „stets offen, tolerant und hilfsbereit“ erlebt habe, wie Schmidt erklärte. „Er hat zu keiner Zeit homophob oder fremdenfeindlich agiert.“

Seine Äußerungen der regierungsnahen Zeitung seines Heimatlandes gegenüber deuten jedoch darauf hin, dass seine Gesinnung eine andere ist. Schließlich handelt es sich bei dem Interview nicht nur um einen dahergesagten Satz. In Herthas Stellungnahme am Dienstag beteuerte Petry aber: „Meine Aussage zur Einwanderungspolitik bedaure ich sehr und möchte all die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen und die ich damit beleidigt habe, um Entschuldigung bitten.“

Nützen wird das nichts mehr, für Petry ist nach knapp sechs Jahren Schluss bei Hertha. Trainer Pal Dardai wird das zumindest sportlich überhaupt nicht gefallen. Die Causa ist sechs Spieltage vor Saisonende und mitten im Abstiegskampf nicht nur ein Unruheherd zur Unzeit. Petry war für Dardai auch ein wichtiges Verbindungsstück in der Arbeit mit den Keepern.

Hertha-Sportdirektor Friedrich fahndet nach einem Nachfolger

Rune Jarstein dürfte das Aus seines Torwarttrainers noch härter treffen. Der Norweger, nach seinem positiven Corona-Befund gerade in Quarantäne, hat großes Vertrauen in Petry, arbeitet seit Jahren eng mit dem Ex-Profi zusammen und holt sich auch privat immer mal wieder einen Rat beim Ungarn ab.

Als Ex-Coach Jürgen Klinsmann Petry im November 2019 entlassen hatte, brachen auch Jarsteins Leistungen ein. Der 36-Jährige wirkte verunsichert, ihm fehlte es an Vertrauen, an Stabilität, die Petry ihm immer vermitteln konnte. Eine ähnliche Reaktion ist wohl auch jetzt nicht ausgeschlossen. damit das nicht passiert, arbeitet Sportdirektor Arne Friedrich nun intensiv daran, zeitnah einen Nachfolger zu präsentieren.

Wer das Torhüter-Trio um Jarstein, Alexander Schwolow und Nils Körber auf das Heimspiel am Sonnabend gegen Borussia Mönchengladbach (15.30 Uhr, Sky) vorbereitet, bleibt also abzuwarten.

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