Hauptstadt-Derby

Historiker Kowalczuk: „Hertha braucht wieder eine Seele“

| Lesedauer: 10 Minuten
Union vs Hertha: Verkehrte Welt vor Berliner Derby

Union vs Hertha: Verkehrte Welt vor Berliner Derby

Verkehrte Welt vor dem Berliner Derby: Während Hertha BSC Punkte für den Klassenerhalt braucht, kämpft Union Berlin unerwartet um Europa. Dennoch hat Hertha-Coach Pal Dardai ein "gutes Gefühl" vor dem Stadtduell, bei dem er wieder auf Sami Khedira zurückgreifen kann.

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Der Historiker Ilko Kowalczuk ist glühender Fan von Union Berlin und Hertha BSC. Auf das Derby blickt er mit gemischten Gefühlen.

Berlin. Besonders wird der Ostersonntag für Ilko-Sascha Kowalczuk (53) in jedem Fall. Erstens hat der Berliner Historiker Geburtstag, zweitens treffen sich die beiden Lieblingsvereine des leidenschaftlichen Fußball-Liebhabers zum direkten Duell. Wie man es aushält, wenn das Fan-Herz sowohl für Union als auch für Hertha schlägt? Darüber spricht er im Interview – genauso wie über das veränderte Selbstbild und die Zukunftsperspektiven beider Klubs.

Herr Kowalczuk, in der Regel schlägt das Fan-Herz entweder für Union oder Hertha. Sie sind Anhänger beider Klubs. Wie ist das miteinander vereinbar?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Union liegt mir gewissermaßen im Blut. Ich bin in Friedrichshagen aufgewachsen, also Köpenicker, damit hat man fast automatisch eine Beziehung zum Klub. In den 1970er-Jahren habe ich auch selbst für Union gespielt, aber ich war nicht gut genug.

So weit, so nachvollziehbar. Aber woher kommt ihre Hertha-Leidenschaft?

Durch die Mauer hatte man ja irgendwie immer alles doppelt. Mit der Hälfte meiner Seele lebte ich im Westen, dort gab es einfach Dinge, die mich interessiert haben. Abgesehen davon war ich ein totaler Fußball-Freak, nicht zuletzt durch meinen Vater.

Dadurch wird man nicht automatisch zum Hertha-Fan.

Richtig, aber es gab ein Ereignis, das sich eingebrannt hat, nämlich 1976. Da war ich zu Besuch bei einem Freund am Müggelsee, als plötzlich ein Mann an der Tür klingelte und einen Fußball unter dem Arm trug. Es stellte sich heraus: Das war Herthas Co-Trainer Hans "Gustav" Eder, ein Bekannter der Familie. Und der Ball war jener, mit dem Hertha gerade 1:1 gegen den großen FC Bayern um Franz Beckenbauer gespielt hatte. Wie eine Trophäe wurde der Ball in einem Herrenzimmer in einem Glasschrank platziert. Wir Kinder durften zwar nicht mit ihm spielen, haben ihn aber natürlich heimlich rausgenommen. So musste ich zum Fan werden, oder?

Der Fall der Mauer hat an ihrer blau-weißen Seite nichts geändert?

Ich lasse mir mein Fan-Sein nicht von irgendwelchen weltpolitischen Ereignissen austreiben, aber ich gebe zu: Berlin ist ein Spezialfall. In Hamburg kann man nicht Fan vom HSV und St. Pauli sein. In Berlin gibt es historische Gründe. Ich bin ein Kind der Teilung, mein Fan-Sein ist Ausdruck dieser Teilung und auch Ausdruck eines Zusammengehörigkeitsgefühls.

Was verkörpert Union? Und wofür steht Hertha?

Ich sage das nicht als Fan, sondern aus objektiv-historischer Perspektive: Union steht für das Urwüchsige, für den Außenseiter, das gallische Dort, das gegen die Großen bestehen will. Da heißt es aufstehen, niemals zurückzustecken und vor allem: auch in der Niederlage feiern. . Das war schon vor 1989 so.

Hertha steht ein Stück weit auch für das alte West-Berlin, das lange nicht begriffen hat, dass man sich weiterentwickeln muss. Wenn man so will, taugt auch das Olympiastadion zum Symbol. Es ist alles immer eine Nummer zu groß. Der Klub hat zu viel Geld bekommen, das Stadion ist viel zu weitläufig und sobald das Team zwei Unentschieden hintereinander schafft, sind auch die Ansprüche zu groß.

Hauptstadt-Derby - der Team-Vergleich

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In der Tabelle und bei den Mitgliederzahlen hat Union den Stadtrivalen überholt. Eine Momentaufnahme? Oder mehr?

Als Historiker neige ich nicht dazu, kurzatmig zu reagieren. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass Union in den 90er- und 00er-Jahren kurz vor dem absoluten Ende stand – nur eine kleine Schar von Fans hat noch zu ihrem Herzensklub gehalten. Auf der anderen Seite muss man sagen: Dieser große Konkurrenzdruck mit zwei Bundesligisten in Berlin tut dem Fußball in der Stadt gut. Zurzeit sieht bei Union vieles vitaler aus, aber ich würde mich davor hüten, zu sagen, das ist eine Wende. In meinen Augen sind die großen Fragen auch andere.

Derby Hertha gegen Union: Alles zum Spiel in Berlin im Liveblog - Berliner Morgenpost

Nämlich?

Schafft es Union, seinen Charakter zu behalten? Und schafft es Hertha, sich einen neuen Charakter zuzulegen? Mit viel Geld gute Spieler zu kaufen, reicht nicht – die Mannschaft braucht wieder eine Seele. Mit Trainer Pal Dardai hat man in meinen Augen großes Glück. Der Mann hat nicht nur den richtigen Sachverstand, sondern auch das Herz am rechten Fleck. Das ist im Fußball total wichtig.

Das Derby findet zum dritten Mal als Geisterspiel statt. Spüren Sie in Corona-Zeiten überhaupt noch so etwas wie Derby-Fieber?

Das ist bei vielen abgeflacht, auch bei mir. Ich hätte nicht vermutet, wie wichtig mir die Stimmung im Stadion ist, sei es im Stadion selbst oder vor dem Fernseher. Ich habe es vorher sogar abgestritten und behauptet: Ich bin Fußball-Ästhet und erfreue mich am Spiel, ich brauche den ganzen Trouble drumherum nicht. Inzwischen habe ich mich eines Besseren belehren lassen müssen. Ohne Stadion-Zuschauer ist es nur ein Teil der Freude.

Rivalität ist trotzdem spürbar, zum Beispiel in den sozialen Medien. Zu Mauerzeiten herrschte zwischen den Klubs und ihren Fans noch Verbundenheit, heute treffen sich die Ultra-Lager höchstes, um sich zu prügeln.

Der Fußball ist da nur ein Abbild der Gesellschaft. Es gibt einzelne Interessensgruppen, die vor allem die Unterschiede und nicht die Gemeinsamkeiten sehen. Die harten Rivalitäten gab es schon immer, dennoch sind sie aktuell auch Ausdruck einer zerklüfteten Gesellschaft, die den Zusammenhalt verliert – das, was die Gesellschaft ausmacht. Ich weiß, dass es für viele Bankangestellte ein schönes Hobby ist, sich am Sonnabend die Krawatte abzureißen und einen auf Macker zu machen. Ich finde das interessant, kann dem aber nichts Positives abgewinnen.

Frustriert es Sie als Fußballfan, dass Berlin keinen Topklub hat?

Nein, da bin ich wirklich genügsam. Ich freue mich, wenn ich nicht bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt bibbern muss. Tatsächlich bin ich sogar froh, wenn die Berliner Klubs relativ schnell aus dem Pokal fliegen. Die sind einfach noch nicht so weit, dass sie auf mehreren Hochzeiten tanzen können.

Seit dem Einstieg von Investor Lars Windhorst peilt Hertha die Champions League an. Das viele neue Geld bietet enorme Chancen, trotzdem herrscht im Fan-Lager große Skepsis.

Das kann ich nachvollziehen. Kein Investor steigt ein, weil er Samariter ist. Als Fan hat man Angst, dass der Klub über Geld in eine andere Richtung gedrängt wird. Bei Hertha konnte man relativ schnell erkennen: Da werden Unsummen ausgegeben, aber keine Mannschaft zusammengekauft, weil das in der Regel auch nicht geht. Da sind wir wieder bei der Gesellschaft. Das kommt dabei heraus, wenn man mit Geld nicht umgehen kann und es geistlos verpulvert.

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Spielt der Faktor „Heimatklub“ überhaupt noch eine Rolle? Liverpool, Barca und PSG sind für Fans nur einen Mausklick entfernt.

Ich glaube, die Globalisierung führt in einem unbeabsichtigten Effekt dazu, dass wir uns auf das Lokale zurückbesinnen. Viele von uns sind sehr global orientiert, beruflich, in ihrem Musikgeschmack, in der Mode oder im Reise- oder Konsumverhalten. Zugleich gibt es eine Sehnsucht nach dem, was man Heimat nennt, was man anfassen kann. Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung des heimischen „Dorfklubs“ immer extrem groß sein.

Warum tragen die Kids auf den Bolzplätzen dann lieber Trikots von Messi und Ronaldo als von Mittelstädt oder Andrich?

Das ist nicht anders als bei mir in den 70ern. Mein Dorfklub hieß SG Friedrichshagen, die „überregionalen“ Klubs waren Union und Hertha und international habe ich mit dem FC Liverpool gefiebert. Zum Gesamtbild gehört ja auch: Viele haben die Sehnsucht, auf der Seite von Siegern zu stehen, deshalb sind so viele Menschen Fans des FC Bayern. Aber die meisten haben auch Klubs, mit denen sie sich regional verbunden fühlen.

Herr Kowalczuk, wie bewerten Sie die Zukunftsperspektiven von Hertha und Union?

Ich glaube, beide habe das Potenzial, sich dauerhaft im Mittelfeld oder oberen Mittelfeld der Bundesliga zu etablieren. Bei Union habe ich trotz des aktuellen Hochs größere Ängste als bei Hertha. Hertha kann man nicht so leicht auseinanderkaufen – das ist bei Union noch viel fragiler. Ob man’s will oder nicht: Spieler sind – anders als die Fans oder die Klub-Führung – Söldner. Wenn sie keine Eigengewächse sind, ziehen sie von Verein zu Verein, dorthin, wo man ihnen die besten Möglichkeiten bietet. Wenn Trainer Urs Fischer vielleicht irgendwann keine Lust mehr auf Union hat, kann so eine Mannschaft schnell auseinanderfliegen. Das sieht man jetzt in Gladbach. Nur ist die Borussia so potent, dass man sich oben halten kann.

Ihr Tipp fürs Derby?

Ich habe am 4. April Geburtstag, deshalb wünsche ich mir am 4.4. ein 4:4 und ein spannendes, unterhaltsames Spiel. Wenn ein Team 5:4 gewinnt, werde ich auch nicht traurig sein. Ich werde nämlich 54.

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