Hertha BSC

Hertha vor dem Derby: Vom Chaos- zum Attacke-Klub

| Lesedauer: 7 Minuten
Jörn Lange
Union vs Hertha: Verkehrte Welt vor Berliner Derby

Union vs Hertha: Verkehrte Welt vor Berliner Derby

Verkehrte Welt vor dem Berliner Derby: Während Hertha BSC Punkte für den Klassenerhalt braucht, kämpft Union Berlin unerwartet um Europa. Dennoch hat Hertha-Coach Pal Dardai ein "gutes Gefühl" vor dem Stadtduell, bei dem er wieder auf Sami Khedira zurückgreifen kann.

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In puncto Erfolg und Mitglieder ist Hertha BSC aktuell nur noch die Nummer zwei in Berlin. Aber: Der Klub zeigt eine Reaktion.

Berlin. „Optimismus“, sagt Arne Friedrich, „ist ein gutes Stichwort.“ Zwei Tage vor dem Derby beim 1. FC Union am Sonntag (18 Uhr, Sky) wirkt Herthas Sportdirektor noch zuversichtlicher als ohnehin schon. So kennt man ihn ja: vital, smart, immer positiv – oft beschleicht einen das Gefühl, die vielen Jahre in seiner Wahlheimat USA hätten ihm die deutsche Bedenkenträger-Mentalität endgültig ausgetrieben. Die „Always believe in yourself“-Attitüde (sinngemäß: verliere nie den Glauben an dich selbst) scheint tief in sein Wesen eingesickert zu sein, doch am Freitag wirkt Friedrich noch mal anders. Weniger Pose, weniger Mantra, mehr Überzeugung, plötzlich scheint in seinen Worten eine neue Überzeugung mitzuschwingen.

„Wenn man die letzten Spiele sieht“, sagt er, „dann kann man durchaus optimistisch sein. Die Situation war in den letzten Wochen sehr prekär, aber die Mannschaft hat mit dem Rücken zur Wand eine gute Reaktion gezeigt. Und jetzt haben wir ein paar Punkte mehr auf dem Konto.“

Tatsächlich stehen aus den jüngsten drei Partien ja sechs Zähler zu Buche, genauso viele, wie in den zwölf (!) Spielen zuvor. Rechtzeitig zum Hauptstadt-Duell scheint sich Hertha gefangen zu haben – keine Sekunde zu früh, aber womöglich gerade noch früh genug, denn klar ist: Für die Blau-Weißen wäre ein Sieg im Nachbarschaftsduell weitaus wichtiger als für den Rivalen aus Köpenick.

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Hertha BSC kämpft aktiv um neue Mitglieder

Die Zahlen sind alarmierend. In der Tabelle hat Union (7.) den Berliner Platzhirsch (14.) vorerst klar überholt, und als wäre das nicht bitter genug, ist Hertha auch in puncto Mitglieder nur noch die Nummer zwei. Die Kennziffern, die der Landessportbund Berlin Anfang Februar präsentierte, dokumentieren die Kräfteverschiebung schwarz auf weiß: 37.360 bei Union, 37.192 bei Hertha. Werte, die in Westend am eigenen Selbstverständnis nagen – und nicht ohne Folgen blieben.

So war es sicher kein Zufall, dass Hertha die Derby-Woche schon am Montag einläutete. Der ebenso ungewöhnliche wie clevere Spin: Künftig verknüpft der Klub den Abstiegskampf mit seinem sozialen Engagement. Für jeden errungenen Punkt werden 2000 Euro in einen Moneypool eingezahlt – Geld, das später einer Berliner Corona-Initiative zugutekommen wird. Der Clou: Der erste Jahresbeitrag von neuen Vereinsmitgliedern fließt ebenfalls in den Moneypool. Für potenzielle Vereinsjünger ein weiterer Anreiz, um sich genau jetzt zu ihrem Herzensklub zu bekennen. Und sich wieder an den „Eisernen“ vorbeizuschieben. Das Derby findet nun mal auch neben dem Platz statt, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Hertha BSC stärkt seine Außendarstellung

Ob es wirklich an der neuen Bundesliga-Konkurrenz durch Union liegt, mag eine Glaubensfrage sein, aber Tatsache ist: Hertha drückt aufs Tempo, auch in Sachen Außendarstellung. Zu Beginn der gerade abgelaufenen Länderspielpause schob der Klub seine neue Internetseite an den Start. Seitdem glänzt der digitale Auftritt durch deutlich mehr Bewegung, der Stellenwert des klubeigenen „Hertha TV“ wurde deutlich gestärkt.

Derby Hertha gegen Union: Alles zum Spiel in Berlin im Liveblog - Berliner Morgenpost

Mehr denn je will Hertha zeigen, wer oder was der Verein ist, will ein Hertha-Gefühl vermitteln – und damit auch Aufbruchstimmung. Im nicht-sportlichen Bereich klappt das aktuell gut. Anders als bei manch Kampagnen in der Vergangenheit setzt Hertha vor allem auf Berlin-Bezug und Lokalkolorit, positioniert seine Eigengewächse wie Maximilian Mittelstädt und Jordan Torunarigha publikumswirksam in Bild und Ton. Das Feedback: positiv.

Im Vergleich zum Hinspiel gegen Union (3:1) ist die „Alte Dame“ kaum noch wiederzuerkennen. Neben Ex-Trainer Bruno Labbadia ist auch der langjährige Manager Michael Preetz Geschichte, eine Trennung, die für eine Zeitenwende stand. Wo zuletzt gefühltes Chaos herrschte, ist seither eine neue Zielstrebigkeit zu spüren. Hertha hat in den Attacke-Modus geschaltet.

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Bei Hertha BSC herrscht wieder Zuversicht

Hauptverantwortlich dafür ist der neue CEO Carsten Schmidt (57), als früherer Chef des TV-Senders Sky ein absoluter Medienprofi, der weiß, aus welchem Stoff man fesselnde Geschichten strikt. Mit der Rückholaktion von Trainer Pal Dardai ist ihm und Sportdirektor Friedrich ein erster Coup gelungen, wenngleich das Happy End noch auf sich warten lässt. Dennoch: Mit der Klub-Ikone ist ein neuer Glaube eingezogen, unterfüttert von altem Vertrauen.

Mittlerweile ist es Dardai gelungen, das Team zu stabilisieren. Neue Ansprache, ein neues System und teils mutige Personalentscheidungen haben Hertha auch sportlich ein neues Gesicht gegeben. Endlich ist wieder eine klare Spielidee erkennbar, zudem hat sich die Ansammlung guter Einzelkönner in eine Mannschaft verwandelt. So stark wie aktuell wirkte Hertha in dieser Saison vielleicht noch nie. Ein Umstand, der auf ein packendes Derby hoffen lässt.

Der Weg zum Klassenerhalt bleibt trotzdem noch weit. Derzeit beträgt der Vorsprung auf den Relegationsplatz nur einen Zähler, und man mag kaum darüber nachdenken, was passiert, wenn Hertha in der Alten Försterei verliert. So weit soll es nicht kommen. Dass das Team gegen Augsburg und Leverkusen zuletzt bewies, dass es mit Druck umgehen kann, macht Mut.

Hertha BSC kann auf Torwart Jarstein setzen

„Ich habe ein sehr gutes Gefühl“, sagt Dardai. Einige Länderspiel-Fahrer wie Mattéo Guendouzi, Krzysztof Piatek oder Nemanja Radonjic sind mit Erfolgserlebnissen zurückgekehrt, andere zumindest beschwerdefrei. Torhüter Rune Jarstein, der sich bei Norwegens 0:3 gegen die Türkei zur Halbzeit auswechseln ließ, bereitet dem Coach jedenfalls keine Sorgen: „Mit Rune ist alles in Ordnung.“

Die Offensiv-Abteilung um Matheus Cunha, Jhon Córdoba und Dodi Lukebakio konnte derweil ungestört in Berlin trainieren. Hinzu kommt: Mit Star-Zugang Sami Khedira steht Hertha seit dieser Woche eine weitere Option im Mittelfeld zur Verfügung. „Sami hat gut mittrainiert“, sagt Dardai, „ich werde ihn bestimmt mitnehmen. Wenn ich ihn einwechseln kann, ist das immer ein gutes Gefühl.“

Wie es um das Hertha-Gefühl insgesamt bestellt ist? Darüber entscheidet nicht zuletzt der Ausgang des Derbys am Sonntag. Auch Dauer-Optimist Friedrich weiß: „Reden ist immer schön, aber am Wochenende liegt die Wahrheit auf dem Platz. Wir wollen und müssen dieses Spiel gewinnen.“

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