Hertha BSC

Hertha zwischen Lust und Last

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Herthas Matheus Cunha (r.) wartete seit elf Spielen auf ein Tor. Gegen seinen Ex-Klub soll es Sonntag klappen.

Herthas Matheus Cunha (r.) wartete seit elf Spielen auf ein Tor. Gegen seinen Ex-Klub soll es Sonntag klappen.

Foto: Jan Woitas / dpa

Hertha BSC braucht dringend ein Erfolgserlebnis. Mit Leipzig kommt nun aber der Gegner, gegen den die Bilanz besonders finster ist.

Berlin. Dieser Zwiespalt kann einen zermürben. Auf der einen Seite gilt die Konzentration nur sich selbst, also Hertha BSC, der Entwicklung der Mannschaft, die jung und fragil ist. Störende Einflüsse braucht da niemand, weshalb Niklas Stark sagt, dass er versuche, nicht so sehr auf die Tabelle der Fußball-Bundesliga zu schauen. Doch der Kapitän kann sich auch nicht der Wirklichkeit verschließen. Also schaut er doch hin, so wie alle anderen, und gibt eine kämpferische Parole aus: „Ich glaube, jeder kann die Tabelle lesen. Jeder hat den Willen, da unten rauszukommen.“

Wenn der Kampf gegen den Abstieg, in den die Berliner sich mit sieben Spielen ohne Sieg gestürzt haben, allein mit Rhetorik zu gewinnen wäre, hätte Hertha gute Chancen auf einen erfreulichen Ausgang. „Wir werden alles reinhauen, um das zu verhindern“, sagt Abwehrspieler Stark in Bezug auf den nicht mehr gänzlich auszuschließenden Gang in die nächsttiefere Fußball-Etage. Egal wie müssten jetzt Punkte her, den schönen Fußball, den der Tabellen-15. gern spielen würde, müsse man auf später verschieben.

Gegen Leipzig gelang Hertha BSC noch kein Heimsieg

In dieser Wortwahl kommt etwas Verzweiflung zum Ausdruck. In der eigenen Wahrnehmung lief bei Hertha zuletzt nämlich vieles weniger schlecht, als es zu vermuten steht. „Wir haben gute Ansätze gezeigt“, findet Stark. Auch Pal Dardai, der seit drei Partien die Geschicke der Berliner lenkt und dabei zwei Niederlagen sowie jüngst ein Unentschieden erwirtschaftete, vertritt diese Ansicht. „Abgesehen von der ersten Halbzeit in Stuttgart haben wir fünf ordentliche Hälften gespielt. Wir entwickeln uns, und wenn wir jetzt noch einmal etwas drauflegen und uns bei Standards und Flanken keine Fehler erlauben, bin ich optimistisch“, sagt der Trainer. Das Team hat sich unter ihm neu sortiert und ist nun vielleicht sogar bereit, sich auch mal zu belohnen. Hertha spürt durchaus die Lust.

Das Erfolgserlebnis wäre dringend nötig nach der langen Durststrecke und sicher wichtig für die Psyche des Teams. Doch ausgerechnet am Sonntag empfangen die Berliner jenen Kontrahenten (15.30 Uhr, Sky), gegen den sie daheim immer am schlechtesten aussahen. RB Leipzig feierte regelrechte Schützenfeste im Olympiastadion, gewann alle vier Spiele dort und erzielte dabei 17 Treffer – also statistisch über vier pro Partie. Kein Gästeteam hat in der Liga-Geschichte irgendwo einen so hohen Tor-Durchschnitt (bei mindestens vier Spielen).

Hertha-Trainer Dardai sieht RB als sehr komplette Mannschaft

Doch es ist nicht nur die Vergangenheit, die die Aufgabe für die Berliner so schwierig macht, die wie eine große Last auf ihnen liegt. „Wenn man auf die Tabelle schaut, sieht man, dass Leipzig der einzige Bayern-Jäger ist“, sagt Dardai. Als Zweiter dürfen die Sachsen hoffen, den Münchnern noch einen Kampf um den Titel liefern zu können. Das flexible Spiel, die Unberechenbarkeit mit 15 verschiedenen Torschützen (die meisten der Liga), die beste Defensive der Liga – es gibt viele Gründe, warum die Sachsen soweit oben in der Tabelle stehen. „Leipzig ist eingespielt und sehr komplett“, findet Dardai.

Hungrig ist der Herausforderer zudem, denn das 0:2 in der Champions League gegen den FC Liverpool am Dienstag schmerzt noch. „Das hängt einem extrem lange nach“, sagt Trainer Julian Nagelsmann: „Jetzt haben wir die Chance, das wieder aus den Köpfen zu kriegen. Ich denke, dass wir frohen Mutes nach Berlin fahren können. Wir haben da eine gute Bilanz. Wichtig ist es, sie zu bestätigen. Wir wollen in der Bundesliga weiter in der Spur bleiben.“ Fast scheint es, als gäbe Hertha den Aufbaugegner für die Sachsen, die gegen keinen anderen Kontrahenten in der Bundesliga so oft gewonnen haben (sieben Mal).

Hertha setzt gegen vielseitige Leipziger auf Konter

Um dieses Unheil zu durchbrechen, bräuchte es Topspieler in Topform. Wobei es da bei Hertha ein kleines Defizit gibt. Denn Angreifer Matheus Cunha ist seit elf Partien ohne Treffer. „Ich liebe diesen Jungen. Er ist der beste Spieler“, sagt Dardai demonstrativ und hofft auf eine Steigerung des Brasilianers gegen seinen früheren Klub. Cunhas geniale Momente könnte Hertha gut gebrauchen, um sich gegen Leipzig besser aus der Affäre zu ziehen. Selbst wenn das schöne Spiel ganz allgemein gerade nicht im Vordergrund steht. „Er hat sich bei Hertha BSC gut entwickelt. Wir wissen, dass er ein sehr guter und dribbelstarker Stürmer ist“, sagt Nagelsmann über seinen früheren Schützling.

Wo Dardai die Chance sieht, endlich zu drei Punkten zu kommen, daraus macht er kein Geheimnis. Mit Leipzigs Vielseitigkeit können die Berliner nicht mithalten, permanenter Druck ist auch nicht ihre Sache. „Unsere Mannschaft ist eine Umschalt-Mannschaft, eine Kontermannschaft. Wir haben die Schnelligkeit dafür.“ Und Konter waren bisher noch immer ein gutes Rezept für Außenseiter. Oder auch Teams, die in der Tabelle tief stehen und irgendwie da unten rauskommen wollen.

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