Hertha BSC

Hertha BSC kassiert in Bielefeld mehr als eine Niederlage

Hertha BSC verliert auf der Alm nicht nur ein Spiel, sondern auch sein positives Momentum. Coach Labbadia sucht nach Erklärungen.

Ernüchtert: Niklas Stark und Omar Alderete (v.l.) nach der bitteren 0:1-Pleite von Hertha BSC bei Aufsteiger Arminia Bielefeld. 

Ernüchtert: Niklas Stark und Omar Alderete (v.l.) nach der bitteren 0:1-Pleite von Hertha BSC bei Aufsteiger Arminia Bielefeld. 

Foto: Stuart Franklin / Getty Images

Berlin. Auf der Rückreise aus Bielefeld herrschte im Tross vor Hertha BSC ernüchterte Stille, und tags darauf war es um die Gefühlslage nicht viel besser bestellt. „Eigentlich ist es fast noch schlimmer, wenn man eine Nacht drüber geschlafen hat“, sagte Chefcoach Bruno Labbadia – „wenn man denn überhaupt geschlafen hat.“

Richtig erklären konnte der Trainer den desolaten Auftritt seines Teams beim 0:1 (0:0) in Ostwestfalen auch am Montag nicht, genauso wenig wie die „Angst“, die er bei seinen Spielern ausgemacht hatte. „Wir hatten viel zu wenige auf dem Platz, die Bälle gefordert haben“, monierte er, dabei seien die Anzeichen seit der Weihnachtspause durchweg positiv gewesen.

Seit Sonntagabend kann davon keine Rede mehr sein, denn Hertha verlor in Bielefeld nicht nur ein Spiel, sondern auch seinen positiven Neujahrs-Flow. Die guten Trainingseindrücke hatten im Ernstfall keinen Bestand, stattdessen musste Labbadia einen „brutalen Rückschritt“ verzeichnen.

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Bei Hertha BSC fehlt es an Basistugenden

Dass die Berliner im Spiel nach vorn erneut konzeptlos wirkten, war dabei noch das geringste Übel, als gravierender erwies sich das Fehlen der Basistugenden. Keine Leidenschaft, kein Kampfgeist, keine Widerstandsfähigkeit – bis auf eine kurze Schlussoffensive zeigten die Profis viel zu wenig Elan. Eigengewächs Maximilian Mittelstädt räumte zerknirscht ein: „Arminia hat den Sieg mehr gewollt als wir.“

Dabei schien die Chance auf Punkte wie gemalt, auch Labbadia hatte in dieser Saison selten ein so gutes Gefühl wie zuletzt. Spätestens im zweiten Durchgang hatte sich jenes jedoch verflüchtigt, fassungslos musste der Coach mitansehen, wie sich seine Elf vom Aufsteiger überrumpeln ließ. Symptomatisch die Entstehung des Gegentores, das die Partie entscheiden solle: „Das war zu billig“, schimpfte Labbadia: „Bielefeld hat einen langen Einwurf und wir keine gute Positionierung – das ist ärgerlich!“

Hertha BSC bleibt ein labiles Gebilde

Selbiges trifft nun auch auf Herthas Gesamtsituation zu. Die erhoffte Januar-Aufholjagd ist gestoppt, ehe sie richtig begonnen hat, das große Ziel Europa gerät außer Reichweite. Womit sich zugleich die Frage nach der Perspektive stellt. Wenn es den Profis schon nicht gelingt, sich in aussichtsreichen Situationen zu motivieren, wie soll es dann in den kommenden Wochen klappen? Der Abstand auf Tabellenplatz sieben beträgt acht Punkte, der auf den Relegationsplatz nur fünf. Den Berlinern droht eine weitere Saison im Mittelmaß.

Sollte es einen Glauben in die eigenen Stärke gegeben haben, dürfte dieser am Sonntag kräftig erschüttert worden sein, denn zum wiederholten Mal ist es Hertha nicht gelungen, die vorhandenen PS auf die Straße zu bringen. Dass sich die Mannschaft findet und eine gewisse Eigendynamik entwickelt, ist bestenfalls sporadisch zu erkennen – dominanter ist der Eindruck eines labilen Teams, das beim kleinsten Anflug von Gegenwehr einknickt. Dabei war Hertha schon deutlich weiter. Erinnert sei an den Druck im Derby gegen den 1. FC Union Anfang Dezember, als Hertha zunächst in Rückstand geriet und am Ende 3:1 gewann.

Nicht nur den Fans, auch Labbadia (54) verlangen die vielen Rückschläge vieles ab. „Ich bin eigentlich kein besonders geduldiger Mensch“, sagte der Fußballlehrer, „das musste ich als Trainer erst lernen.“ Nicht der einzige Punkt, in dem ihm seine Erfahrung hilft, von „Ratlosigkeit“ wollte er jedenfalls nichts wissen. „Ich habe solche Situationen schon zuhauf erlebt“, betonte er am Montag, „und ich habe immer wieder Lösungen gefunden.“

Cunha fraglich - Hertha BSC gehen die Flügelspieler aus

Sein Gestaltungsspielraum hält sich jedoch in Grenzen, vor allem wegen der verletzten Außenbahnspieler. Nach Javairo Dilrosun (Bänderverletzung) meldete sich am Sonntag auch Leistungsträger Matheus Cunha (Leistenprobleme) ab. Der erste Vertreter Mittelstädt musste später Linksverteidiger Marvin Plattenhardt vertreten, sodass Youngster Jessic Ngankam auf den linken Flügel rückte. 20 Minuten später war auch er verletzt, sodass Labbadia keine echten Alternativen mehr hatte.

Während der ohnehin labile Dilrosun noch Wochen fehlt, sei eine Prognose bei Cunha kompliziert, sagte der Trainer. Die Leistenprobleme seien dem Brasilianer zwar nicht neu, das richtige Maß an Schonung und Belastung aber schwer zu finden. Ein Einsatz am Sonnabend in Köln (15.30 Uhr) ist fraglich. Für Manager Michael Preetz ein Grund mehr, im Januar auf dem Transfermarkt tätig zu werden.

Ob mit personeller Verstärkung oder ohne: Herthas Profis stehen in der Pflicht. Sie müssen schnellstmöglich Wiedergutmachung betreiben und zeigen, dass die Darbietung in Bielefeld nur ein Ausrutscher war. „Wir sind im Dreck gelandet“, sagte Labbadia, „jetzt müssen wir wieder aufstehen.“

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