Hertha BSC

Hertha BSC und die Rückkehr der breiten Brust

Der erfolgreiche Jahresstart hat für Hertha BSC vor allem emotionalen Wert – und viel mit dem Gefühl von Coach Labbadia zu tun.

Starkes Comeback: Jhon Cordoba (l.) bejubelt sein 2:0 gegen Schalke mit Matttéo Guendouzi.

Starkes Comeback: Jhon Cordoba (l.) bejubelt sein 2:0 gegen Schalke mit Matttéo Guendouzi.

Foto: nordphoto / Engler / picture alliance / nordphoto

Berlin. Er konnte nicht anders. Als sich Bruno Labbadia am Silvestertag auf einen Mini-Trip in seine Wahlheimat Hamburg begab, begleitete ihn ein Gefühl, als wenn er zwei Wochen in Urlaub fahren würde. Das letzte Training lag erst wenige Stunden zurück und das nächste würde bereits am 1. Januar stattfinden, und dennoch verspürte Herthas Chefcoach eine Art Euphorie, die er „einfach mit der Mannschaft teilen“ wollte. Also schrieb er seinem Team eine Nachricht.

Welche Botschaft er in den Gruppenchat der Profis geschickt hatte, verriet er am Tag nach dem 3:0 gegen Schalke. „Jungs, ich habe Bock, mit euch Erfolg zu haben. Jetzt geben wir Vollgas!“ Worte, die offensichtlich Anklang fanden, denn am Sonnabend präsentierten sich die Berliner von einer ganz anderen Seite als noch vor dem Jahreswechsel.

Rückkehrer Cordoba hilft Hertha BSC nicht nur durch sein Tor

So etwas wie sein spontaner Silvestergruß sei eine Sache des Gespürs, sagte Labbadia, und jenes sollte den früheren Profi vor dem Schalke-Spiel gleich mehrfach gut beraten. Seine Änderungen in der Startformation erwiesen sich rückblickend als gelungene Schachzüge.

Das war zum einen das Startelf-Comeback von Stürmer Jhon Cordoba, der trotz zweimonatiger Abstinenz Krzysztof Piatek verdrängte. „Beide haben im Training sehr gute Leistungen gebracht“, sagte Labbadia, „aber wir haben uns für Jhon entschieden, weil er nach seiner Pause eine unglaubliche Energie mitgebracht hat.“ Eine gute Wahl. Kurz nach der Pause erzielte der Kolumbianer das 2:0, von dem sich Schalke nicht mehr erholte.

Wertvoll war Cordoba aber nicht nur wegen seines vierten Saisontores, sondern vor allem wegen seiner Präsenz. Der bullige Angreifer verkörperte vieles, was Hertha zuletzt abgegangen war – Robustheit und Durchsetzungskraft, Selbstvertrauen und Überzeugung. „Wir hatten ein Spiel mit wenig Räumen erwartet, deshalb wollten wir einen Spieler, der sich körperlich behauptet“, erklärte der Coach.

Dass der zum Joker degradierte Piatek nicht etwa Frust schob, sondern eher angestachelt wirkte, machte die Personalentscheidung perfekt. Nur zwei Minuten nach seiner Einwechslung erzielte der Pole das 3:0 (80.) und stellte seine Abschlussqualitäten eindrucksvoll unter Beweis. „Krzysztof ist stark, wenn er noch mehr Raum bekommt“, sagte Labbadia, „es hat genauso funktioniert, wie wir es uns vorgestellt haben.“

Trainer von Hertha BSC findet die richtige Ansprache

Nun vertraute Labbadia nicht nur im Angriff auf sein Gespür, sondern auch in der Defensive. Dass Niklas Stark im Abwehrzentrum den verletzten Dedryck Boyata vertreten würde, war klar, überraschend kam hingegen, dass Omar Alderete den Vorzug vor Jordan Torunarigha erhielt.

Er habe den Eindruck gehabt, dass Torunarigha die Patzer aus dem Freiburg-Spiel (Endstand 1:4) nicht abschütteln konnte, sagte der Trainer: „Jordan hatte daran zu knabbern“. Alderete hingegen machte einen guten Eindruck, also suchte Labbadia das Gespräch mit Torunarigha und erläuterte ihm seine Beweggründe. Die Botschaft: Du darfst Fehler machen, aber entscheidend ist, wie du damit umgehst. Labbadia: „Das ist ein Prozess, den ich bei ihm anpieksen will, damit er daraus lernt.“

Einen dritten Beleg für das gute Bauchgefühl des Trainers erbrachte Matheus Cunha. Nach der öffentlichen Standpauke vor Weihnachten zeigte sich der Brasilianer nicht trotzig, sondern geläutert, war auf dem Platz endlich wieder ein Positiv-Faktor und an der Entstehung der ersten beiden Treffer beteiligt. „Dafür bin ich auch Fußballlehrer, um Spieler darauf hinzuweisen, wenn sie auf dem falschen Weg sind“, sagte Labbadia. „Wie du das machst, ist ein schmaler Grat. Manchmal muss es deutlich sein, aber ich lasse nie jemanden fallen, solange ich merke, es wird daraus gelernt.“

Hertha BSC braucht im Januar eine Aufholjagd

Herthas erste sportliche Momentaufnahme im Jahr 2021 fällt damit positiv aus, doch die Frage wird sein, wie nachhaltig dieser Eindruck ist. Zum Gesamtbild des Sonnabends gehört schließlich auch, dass Gegner Schalke nur zu Beginn der Partie auf Bundesliganiveau agierte, ehe die völlig demoralisierte Mannschaft in alte Muster zurückfiel. Auch unter dem neuen Trainer Christian Gross hinterließ der Revierklub einen erschütternden schwachen Eindruck. Offensivmann Mark Uth wählte drastische Worte: „Wenn wir so spielen wie in der zweiten Halbzeit, sind wir nicht wettbewerbsfähig.“ Ein Umstand, den man bei der Bewertung des Berliner Auftritts berücksichtigen muss.

Positive Ansätze hat Hertha schon oft gezeigt, nur fehlt es bislang nun mal an Beständigkeit. Um der komplizierten Saison einen positiven Spin zu verleihen, braucht es im Januar wesentlich mehr Kontinuität, besser noch eine positive Entwicklung.

Am Sonntagabend (18 Uhr) tritt Hertha bei Aufsteiger Bielefeld an, danach geht es nach Köln, ehe die Gegner Hoffenheim und Bremen heißen – allesamt Teams aus der unteren Tabellenregion, gegen die die Berliner so viele Punkte wie möglich sammeln müssen. Kommt es anders, dürfte der blau-weiße Neujahrs-Optimismus schneller verpuffen als eine Rakete am Silvester-Himmel.