Immer Hertha

Schicksalsjahre eines Managers

Michael Preetz muss mit Hertha BSC dringend Erfolge einfahren. Andernfalls droht seiner Amtszeit das Ende.

Lenkt seit 2009 die sportlichen Geschicke von Hertha BSC: Manager Michael Preetz (53). 

Lenkt seit 2009 die sportlichen Geschicke von Hertha BSC: Manager Michael Preetz (53). 

Foto: PATRIK STOLLARZ / AFP/PA

Berlin. Sich zurückzusehnen, fällt nicht schwer. Vor fast genau einem Jahr stand ich mit einigen Journalisten-Kollegen unter der hellen Sonne Floridas, um Herthas Wintertrainingslager zu verfolgen. Corona war uns noch kein Begriff, statt dicker Winterjacken trugen wir Sonnencreme, statt Ernüchterung herrschte Aufbruchsstimmung. Der damalige Trainer Jürgen Klinsmann schürte mit seinen gewöhnungsbedürftigen Vorgaben zwar Skepsis, doch die Zeichen standen auf Angriff. Mantraartig wiederholte der Sommermärchen-Macher seine Message: Jetzt geht’s richtig los bei Hertha, ab sofort wird geklotzt.

Zwölf Monate später ist vom Revoluzzer-Geist nichts mehr zu spüren. Während Klinsmann längst wieder in Kalifornien weilt, lenkt bei Hertha nach wie vor jener Mann die sportlichen Geschicke, den der Ex-Coach während seiner Berlin-Episode als großen Bremser empfand: Michael Preetz.

Viele Argumente hat der Manager derzeit nicht auf seiner Seite. Für neue Spieler hat er in diesem Jahr rund 110 Millionen Euro ausgegeben, eine stattliche Summe, die die Mannschaft eigentlich auf ein neues Level hieven sollte. In der Praxis ist davon wenig zu sehen. Nach 13 äußerst wechselhaften Spielen stehen die Berliner mit 13 Punkten auf Tabellenplatz 14.

Klinsmann-Folgen hallen bei Hertha BSC noch immer nach

Natürlich geht diese maue Ausbeute nicht spurlos an Preetz vorbei. Dass er seit über zehn Jahren als Manager wirkt und etliche Krisen überstanden hat, macht da keinen großen Unterschied – jeder, der sich für ein Unternehmen, einen Verein oder ein Projekt verantwortlich fühlt, trägt die damit verbundenen Sorgen nun mal mit sich herum.

Am Mittwoch saß Preetz auf dem Podium einer Pressekonferenz. Eine gewisse Anspannung war ihm dabei deutlich anzusehen, nicht selten sprach er mit gesenktem Blick. Kritiker, die ihm mangelnden Optimismus und fehlende Ausstrahlung vorwerfen, dürften sich von diesem Bild bestätigt gefühlt haben. Andere wiederum können mit Preetz‘ nüchtern-sachlicher Art mehr anfangen als mit dem "Blender" Klinsmann, empfinden ihn als authentisch. Was soll man an der derzeitigen Situation auch schönreden?

Ganz gleich, welcher Wahrnehmung man folgt: Preetz braucht dringend Erfolg. Bei Investor Lars Windhorst ist die krasse Beurteilung aus dem Klinsmann-Protokoll nicht spurlos verschwunden, und auch in Herthas Gremien bröckelt der Rückhalt für den Manager. Dass trotz der neuen finanziellen Mittel kein Fortschritt erkennbar ist, fällt vor allem auf Preetz zurück. Dabei muss man streng genommen mildernde Umstände berücksichtigen.

Bei der Auswahl einiger sehr teurer, aber bislang mäßig erfolgreicher Einkäufe spielte der Einfluss von Ex-Coach Klinsmann eine Rolle, und dass der vermeintliche Heilsbringer den Klub kurz darauf ins Chaos stürzen würde, hätte sich in dieser Form niemand vorstellen können. Hinzu kamen Corona und ein mutierter Transfermarkt, der es dem Manager nicht leichter machte.

Bleiben Cunha oder Guendouzi, wenn Hertha BSC Europa verpasst?

Wer Preetz für einen Zauderer hält, darf nicht übersehen, dass er im vergangenen Januar mehr Geld ausgegeben hat als jeder andere Manager der Welt. An einem ändert das jedoch nichts: Herthas Kader wirkt aktuell nicht gut ausbalanciert, ist kein stimmiges Gesamtgebilde.

Preetz hat sich bewusst für einen Umbruch und einen Weg mit jungen Spielern entschieden – eine Strategie mit Perspektive, die aber zugleich die Gefahr birgt, dass die Zukunft schon in der Gegenwart scheitert. Was, wenn Hertha die Europapokalplätze verpasst? Hochveranlagte Spieler wie Matheus Cunha oder Mattéo Guendouzi werden ohne internationale Bühne kaum zu halten sein. Und potenzielle Zugänge dürften Zweifel bekommen, ob Hertha tatsächlich so viel Potenzial hat, wie der Einstieg von Investor Windhorst versprach. Das „Europa, wir kommen“-Momentum ist vorerst verpufft.

Dass der Manager schon jetzt um seinen Job fürchten muss, glaube ich trotzdem nicht. Carsten Schmidt, der neue Boss in Herthas Geschäftsführung, wird ihm die Chance geben, das Beste aus der bevorstehenden Transferperiode zu machen und am Ende abrechnen. Dennoch: Für den Manager wird 2021 zu einem Schicksalsjahr.