Hertha BSC

Hertha BSC und die versteckten Qualitäten

Hertha BSC hat gegen den BVB gezeigt, was fußballerisch in der Mannschaft steckt. Aber auch, was fehlt, um daraus Zählbares zu machen.

Matheus Cunha, zweifacher Torschütze für Hertha BSC, ärgert sich über die Niederlage gegen Borussia Dortmund.

Matheus Cunha, zweifacher Torschütze für Hertha BSC, ärgert sich über die Niederlage gegen Borussia Dortmund.

Foto: Matthias Koch via www.imago-images.de / imago images/Matthias Koch

Berlin.  Bruno Labbadia ist nicht zimperlich. „Den Finger in die Wunde legen“, will der Trainer von Hertha BSC. Um diese herbe 2:5 (1:0)-Niederlage vom späten Sonnabend gegen Borussia Dortmund schleunigst aufzuarbeiten. Das dürfte schmerzhaft werden. Schließlich hatte sich der Fußball-Bundesligist aus Berlin in Halbzeit eins teuer verkauft, ehe sich die Mannschaft in der zweiten Hälfte vom Tabellenzweiten vorführen ließ.

„Da bringen wir uns um unseren Lohn. Das ist einfach Mist“, sagte Labbadia am Sonntag. Immer noch tief enttäuscht über den Verlauf des Spiels. Und die bisherige Ausbeute. „Sieben Punkte aus acht Spielen ist zu wenig, damit können wir nicht zufrieden sein.“ Den Trainer nervte die mangelnde Konsequenz seiner Spieler – bei offensiven Vorstößen, aber vor allem beim Verteidigen.

„Wir haben gesehen, dass wir mithalten können, wenn alle am Anschlag arbeiten. Aber wenn wir meinen, wir können ein bisschen weniger machen, und das war in der zweiten Halbzeit leider ab der ersten Sekunde der Fall, reicht das nicht“, analysierte Labbadia. Dabei sei seine Mannschaft in der Pause absolut euphorisch gewesen, alle hatten das Gefühl, das Spiel im Griff zu haben.

Hertha BSC weist Parallelen zur Nationalelf auf

Kurz nach Wiederanpfiff reichten zwei Minuten, um diesem Hochgefühl einen empfindlichen Dämpfer zu verpassen. Dortmunds Star-Stürmer Erling Haaland traf doppelt, Hertha lag zurück, das Ergebnis: hängende Köpfe und Schultern im blau-weißen Lager. Aber war die Niederlage am Ende wirklich nur Kopfsache? Ein Einstellungsproblem sah Labbadia bei seiner Mannschaft zwar nicht, gefährlich werden konnte Hertha den dominierenden Dortmundern aber auch nicht mehr.

Es fehlte an besagter Konsequenz, am unbedingten Willen, sich gegen die drohende Niederlage zu stemmen und an dem einen oder anderen Spieler, der in einer solchen Situation die nötige Verantwortung übernimmt, um seine Mannschaft anzutreiben. Wer in der vergangenen Woche in Fußball-Deutschland genauer hingeschaut hat, dürfte Parallelen zum Auftritt der deutschen Nationalmannschaft in Spanien gesehen haben.

Ein so herber Schlag wie das 0:6-Debakel war die Pleite gegen den BVB natürlich nicht. Doch im einen oder anderen Kritikpunkt ähnelt sich die Analyse schon sehr. Mangelnder Einsatz, wenig Torgefahr, kaum spielerische Lösungen und allem voran: keine Führung.

Mattéo Guendouzi ist ein Lichtblick bei Hertha BSC

Ein Problem, das bei Hertha nicht erst seit Sonnabend auf der Agenda steht. Schon seit Saisonbeginn wird er gesucht, der neue Anführer, der Lautsprecher auf dem Platz, derjenige, der seine Mannschaft aufrüttelt, wenn es nötig ist. „Da müssen Leute auch reinwachsen. Das ist ein Prozess, der vorangeht. Wir sind in der Entwicklung, sehen auch, dass da was passiert“, verteidigt Labbadia seine Profis.

Und der Trend zeigt tatsächlich positive Tendenzen. Mattéo Guendouzi hatte schon beim 3:0 in Augsburg vor der Länderspielreise ein viel versprechendes Debüt gegeben. Gegen Dortmund war der junge Franzose der Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld, häufig anspielbar, mit Ideen fürs Offensivspiel. Aber auch der 21-Jährige wurde blasser, als mit den Gegentoren das Selbstbewusstsein der Mannschaft schwand.

Dann wäre da noch Matheus Cunha. Einer, der seit er bei Hertha ist, konstant gute Leistungen bringt, ein echter Kämpfer, der gegen Dortmund als zweifacher Torschütze auffiel. Würde man den Brasilianer zum Führungsspieler formen können, täte das nicht nur der Mannschaft gut. Der 21-Jährige würde gebraucht, hätte eine Aufgabe, die einen Verbleib bei den Berlinerin deutlich attraktiver machen würde. Am Sonnabend aber konnte auch Cunha nicht vorangehen.

Deshalb sah Labbadia Handlungsbedarf, führte am Sonntag Gespräche mit seinen Anwärtern auf den Posten des Taktgebers. „Ich musste dem einen oder anderen Spieler auch sagen, pass auf, wenn du Verantwortung übernimmst und Führung, dann ist das nicht immer nett und dann sind andere Spieler damit nicht immer einverstanden“, erklärte der Coach.

Fußballerisch zeigt Hertha BSC gute Ansätze

Aber Reibung erzeugt eben auch Wärme, die sich auf dem Platz in Leidenschaft und Kampfgeist umwandeln ließe. Eigenschaften, die im Kampf um mehr Punkte und bessere Tabellenpositionen deutlich hilfreicher wären als Verunsicherung und Zweifel am eigenen Können. Dass sich Hertha im Gegensatz zum Beginn der Saison schon weiterentwickelt hat, war schließlich in Halbzeit eins zu sehen.

Abgesehen vom allerletzten Zug zum Tor war eine klare Spielidee zu erkennen. Über Guendouzi und Vladimir Darida ging es immer wieder nach vorn, Dodi Lukebakio wirbelte als Aktivposten, in der Abwehr präsentierten sich Dedryck Boyata und Omar Alderete als sicherer Rückhalt.

Am Sonntag geht es für Hertha BSC nach Leverkusen

„Fußballerisch haben wir das gut gemacht“, bilanzierte auch Trainer Labbadia. „Das ist zwar schön und gut, aber das Ergebnis passt einfach nicht, und das haben wir jetzt schon ein paar Mal gehabt.“ Schon gegen Bayern München und RB Leipzig hatten sich die Berliner sehr gut präsentiert, am Ende aber keine Punkte geholt. „Und deswegen ist die Enttäuschung einfach groß. Wir sehen Dinge, die sich schon extrem verbessert haben, aber das Ergebnis...!“

Ja, das Ergebnis ist eben das, was am Ende den Ausschlag gibt. Und das am kommenden Sonntag gegen Bayer Leverkusen stimmen muss, wenn Hertha nicht noch weiter Richtung Abstiegszone rutschen will.

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