Kolumne Immer Hertha

Purer Dardaiismus bei Hertha BSC

Mit Marton Dardai hat der nächste Sohn von Klub-Legende Pal sein Profi-Debüt bei Hertha gegeben. Wohin wird sein Weg führen?

Foto: pa/Montage BM

Einen kleinen Seitenhieb konnte er sich nicht verkneifen. „Marton ist ein sehr klarer Junge“, lobte Herthas Cheftrainer Bruno Labbadia: „Bei ihm hat vor allem die Mama eine gute Erziehung gemacht, aber beim Papa weiß ich’s nicht so ganz...“ Eine Aussage, die sich leicht zum Affront hochgeigen ließe, schließlich handelt es sich bei besagtem Papa um Labbadias Vor-Vor-Vor-Vorgänger bei Hertha, Klub-Legende Pal Dardai.

Eine lebende Vereins-Ikone anzugreifen, käme Labbadia jedoch nie in den Sinn, abgesehen davon verbindet die beiden ein gutes Verhältnis. Stattdessen handelte es sich um eine kleine Frotzelei unter Ex-Profis und Kollegen – zumal der Anlass ein erfreulicher war.

Dass der Name Dardai überhaupt ins Gespräch gekommen war, hatte Labbadia ja selbst zu verantworten, weil er Pals zweitem Sohn Marton (18) zu dessen Premiere bei den Profis verholfen hatte. Beim 3:0 in Augsburg war der Innenverteidiger am Sonnabend in der letzten Minute eingewechselt worden. So fiel das Debüt des jungen Dardai zwar äußerst kurz aus, in seiner Wirkung aber dürfte es noch lange nachhallen.

Zum ersten Mal auf der großen Bühne der Bundesliga spielen zu dürfen, ist ja immer auch ein symbolischer Akt. Einerseits als Belohnung für großen Einsatz und gute Trainingsleistungen, und zugleich als Signal, dass einem jungen Talent viel zugetraut wird. Vergessen wird Marton Dardai diesen Moment jedenfalls nie, allerdings hat der Weg anderer Eigengewächse gezeigt: Sein Debüt zu geben, ist das eine; sich bei den Profis zu etablieren, etwas ganz anderes.

Wie knifflig der Sprung in die Spitze ist, hat Martons älterer Bruder Palko (21) erfahren. Seine Premiere gab er 2017 unter Vater Pal (auch damals hieß der Gegner Augsburg), doch nach neun Erstliga-Einsätzen kam kein weiterer mehr hinzu. Heute spielt er in Herthas U23 in der Regionalliga.

Aus Herthas hochgelobtem 1999er-Jahrgang, mit dem Palko 2018 die deutsche A-Jugend-Meisterschaft gewann, hat sich kein einziger Akteur im Profi-Kader festspielen können. Selbst Über-Talent Arne Maier sah zuletzt keine Perspektive mehr in Berlin und ließ sich auf Leihbasis nach Bielefeld transferieren. Eine Entwicklung, zu der einem eigentlich nur noch das einfällt, was einem beim Stichwort Bielefeld ohnehin durch den Kopf schießt: Gibt’s doch gar nicht.

Ob dieses Phänomen nun an Hertha liegt oder an den einzelnen Talenten? Laut Labbadia klar an letzterem. „Wir können die Tür nur aufmachen“, sagt der Coach, „aber durchgehen müssen die Jungs selbst.“ Dafür brauche es neben Talent auch die richtige Einstellung – Hartnäckigkeit und Bereitschaft. Schon wieder so ein Seitenhieb, aber diesmal ein ernst gemeinter.

In Bezug auf die richtige Mentalität hat Labbadia bei Marton Dardai wenig Bedenken, Mama Monika sei Dank. Ob das reicht, steht indes auf einem anderen Blatt, schließlich wartet bei Herthas Profis erhebliche Konkurrenz auf den Linksfuß. Jordan Torunarigha und Zugang Omar Alderete (beide 23) liefern sich ein knackiges Duell um einen Stammplatz, bei dem sie auf den Youngster keine Rücksicht nehmen werden. Erschwerend hinzu kommt der Umstand, dass Herthas neu zusammengestelltes Team noch keinen guten Nährboden für Eigengewächse bietet. „Wenn die Struktur einer Mannschaft funktioniert, ist es einfacher, mal Talente reinzuwerfen“, sagt Labbadia, der „einen persönlichen Anreiz hat, Spieler nach oben zu bringen“.

So wird der Weg des nächsten Dardai spannend zu beobachten sein. Papa Pal machte seine erste Partie für Herthas Profis 1997 mit 21 Jahren und sechs Monaten. Er brachte es zum Rekordspieler des Klubs. Palko debütierte kurz nach seinem 19. Geburtstag – Marton nun mit 18 Jahren und 269 Tagen. Wer weiß, vielleicht setzt er sich ja tatsächlich bei den Profis durch. Und wenn nicht, bleibt ja noch Bence Dardai (15), der als großes Sturm-Talent gilt. In Herthas U16 hat er seit Sommer einen Trainer, der sich mit den Anforderungen der Bundesliga bestens auskennt. Papa Pal.