Hertha BSC

Wie Herthas Schwolow seinen Gegner besser machte

Hertha-Keeper Schwolow und Augsburgs Torwart Gikiewicz verbindet eine gemeinsame Geschichte. Sonnabend stehen sie sich gegenüber.

Torwart Alexander Schwolow ist die Nummer eins bei Hertha BSC.

Torwart Alexander Schwolow ist die Nummer eins bei Hertha BSC.

Foto: Boris Streubel / Getty Images

Berlin. „Schwolli“, sagte Rafal Gikiewicz, „ist die Nummer eins, das respektiere ich – wir haben einen guten Konkurrenzkampf.“ Torwart-Kollege Alexander Schwolow sah das Duell ähnlich sportlich. „Konkurrenz ist gut“, sagte der Keeper, „da muss jeder die letzten Prozente aus sich herausholen.“

Mehr als vier Jahre liegen diese Sätze zurück, gesprochen beim SC Freiburg, doch sie belegen, wie gut sich die beiden Profis kennen. Schwolow (28) ging seinerzeit in seine zweite Saison als Nummer eins, während Gikiewicz (33) gerade beim Sportclub angedockt hatte, um seinem Traum von der Bundesliga einen Schritt näher zu kommen.

Am Sonnabend nun sehen sich die alten Kollegen wieder (15.30 Uhr, Sky) – allerdings in völlig neuen Rollen. Schwolow hütet seit Sommer das Tor von Hertha BSC, Gikiewicz steht seit dieser Spielzeit bei Gegner FC Augsburg zwischen den Pfosten. Zwei unterschiedliche Entwicklungen zweier unterschiedliche Charaktere, deren Wege sich jedoch kreuzten, sodass beide voneinander profitieren konnten.

Die beiden Schlussmänner verbinden zwei gemeinsame Jahre

Ehe es in die Vergangenheit geht, lohnt jedoch der Blick auf die Gegenwart, denn dort sind beide Torhüter für ihre neuen Klubs im Handumdrehen zu zentralen Figuren geworden. In Augsburg endete mit Gikiewicz, der sich beim 1. FC Union zum Aufstiegshelden und Führungsspieler emporgeschwungen hatte, die zweijährige Suche nach einem adäquaten Nachfolger für Marwin Hitz, der den Lockrufen aus Dortmund erlegen war. Seit Gikiewicz im Tor steht, hat Trainer Heiko Herrlich eine Baustelle weniger, denn der 1,90-Meter-Mann überzeugte auf Anhieb mit jenen Qualitäten, die ihn schon in Köpenick auszeichneten: starkes Stellungsspiel, enorme Präsenz und lautstarke Ansagen. Dass das Team derzeit überraschend auf Platz sechs steht, ist auch sein Verdienst.

Schwolow, als Typ deutlich zurückhaltender, erlebte bei Hertha einen eher wackligen Start, hat sich seither jedoch kontinuierlich gesteigert. „Alex wird permanent noch stärker“, sagt Trainer Bruno Labbadia: „Er wirft immer mehr über Bord, dass er neu ist und er weiß, dass er Verantwortung übernehmen muss.“ Tatsächlich glänzte Schwolow nach seinem Einstandspatzer beim Pokal-Aus in Braunschweig zuletzt mit bemerkenswerten Paraden und strahlte spürbar mehr Sicherheit aus.

Herthas Schwolow wartete auf seine Chance

Dass Gikiewicz den deutlich reibungsloseren Start erwischte, wirkt angesichts der unterschiedlichen Karrierewege nur logisch. Hier der Anpassungskünstler aus Polen, der in Augsburg seine elfte (!) Profi-Station meistert; dort Schwolow, der in der Jugend nach Freiburg wechselte und – abgesehen von einer kurzen Leih-Episode in Bielefeld – zwölf Jahre im Breisgau blieb. Dort gab sich Schwolow Zeit, vertraute auf die gute Freiburger Torwartschule und wartete im zweiten Glied beharrlich auf seine Chance. Jene kam, als nach Oliver Baumann auch Roman Bürki den Sportclub verließ. Danach mauserte er sich zu einem der begehrtesten Keeper der Liga.

Gikiewicz trieb seine Karriere aktiver nach vorn, mutiger auch. Seinen Posten als Stammkeeper von Zweitligist Braunschweig gab er auf, weil sich 2016 in Freiburg eine neue Chance bot. Dort aber musste er sich hinter Schwolow einreihen – einem Konkurrenten, der sich über den Zeitraum von zwei Jahren als zu stark erweisen sollte.

Dennoch: In der täglichen Trainingsarbeit haben beide voneinander profitiert, sind durch den internen Wettbewerb auf ein höheres Level gehievt worden. Der ehrgeizige Gikiewicz als Herausforderer, der besonnene Schwolow mit seinem kompletten Torwartspiel als derjenige, der die Benchmark setzt.

Als Dirigent kann der Berliner von seinem Ex-Vertreter lernen

Schwolows starkes Gesamtpaket war auch der Grund, warum Hertha ihn im Sommer für sieben Millionen Euro Ablöse nach Berlin holte. Verglichen mit seinem Vorgänger Rune Jarstein (36), der in der Chaos-Saison 2019/20 seine Sicherheit verlor, ist Schwolow die jüngere und konstantere Option, ein Keeper, der für mehr Flexibilität und Tempo steht. „Er kann unser Spiel spielen“, sagt Labbadia, der jedoch schnell spürte, dass andere Qualitäten im Moment noch dringender gefordert sind.

„Es ist sehr, sehr wichtig, dass Alex die Verteidigung dirigiert“, sagt der Coach, „ich fordere ihn immer wieder auf, dass er genau das weiter macht.“ Qua Alter, Erfahrung und Leistungsvermögen muss sich Schwolow bei Hertha zu einem der schmerzlich vermissten Achsenspieler aufschwingen, zu einer Führungskraft, die die Kollegen lenkt. Ein Punkt, in dem er von seinem früheren Vertreter Gikiewicz lernen kann.

Welche Aura der Neu-Augsburger besitzt, weiß man in Berlin spätestens seit dem ersten Derby gegen Hertha, als Gikiewicz mehreren Union-Ultras entgegentrat und daran hinderte, den Platz zu stürmen. Schwolow hingegen verkörpert eher den „sympathischen Schwiegersohn“ und wird sich seinen Status im Team vor allem durch beständig gute Leistungen verdienen. Langsam aber sicher kennen die Kollegen ihren neuen Keeper jedoch. Und schätzen ihn immer mehr.

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