Hertha BSC

Herthas Suche nach mehr Halt

Hertha BSC stellt derzeit die drittschwächste Abwehr der Liga. Gegen Leipzig müssen die Berliner vor allem ihre Fehler abstellen.

Hertha BSC um Niklas Stark (r.) muss die Gegner künftig besser in den Griff bekommen als in dieser Szene Frankfurts André da Silva.

Hertha BSC um Niklas Stark (r.) muss die Gegner künftig besser in den Griff bekommen als in dieser Szene Frankfurts André da Silva.

Foto: Maja Hitij / Getty Images

Berlin. Als das Training von Hertha BSC am Mittwochvormittag Fahrt aufnahm, wurde Lukas Klünter unsanft ausgebremst. Nach einem Zusammenprall griff sich der Rechtsverteidiger an die Wade, blieb eine Weile am Boden liegen und humpelte kurz darauf Richtung Physiotherapeutin, die ihm stilsicher eine Bandage in den Klubfarmen Blau und Weiß verpasste. Ausgerechnet Klünter.

Trainer Bruno Labbadia wird sich in diesem Moment wohl seinen Teil gedacht haben, schließlich muss er mit Peter Pekarik (Hüftprellung) und Deyovaisio Zeefuik (muskuläre Probleme) derzeit schon auf seine Rechtsverteidiger eins und zwei verzichten. Dass beide am Mittwoch individuell trainieren konnten, darf man zwar als positives Zeichen werten, doch ob es für einen Einsatz am Sonnabend bei RB Leipzig reicht (15.30 Uhr, Sky), müssen die kommenden Tage zeigen. Andernfalls würde Reservist Klünter (24) in den Fokus rücken, der am Mittwoch zwar weitermachen konnte, sich dabei aber mehrfach ans bandagierte Bein fasste.

Trainer Labbadia moniert individuelle Fehler bei Hertha BSC

Auch wenn Klünter („Das ist nix“) auf dem Weg in die Kabine Entwarnung gab: Entspannt hat sich Herthas Personalsituation in dieser Woche nicht, schon gar nicht in der Abwehr, die ohnehin schon große Lücken offenbart. In den fünf Pflichtspielen dieser Saison haben sich die Berliner bereits 15 Gegentore eingehandelt, zehn davon in der Liga – nur Schalke (16) und Mainz (12) sind anfälliger. Und: Am Sonnabend trifft die drittschlechteste Defensive auf den zweitbesten Angriff. Leipzigs zehn Saisontore werden aktuell einzig vom Überteam FC Bayern getoppt (17).

Die Ursache für die vielen Gegentore sieht Trainer Labbadia vor allem in der Vielzahl „individueller Fehler“, die „immer wieder unterschiedlichen Spielern“ unterlaufen. Womit der Coach einerseits recht hat, nur ist auch ihm nicht entgangen, dass allein fünf der Gegentore aus ruhenden Bällen resultierten. „Das“, räumte er ein, „ist auch eine Frage der Aufmerksamkeit.“

Überhaupt: Wachheit, Umsichtigkeit, der Blick für Raum und Gegner – das alles wirkte beim jüngsten 0:2 gegen Aufsteiger Stuttgart arg verbesserungswürdig. Noch gleicht die Berliner Verteidigung einer Baustelle, und dass sich die Komponenten des Gebildes ständig ändern, macht die Sache für Labbadia nicht leichter.

Torunarighas Ausfall hatte für Hertha BSC doppelte Folgen

Da wäre zum einen der Ausfall des formstarken Stamm-Innenverteidigers Jordan Torunarigha, der an einer Syndesmoseverletzung im Knöchel laboriert. Ein Ausfall, der Herthas Statik gleich doppelt beeinflusste, denn als Ersatzmann musste Niklas Stark einspringen, der das Team zuvor als Sechser stabilisieren konnte. Ein kompromissloser Aufräumer vor der Abwehr fehlt seither, jemand, der der Elf einen ähnlichen Halt gibt wie der im Sommer abgewanderte Per Skjelbred. Mit Santiago Ascacibar und Eduard Löwen hätte Hertha theoretisch zwar zwei Kandidaten für diesen Job, doch der Argentinier hat sich seine x-te Verletzung zugezogen und Rückkehrer Löwen fehlt es noch an Bindung.

Zu behaupten, Herthas Hintermannschaft sei bestenfalls bedingt abwehrbereit, wäre allerdings vermessen, denn zur Wahrheit zählt auch: Zwei der bisherigen vier Liga-Gegner waren gnadenlos effizient. Beim 1:3 gegen Eintracht Frankfurt ließen die Berliner nur acht Torschüsse zu, wovon lediglich drei wirklich aufs Tor gingen. Stuttgart kam sogar nur zu fünf Abschlüssen – zwei gingen aufs Tor, beide waren drin. Härter können Abwehrfehler nicht bestraft werden.

Bei Zweikampfwerten und Laufleistung überzeugt Hertha BSC

Zieht man ferner in Betracht, dass ein weiterer Gegner Bayern München hieß und nach menschlichem Ermessen ohnehin kaum zu bändigen ist, erscheint die Abwehrschwäche weniger dramatisch, als die nackten Zahlen vermuten lassen. Zumal sich diverse andere Statistiken durchaus positiv lesen.

Bei gewonnenen Zweikämpfen rangiert Hertha im Ligavergleich nach vier Spieltagen auf Rang sechs (50,52 Prozent), genauso wie bei den abgespulten Kilometern (im Schnitt 117,81). Eine gewisse Bereitschaft ist den Berlinern also nicht abzusprechen, allerdings fehlte es in etlichen Situationen an der nötigen Cleverness.

Ob sich daran gegen Leipzig etwas ändert? Kleiner wird die Herausforderung jedenfalls nicht, schließlich kann der Champions-League-Starter enormen Druck entfalten. Andererseits haben die Berliner unter Labbadia schon bewiesen, dass sie imstande sind, RB Paroli zu bieten. Ende Mai trotzte Hertha den starken Sachsen ein 2:2 ab und ließ dabei nur vier Schüsse aufs Tor zu. Ein Manko bestand allerdings damals schon: Beide Gegentreffer fielen, na klar, durch Standards.

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