Immer Hertha

Gute Gründe reichen nicht

Nichts passiert ohne Grund – auch nicht im Fußball. Probleme nur erklären zu können, greift jedoch auf Dauer zu kurz, beobachtet Jörn Lange.

Wer es ohnehin nicht so mit dem Fußball hat, versteht die Welt nicht mehr. „Wie kann es sein, dass Mannschaften für ihre Spiele quer durch die Weltgeschichte reisen?“, hat mich mein Bruder am Telefon gefragt, „das ist doch ein krasses Risiko!“ Widersprechen konnte ich ihm da nicht, schließlich wächst die Corona-Gefahr in Europa derzeit schneller als die Titelsammlung des FC Bayern.

Schon die jüngste Länderspielpause hat ja gezeigt: Jede Reise und jeder Kontakt erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Covid-19-Infektion – ein Effekt, den neben Superstar Cristiano Ronaldo auch Hertha-Zugang Matteo Guendouzi zu spüren bekam. Beide hatten auf den Trips zu ihren Nationalteams positive Testergebnisse bekommen, beide mussten in häusliche Quarantäne.

Ob und wie lange dieses Risiko zu rechtfertigen ist? Das ist eine gute Frage. Als der sportaffinere von uns beiden konnte ich meinem Bruder zumindest ein paar Hintergründe erklären, die auf existenziellen Sorgen fußen. Bläst man einen internationalen Wettbewerb wie die Champions League ab, versiegt nun mal die größte Einnahmequelle des Fußballs. Kein Fußball, kein Geld, lautet die einfache Gleichung, weder von TV-Anstalten, die den Klubs horrende Beträge für die Übertragungsrechte zahlen, noch von Werbepartnern.

Es droht nicht weniger als ein Systemkollaps

„Wäre das denn wirklich so schlimm?“, hakte mein Bruder nach, „in der Champions League spielen doch eh nur die Reichen, die haben auf die kleinen Mannschaften doch mehr als genug Vorsprung.“ Was natürlich stimmt, nur wollen die kostspieligen Luxusteams der „Großen“ auch bezahlt werden. Ohne die fest eingeplanten Einnahmen aus der Königsklasse käme selbst ein vorbildlich geführter Branchengigant wie der FC Bayern ins Schleudern, von seinen schuldenauftürmenden Konkurrenten ganz zu schweigen. Anders ausgedrückt: Es droht nicht weniger als ein Systemkollaps.

Dafür, dass der Kontinentalverband Uefa alles versucht, um den Wettbewerb aufrechtzuerhalten, gibt es also passable Argumente, nur wusste schon William Shakespeare, dass selbst gute Gründe den besseren weichen müssen. Jene könnten durchaus entstehen, nämlich dann, wenn sich herausstellt, dass das erhöhte Reiseaufkommen der Fußballer trotz aller Vorsichtsmaßnahmen tatsächlich zu erhöhten Fallzahlen unter den Profis führt.

Tritt diese Befürchtung ein, dürften die Stimmen aus dem März wieder laut werden. Damals hatten die Verantwortlichen in ganz Europa gefordert: nationale Ligen first, alles andere im Zweifel gar nicht. Die Uefa scheint davon jedoch wenig zu halten, sie hat das Champions-League-Reglement coronagerecht modifiziert. Seit Saisonbeginn reicht es zur Not, wenn jedes Team 13 Akteure (inklusive Torhüter) stellen kann – dann wird gespielt, die Show muss weitergehen. „Und was ist mit der Gesundheit der Spieler?“, fragte mein Bruder, als ich meinen kleinen Monolog beendet hatte. Ich schwieg.

"Hertha hat mit der Champions League ja eh nichts zu tun"

„Na gut“, fuhr er einfühlsam fort, „Hertha hat mit der Champions League ja eh nichts zu tun.“ Auch da konnte ich ihm nicht widersprechen, was aber nicht heißt, dass Hertha keine Probleme hätte. Erstens betrifft die Reise-Gefahr auch die Berliner (nämlich durch ihre vielen Nationalspieler), zum anderen fehlt es dem Kader noch immer an Führungsfiguren und Kommunikation. „Wie“, fragte mein Bruder ungläubig, „die sprechen auf dem Platz nicht miteinander?“ Schweigend nickte ich am Hörer.

Wie das sein kann? Nun, Erklärungen finden sich auch hierfür zuhauf. Erstens hat Hertha im Sommer mehrere langjährige Alphatiere abgegeben, zweitens zehn neue, junge Spieler aus aller Herren Länder geholt und drittens bislang wenig Zeit gehabt, um zusammenzuwachsen. Die Neuankömmlinge müssen sich in Deutschland, Berlin und der Bundesliga akklimatisieren, noch suchen die Protagonisten ihre Rollen, eine Hierarchie muss erst entstehen. Nachvollziehbare, gute Gründe also, doch eines ist klar: Sollte sich kein Erfolg einstellen, werden auch sie besseren Gründen weichen müssen.

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