Hertha BSC

Hertha BSC: Gemeinsam einsam

Die Niederlage gegen Stuttgart zeigt: Hertha BSC ist noch kein echtes Team. Findet Trainer Labbadia einen Weg, das zu ändern?

Noch kein stimmiges Gebilde: Die Profis von Hertha BSC um Krzysztof Piatek, Niklas Stark, Jhon Cordoba und Eduard Löwen (v.l.).

Noch kein stimmiges Gebilde: Die Profis von Hertha BSC um Krzysztof Piatek, Niklas Stark, Jhon Cordoba und Eduard Löwen (v.l.).

Foto: Matthias Koch via www.imago-images.de / imago images/Matthias Koch

Berlin. Es kam, wie es kommen musste: Als sich Trainer Bruno Labbadia am Tag nach Herthas 0:2 gegen Stuttgart der virtuellen Medienrunde stellte, ließ die Frage nach seiner gefühlten Job-Sicherheit nicht lange auf sich warten. „Das“, sagte der Fußball-Lehrer halbwegs fassungslos, „finde ich einfach nur albern.“ Wenn es so weit sei, dass ein Trainer nach vier Spieltagen infrage gestellt wird, „brauchen wir auch keine Mannschaft mehr aufbauen“, sage er: „Dann heißt es nur noch: Friss oder stirb.“

Dass seine Berufskollegen auf Schalke und in Mainz sogar schon nach dem zweiten Spieltag beurlaubt wurden, wird Labbadia nicht entgangen sein, aber der 54-Jährige ist zu lange im Geschäft, um sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Kurzes Kopfschütteln, kurzes Unverständnis, schon war der Coach zurück im Arbeitsmodus: „Jammern bringt nichts“, sagte er, „wir müssen jetzt anpacken.“

Dennoch: Nach vier Niederlagen in fünf Pflichtspielen ist Labbadias Aufgabe nicht einfacher geworden, zumal es gegen den VfB so kam, wie es eigentlich nicht kommen durfte: Hertha zeigte gewissermaßen ein „Worst-of“ der eigenen Fähigkeiten, vor allem aber keinen Fortschritt. Auch Labbadia kam nicht umhin, festzustellen: „Vor zwei Monaten waren wir schon ein Stück weiter.“

Profis von Hertha BSC werden untereinander laut

Struktur und taktische Disziplin? War bestenfalls in Ansätzen zu erkennen. Sicheres Positions- und Passspiel? Ging den Berlinern zu oft ab. Körpersprache, Kommunikation und Mut? Ließ sich lediglich in einzelnen Phasen nachweisen, sodass der Eindruck entstand, im Olympiastadion stehe zwar eine Mannschaft auf dem Rasen, aber kein echtes Team.

Das Nervenkostüm der Profis scheint nach dem holprigen Saisonstart merklich dünner zu werden, mehrfach pflaumten sich die Spieler untereinander an, vor allem Ausnahmekönner Matheus Cunha ließ seinem Frust freien Lauf. „Mir wäre es sogar lieb, wenn sie häufiger lauter wären“, sagte Labbadia lächelnd, ehe er zum Ernst der Lage zurückkehrte: „Jemand, der positiv mitreißt, fehlt“, sagte er, „und das Negative darf auf keinen Fall passieren.“

Die große Herausforderung für den Trainer bleibt, aus der Ansammlung junger Einzelkönner aus zig Nationen ein funktionierendes Gebilde zu formen, doch angesichts der vielen Zu- und Abgänge braucht es dafür Zeit. Genau jene scheint in Berlin allerdings knapp, denn Investor Lars Windhorst will nach seinem 374-Millionen-Euro-Investment Ergebnisse sehen. Das Saisonziel des Geldgebers heißt Europa, das hat sein Berater Jens Lehmann dieser Tage unmissverständlich klar gemacht.

Hertha BSC leidet an systemischen Problemen

Aktuell klaffen Anspruch und Wirklichkeit in Westend jedoch noch weit auseinander, trotz der teuren Zugänge kassiert Hertha „billige Niederlagen“ (Labbadia). Von seinem Kurs abbringen lässt sich der Trainer dadurch zwar nicht, nur bewies auch er zuletzt nicht das glücklichste Händchen. Die Startelf-Nominierung von Mathew Leckie war ein Fehler, den der Coach zur Halbzeit korrigierte; der erneute Einsatz des gelernten Außenbahnspielers Maximilian Mittelstädt im zentral-defensiven Mittelfeld erwies sich ebenfalls nicht als Erfolgsrezept.

Einzelnen Profis den schwarzen Peter zuzuschieben, wäre allerdings nicht gerecht, trotz vieler individueller Fehler sind Herthas Defizite eher systemischer Natur. Noch immer wirkt die Mannschaft gehemmt und nicht gut austariert, noch immer fehlt es an Anführern und gelebter Abstimmung. Probleme, die Labbadia schon seit Langem beobachtet, für die er aber noch keine Lösung gefunden hat.

„Es gibt wenige Trainer, die so viel Erfahrung haben wie ich“, sagt der Coach, „ich weiß, was zu machen ist. Wir werden von unserem Weg auf keinen Fall abgehen, aber wir müssen immer wieder Dinge neu bewerten und sehen, welcher Schritt gefordert ist.“ Aktuell macht es den Anschein, als müsse Hertha bei allen Ambitionen erstmal ein bis zwei Schritte zurück machen, denn auch der Trainer weiß: „Wir müssen Ergebnisse liefern.“

Auf Hertha BSC wartet ein anspruchsvolles Programm

Die Bedingungen für Labbadia bleiben schwierig, wenngleich er seinen Kader nun beisammen hat und vorerst keine störende Länderspielpause ansteht. Stamm-Innenverteidiger Jordan Torunarigha und Sechser Santiago Ascacibar sind verletzt, Star-Zugang Matteo Guendouzi (kam auf Leihbasis vom FC Arsenal) weilt wegen einer Corona-Infektion in häuslicher Quarantäne. Nächster Gegner ist Tabellenführer RB Leipzig, danach folgen Spiele gegen Wolfsburg, Augsburg, Dortmund und Leverkusen, ehe Anfang Dezember das Derby gegen den 1. FC Union ansteht.

Die Aufbruchsstimmung, die nach Labbadias Amtsantritt im April und zu Beginn der Saisonvorbereitung zu spüren war, ist vorerst verflogen, auch die positiven Momente des spektakulären Schlagabtauschs mit dem FC Bayern (3:4) haben sich verflüchtigt. „Wir zeigen zu schwankende Leistungen“, bemängelt der Trainer, „aber ich habe die Situation genauso eingeschätzt, deshalb muss ich nicht alarmiert sein.“ Klar ist allerdings auch: Der Druck in Berlin steigt.

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