Bundesliga

Hertha patzt gegen Stuttgart: Zu oft einen Schritt zu spät

Hertha BSC kassiert gegen den Aufsteiger die vierte Niederlage im fünften Pflichtspiel – und offenbart erschreckende Schwächen.

Der Anfang vom Ende: Stuttgarts Torschütze Marc Oliver Kempf (Nummer 4) dreht jubelnd ab, die Hintermannschaft von Hertha BSC hat das Nachsehen.

Der Anfang vom Ende: Stuttgarts Torschütze Marc Oliver Kempf (Nummer 4) dreht jubelnd ab, die Hintermannschaft von Hertha BSC hat das Nachsehen.

Foto: nordphoto / Engler via www.imago-images.de

Berlin. Die Bilder nach dem Abpfiff sprachen Bände: Verteidiger Niklas Stark starrte fassungslos ins Leere, Torwart Alexander Schwolow schüttelte verärgert den Kopf, Mittelfeldspieler Lucas Tousart kratzte sich nachdenklich am Kinn. Nach dem verdienten 0:2 (0:1) gegen Aufsteiger VfB Stuttgart bewegte sich die Stimmung bei Herthas Profis zwischen Ernüchterung und Frust.

„Das ist sehr ärgerlich“, sagte Eigengewächs Maximilian Mittelstädt, „wir hätten heute drei Punkte gebraucht.“ Nach dem fünften Pflichtspiel der Saison stehen für die Berliner nun vier Niederlagen zu Buche.

In einem mäßigen Bundesligaspiel ließ Hertha jegliche Souveränität vermissen, Marc Oliver Kempf (9. Minute) und Gonzalo Castro (68.) bescherten dem Hauptstadtklub die Saison-Gegentore neun und zehn. In der Tabelle sortierte sich das Team von Trainer Bruno Labbadia vorerst auf Rang 15 ein. „Für unsere Ansprüche“, sagte Mittelstädt, „ist das zu wenig.“

Leckie bleibt in der Startelf von Hertha BSC ein Fehlgriff

Von einer seriösen Vorbereitung auf die Partie hatte Labbadia im Vorfeld nur träumen dürfen – insgesamt 13 Berliner weilten in den vergangenen zwei Wochen auf Länderspielreisen. Ein Umstand, der sich auch in der Startelf niederschlug: Angreifer Dodi Lukebakio, der für Belgien nicht zum Einsatz gekommen war, blieb zunächst genauso außen vor wie Hollands U21-Spieler Deyovaisio Zeefuik. Stattdessen rückten Marvin Plattenhardt und Mathew Leckie in die erste Elf.

Der Australier hatte in der Bundesliga letztmals vor über einem Jahr beginnen dürfen, war gegen Stuttgart aber auf Anhieb mittendrin – wenn auch anders als erhofft. VfB-Angreifer Tanguy Coulibaly ließ ihn auf der linken Außenbahn schon nach acht Minuten stehen und bediente Sasa Kalajdzic, der den Ball mit dem Kopf ans Aluminium wuchtete. Hertha im Glück, doch damit war es wenige Sekunden später vorbei.

Einen von Stark verursachten Freistoß schlug Stuttgarts Daniel Didavi aus dem linken Halbfeld in den Berliner Strafraum, wo Gäste-Verteidiger Marc Oliver Kempf mutterseelenallein einköpfen durfte. „Da verteidigen wir im Zentrum extrem schlecht“, sagte Hertha-Manager Michael Preetz über das 0:1 (9.). Für die Berliner war es bereits das fünfte Gegentor nach einer Standardsituation.

Nach dem 0:1 verliert Hertha BSC den Faden

Schlimmer noch: Der frühe Dämpfer zeigte Wirkung – „wir haben sofort die Linie verloren“, monierte Labbadia. Hertha, eigentlich griffig gestartet, wirkte im Spielaufbau plötzlich mut- und konzeptlos, erlaubte sich etliche Ungenauigkeiten und wusste mit dem Plus an Ballbesitz wenig anzufangen. Hinzu kam ein „deutliches Defizit in den Zweikämpfen“ (Preetz), durch das die Hausherren die Partie nicht in den Griff bekamen.

Zwar kam auch der VfB bis zur Pause nicht mehr zu echten Chancen, aber Hertha nun mal auch nicht. Die Last-Minute-Rückkehrer Matheus Cunha und Jhon Cordoba mühten sich nach Kräften, ließen allerdings Präzision und Cleverness vermissen.

Dass sich die Laune unter den 4000 zugelassenen Zuschauern Richtung Nullpunkt bewegte, war durchaus nachvollziehbar. In einer Behandlungspause, an deren Ende Rechtsverteidiger Peter Pekarik ausgewechselt wurde, machte ein Fan seinem Frust mit ausdauernden Rufen Luft: „Preetz muss weg! Preetz muss weg!“, rief er, war allerdings nicht der einzige, der vergaß, dass Sprechchöre und Gesänge im Stadion inzwischen verboten sind. Trotz entsprechender Hinweise wollten einige Besucher nicht auf ihr markantes „Ha Ho He – Hertha BSC!“ verzichten. Zum Kabinengang hagelte es angesichts der mauen Darbietung jedoch Pfiffe von der Tribüne.

Hertha BSC verpasst in Drangphase den Ausgleich

Mit dem Seitenwechsel war das Experiment Leckie beendet, für ihn kam Lukebakio (der von Preetz erst darauf hingewiesen werden musste, dass er ein falsches Trikot trug). Nach einem kurzen Schreckmoment – Stuttgarts Kalajdzic hatte knapp am rechten Pfosten vorbei geköpft (47.) – drehten die Berliner auf: Cordoba (53.), Boyata (58.) und zweimal Cunha (63., 66.) kamen zu Gelegenheiten, blieben aber glücklos. Nicht nur Mittelstädt wusste: „Wir hätten den Ausgleich machen müssen.“

Wie einfach das Toreschießen sein kann, demonstrierte auf der anderen Seite Gonzalo Castro, der den Ball einfach aus gut 20 Metern ins Berliner Tor drosch – 0:2 (68). Labbadia nahm den erneuten Rückschlag an der Seitenlinie konsterniert zur Kenntnis. Jens Lehmann, der Berater von Investor Lars Windhorst, wird sich als Beobachter im Stadion seinen Teil gedacht haben.

Großartig ändern sollte sich das Bild nicht mehr. Labbadias weitere Wechsel verpufften, außer Einzelaktionen brachte das viel zu statisch auftretende Team nichts mehr zustande. So endete Halbzeit zwei wie die erste, mit Pfiffen. Viel Mut für die bevorstehende Partie bei Tabellenführer Leipzig am Sonnabend werden die Berliner daraus nicht ziehen.