Hertha BSC

Für Hertha und Trainer Labbadia gilt: Von null auf hundert

Herthas Labbadia kann gegen Stuttgart den 100. Sieg als Bundesligacoach feiern, muss mit seinem Team aber einen Kaltstart meistern

Als Trainer von Hertha BSC verantwortete Bruno Labbadia (r.) bislang 13 Spiele (fünf Siege). Gegner Stuttgart führte er von 2010 bis 2013 in 119 Partien zu 50 Siegen.

Als Trainer von Hertha BSC verantwortete Bruno Labbadia (r.) bislang 13 Spiele (fünf Siege). Gegner Stuttgart führte er von 2010 bis 2013 in 119 Partien zu 50 Siegen.

Foto: Sebastian Widmann / Getty Images

Berlin. Ob es jemals so schwierig war wie im Moment? Direkt beantworten will Bruno Labbadia diese Frage nicht, aber er verneint sie auch nicht. Sicher, der Druck war schon mal größer, Herthas Chefcoach hat in seiner Laufbahn schon nervenaufreibende Relegations-Dramen meistern müssen, doch so fordernd wie aktuell war sein Job trotzdem selten.

„Ich kann mich nicht an eine so komplizierte Vorbereitung erinnern“, sagt der 54 Jahre alte Fußballlehrer, „vom ersten Tag an hatten wir eine besondere Situation.“ Was sich vor der Saison andeutete, setzt sich in der laufenden Spielzeit fort und wird immer stärker spürbar: Das Coronavirus macht die Dinge ungemein kompliziert, auch im Profi-Fußball, auch in Berlin.

Hertha BSC muss viel Planungsaufwand betreiben

„Wir haben am Donnerstag allein vier Stunden geplant, wie genau wir mit den Rückkehrern von den Nationalteams umgehen, weil sich immer wieder Dinge verändert haben“, erzählt Labbadia, „wir wollen da 0,0 Risiko eingehen.“ Ein Aufwand, der sich gelohnt hat, denn tatsächlich brachte Zugang Matteo Guendouzi von seinem Länderspiel-Trip eine Covid-19-Infektion mit. Er wurde isoliert.

„Wir müssen das Beste aus der Situation machen“, sagt Labbadia, ein Satz, bei dem er inzwischen selbst schmunzeln muss, weil er seit Amtsantritt im April zum Mantra geworden ist. Über die widrigen Umstände sprechen, ja, sich dahinter verstecken, nein – alles, was Labbadia dieser Tage interessiert, ist die Frage, wie er das Heimspiel am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky) gegen den VfB Stuttgart gewinnen kann. Für ihn selbst wäre der Erfolg der 100. Sieg als Bundesliga-Coach. Eine beeindruckende Marke.

Cunha und Cordoba zurück bei Hertha BSC

Damit dieser Meilenstein geknackt wird, müssen Labbadia und sein Team eine Art Kaltstart hinlegen. „Ich kann heute wieder nur mit zwei Handvoll Spielern arbeiten“, sagte Labbadia am Donnerstag, „das ist alles anderes als eine gute Vorbereitung.“ Inzwischen sind die letzten Nationalspieler um Matheus Cunha und Jhon Cordoba in Berlin eingetroffen, und zumindest in Cunhas Fall lag schon am Freitag ein negativer Corona-Test vor. Bei Cordoba, der erst am Donnerstag um 22.30 Uhr in Berlin landete, war hingegen noch Geduld gefordert.

Labbadia wird natürlich auch das überstehen, zur Not muss es eben ohne Cordoba gehen. Dass der Gegner bei seinem erhofften Jubiläumssieg ausgerechnet einer seiner Ex-Klubs ist, dürfte jedoch auch ihn kurz innehalten lassen, schließlich war seine Zeit beim VfB bewegt. 2010 als Feuerwehrmann geholt, führte er die Schwaben in die Europa League und ins Finale des DFB-Pokals, ehe er nach einem schwachen Saisonstart 2013 entlassen wurde.

Der Coach von Hertha BSC hatte bei Gegner Stuttgart bewegte Jahre

„Ich bin lange weg“, sagt der Trainer, „aber ich habe trotzdem eine gute Verbindung zum Klub. Für mich war das eine Erfolgsgeschichte.“ Eine gewisse Genugtuung muss man dabei wohl mitlesen, denn zur Wahrheit gehört auch: An die Erfolge der Labbadia-Jahre konnte der VfB nie wieder anknüpfen. Trotz wirtschaftlicher Unterstützung von Partner Mercedes verkam der ambitionierte Traditionsklub zu einer Fahrstuhlmannschaft – mit 15 Trainerwechseln in sieben Jahren.

Heute denken nicht wenige VfB-Fans mit seligem Blick an Labbadia zurück, doch während seiner Amtszeit musste der Trainer mitunter viel Gegenwind aushalten. Als ihm im Oktober 2012 auf einer denkwürdigen Pressekonferenz der Kragen platzte, bescherte er Fußball-Deutschland einen legendären Ausraster: „Die Trainer in der Bundesliga sind nicht die Mülleimer aller Menschen“, zürnte er, „ich kann nicht akzeptieren, wenn der Trainer wie der letzte Depp dargestellt wird.“ Als Bundesliga-Trainer müsse man sich die Frage stellen, ob man einen schweren Weg wie beim VfB mitgehen will. Oder ob man sagt: „Am Arsch geleckt!“ Eine Wutrede mit Wumms, in deren Anschluss Stuttgart neun von 13 Spielen gewann.

Hertha BSC muss an seine Grenzen gehen

Nun ist Labbadia beileibe nicht unfehlbar, aber man darf ihm attestieren, dass er seine Teams in 17 Jahren als Profi-Trainer durch viele knifflige Situationen manövriert hat. Er hat die hohe Erwartungshaltung in Stuttgart ausgehalten, beim Hamburger SV die Launen von Investor Klaus-Michael Kühne und in Wolfsburg den streitbaren Manager Jörg Schmadtke.

Bei Hertha bestehen seine größten Herausforderungen aktuell darin, mit wenigen Trainingseinheiten auszukommen und die Nationalspieler nach ihren Abstechern zu den Auswahlteams wieder auf Vollgas zu polen. Die Zeit, um das Team von null auf hundert zu treiben, ist mehr als knapp, und die Kunst wird es sein, im richtigen Moment den Beschleunigungsknopf zu drücken. „Stuttgart hat den Schwung aus dem Aufstiegsjahr mitgenommen“, sagt Labbadia, „sie haben eine gute Intensität.“ Er weiß: „Gegen den VfB müssen wir absolut an unsere eigenen Grenzen gehen.“

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