Hertha BSC

Hertha steht vor einem Ritt auf der Rasierklinge

Das Beispiel von Herthas Corona-Fall Guendouzi zeigt, wie fragil die Situation im Profi-Fußball ist. Wie lange geht das gut?

Sein Debüt für Hertha BSC muss warten: Matteo Guendouzi (M.) infizierte sich bei Frankreichs U21 mit dem Coronavirus.

Sein Debüt für Hertha BSC muss warten: Matteo Guendouzi (M.) infizierte sich bei Frankreichs U21 mit dem Coronavirus.

Foto: FREDERICK FLORIN / AFP

Berlin. Ohne einen gewissen Grundoptimismus ist es dieser Tage schwer – auch bei Hertha BSC. Weil sie sich in Westend aber genauso wenig unterkriegen lassen wollen wie im Rest der Stadt, griff Klub-Sprecher Marcus Jung zur denkbar positivsten Auslegung, die die Situation am Donnerstag hergab: „Abgesehen von Matteo Guendouzi“, sagte er, „haben wir keine weiteren Covid-19-Infektionen im Verein.“ Womit schon viel gesagt war.

Bereits am Mittwochabend hatten sich die Mienen beim Fußball-Bundesligisten verfinstert. Guendouzi (21), Last-Minute-Zugang mit Star-Potenzial, war nach seiner Rückkehr von Frankreichs U21 positiv auf das Coronavirus getestet worden. Ein zweites Testergebnis am Donnerstagvormittag brachte die bittere Gewissheit: der Mittelfeldspieler ist infiziert. Eine Nachricht, die vor dem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart am Sonnabend im Olympiastadion (15.30 Uhr, Sky) neuen Frust schürte.

Zugang von Hertha BSC weist keine Symptome auf

„Matteo wäre bereit gewesen für Sonnabend“, sagte Manager Michael Preetz, der Guendouzi (Marktwert 32 Millionen Euro) als Leihspieler vom FC Arsenal losgeeist hatte. Auch Trainer Bruno Labbadia hatte mit dem Mittelfeldspieler geplant – „ich wollte ihn zumindest mit in den Kader nehmen, weil wir im Zentrum nicht so üppig besetzt sind“, sagte der Coach.

Dass Guendouzi, der keinerlei Symptome aufweist, gegen Stuttgart fehlen wird, ist dabei noch das kleinere Übel. Im Idealfall hätte er vor der Partie dreimal mit seinem neuen Team trainiert, wenn überhaupt, wäre er wohl ein Kandidat für einen Joker-Einsatz gewesen. Viel härter trifft die Berliner, dass sie auf ihren neuen Hoffnungsträger nun weit länger warten müssen als erhofft, denn in den kommenden zehn Tagen muss sich Guendouzi in häusliche Quarantäne begeben. „Das“, sagte Labbadia, „ist der Worst Case.“

Auch Preetz betonte, dass Guendouzis Integration eigentlich schnell vorangetrieben werden sollte. Stattdessen wird der Mann mit der markanten Mähne nun ein virtuelles Fitnessprogramm in seinem Hotelzimmer absolvieren, um im körperlichen Bereich nicht allzu viel einzubüßen.

Guendouzi fehlt Hertha BSC auch gegen Leipzig

Wie fit der Franzose ist, können sie bei Hertha noch nicht recht einschätzen. Sein letztes Pflichtspiel für Arsenal bestritt Guendouzi Mitte Juni – umso glücklicher waren Labbadia und Preetz, dass er im U-Nationalteam zuletzt 60 und 90 Minuten auf dem Platz stand. Gewonnene Spielpraxis, die gleich wieder verloren zu gehen droht. Die Partie bei RB Leipzig (24. Oktober) wird er definitiv verpassen. Erste Gelegenheit für sein Debüt dürfte das Heimspiel gegen Wolfsburg am 1. November sein.

Nun war Guendouzi nicht der einzige Nationalspieler, der in Berlin mit Sorgenfalten beobachtet wurde. Herthas Offensiv-Abteilung, namentlich Matheus Cunha (Brasilien), Jhon Cordoba (Kolumbien) und Dodi Lukebakio (Belgien), blieben in den jeweils drei Länderspielen ihrer Teams ohne Einsatz. „Das ist alles andere als das, was man sich vorstellt“, sagte Labbadia, zumal das Trio durch den engen Spielrhythmus kaum ernstzunehmende Trainingseinheiten absolvierte.

So bleiben die Länderspiel-Abstellungen aus Klub-Perspektive vor allem mit der Angst behaftet, dass sich die Profis mit dem Coronavirus infizieren könnten, so wie Guendouzi. „Das Reisen und das Aufeinandertreffen mit vielen Menschen, die aus unterschiedlichen Richtungen kommen, ist zusätzlich riskant“, sagte Preetz, „und die Vereine müssen die Zeche bezahlen.“ Seine Prognose: „Über den Sinn der nächsten Abstellungsperiode im November wird sicher noch mal diskutiert werden.“

Auch Hertha BSC droht ein existenzielles Problem

Profi-Fußball und Corona-Pandemie in Einklang zu bringen, bleibt für die Verantwortlichen ein Ritt auf der Rasierklinge. Ein Spiel des Zweitligisten Osnabrück wurde gerade erst verlegt, weil mehrere Spieler der Niedersachsen in Quarantäne weilen. Was, wenn derartige Fälle plötzlich auch in der Bundesliga vermehrt auftreten? Wie lange ließe sich ein halbwegs vertretbarer Wettbewerb aufrechterhalten? „Wenn die Saison nicht zu Ende gespielt werden könnte“, betonte Preetz, „wäre das für alle ein existenzielles Problem.“

Greift man auf den eingangs erwähnten Grundoptimismus zurück, zeigt der Fall Guendouzi allerdings auch: Herthas Test-System funktioniert – der Franzose hatte nach seine Rückkehr weder Kontakt zur Mannschaft, noch zum Trainer- und Betreuerteam. Nun bliebt zu hoffen, dass die letzten Heimkehrer um Matheus Cunha und Jhon Cordoba ohne Infektion in Berlin anlanden und rechtzeitig zum Stuttgart-Spiel ein virenfreies Testergebnis vorweisen können. Das wäre dann eine negative Nachricht, der man wirklich etwas Positives abgewinnen könnte.

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