Immer Hertha

Ein Hoch auf die neue Bescheidenheit

Mehr Demut, weniger Maßlosigkeit: Der Fußball wollte sich in der Corona-Krise neu erfinden. Nun zeigen sich erste Effekte.

Foto: SASCHA SCHUERMANN/ AFP/BM

Da soll noch mal jemand behaupten, der Fußball könne sich nicht ändern. Schon kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie hatten die Entscheider der Profi-Branche ja angemahnt, fortan weniger Maßlosigkeit und mehr wirtschaftliche Vernunft walten zu lassen – das Streben nach Gigantismus müsse dringend mit etwas Demut verdünnt werden. Gesagt, getan, zumindest beim FC Arsenal.

Der Premier-League-Klub hat seine Personalkosten gerade kräftig beschnitten, allerdings an einer etwas sensiblen Stelle. Angesichts der leer gefegten Stadien legten die Londoner den Vertrag mit ihrem Maskottchen auf Eis, dem allseits beliebten „Gunnersaurus“. Ein Schritt, der in der Fan-Gemeinde einen veritablen Shitstorm lostrat, schließlich gehört der trikottragende Dino seit 27 Jahren zum Klub-Inventar. Zur Orientierung: Bei Instagram hat die Kult-Figur rund 130.000 Follower, eine Gefolgschaft, von der ein Hertha-Profi wie Dodi Lukebakio (40.000) nur träumen kann.

Aber was nützen all die hitzigen Fan-Emotionen, wenn den kühlen Zahlenmenschen bei Arsenal das Wasser bis zum Hals steht? In der Pandemie müssen nun mal auch Global Player sparen, Maßlosigkeit ade, dafür muss man einfach Verständnis haben. Wobei: Etwas irritierend mutete es schon an, dass der Klub den treuen „Gunnersaurus“-Darsteller Jerry Quy vor die Tür setzte, nur um kurz darauf einen defensiven Mittelfeldspieler für 50 Millionen Euro zu verpflichten. Aber vermutlich fehlt mir da einfach das wirtschaftliche Know-how …

Erstaunlich im positiven Sinne war, dass dem „Gunnersaurus“ ein Profi zur Seite sprang, nämlich Ex-Nationalspieler Mesut Özil. Bei Arsenal ist der Deutsche meist nur noch auf der Tribüne zu sehen, also fast selbst ein Maskottchen, doch in harten Zeiten wie diesen bot er spontan an, das Gehalt von Jerry Quy (angeblich hat er wegen eines Heimspiels einst die Hochzeit seines Bruders geschwänzt) aus eigener Tasche zu zahlen. Ein Vorschlag, den der Klub zunächst unkommentiert stehen ließ.

Ein anderer gefallener WM-Held von 2014 hat ebenfalls Schlagzeilen produziert, nämlich Mario Götze. Über Wochen geisterte der Name des Final-Torschützen durch Berlin, wo er als möglicher Kandidat für Hertha BSC gehandelt wurde. Die Krux: Eigentlich machte die Konstellation Hertha/Götze nach menschlichem Ermessen keinen Sinn.

Zum einen hatte der 28-Jährige unlängst betont, dass er noch immer höchste sportliche Ziele verfolgt, zum anderen kassierte er stets exorbitante Gehälter. In Berlin war nicht mal an die Hälfte seines gewohnten Salärs zu denken, denn auch wenn bei Hertha in der Transferperiode vieles vage blieb, galt eines als sicher: Das Gehaltsgefüge des Teams werde man nicht sprengen.

Am Dienstagabend nun überraschte Götze, als er sich der PSV Eindhoven anschloss, einem Klub, der zwar ein gewisses Renommee besitzt, aber „nur“ in der Europa League spielt. Die Verdienstmöglichkeiten dürften daher überschaubar sein, doch Götze hat sich – Stichwort Demut – offenbar auf das Wesentliche besonnen: das Fußballspielen. Anders als im aufgeregten Deutschland, wo er Woche für Woche kritisch beäugt worden wäre, kann er sich in den Niederlanden wieder voll auf den Sport konzentrieren, ohne Druck und überzogene Erwartungshaltung, dafür (hoffentlich) mit viel Lust aufs Kicken, auf Spaß und Erfolg.

Fans von Hertha BSC, die einer Götze-Verpflichtung sehnlichst entgegengefiebert hatten, brauchen in meinen Augen nicht traurig zu sein. Dass dem Fußball-Künstler hierzulande ein starkes Spätwerk gelungen wäre, kann ich mir bei seiner Vorgeschichte nicht vorstellen. Hinzu kommt: Ein charakterstarker Anführertyp, wie ihn Hertha-Coach Bruno Labbadia vermisst, ist er auch nicht.

Statt auf Götze dürfen sich die Berliner nun auf das hochspannende Talent Matteo Guendouzi freuen. Zuletzt jubelte der Leihspieler des FC Arsenal noch mit dem „Gunnersaurus“, in Zukunft will er im Olympiastadion mit Herthinho feiern. Solange Herthas Maskottchen nicht in Kurzarbeit muss.