Hertha BSC

Transferbilanz bei Hertha BSC: Jenseits der Euphorie

Coach Labbadia fehlen bei Hertha BSC nach wie vor Führungsspieler, Manager Preetz schwärmt von einem spannenden Mix.

Michael Preetz (l.), Manager von Hertha BSC, mit Mittelfeld-Zugang Matteo Guendouzi.

Michael Preetz (l.), Manager von Hertha BSC, mit Mittelfeld-Zugang Matteo Guendouzi.

Foto: herthabsc/citypress

Berlin. Als Bruno Labbadia am Mittwoch vom Fußballplatz zur Medienrunde schritt, öffnete der Himmel seine Schleusen. „Na, das passt ja“, sagte Herthas Chefcoach leicht amüsiert, und natürlich durfte man sich fragen, was genau er damit meinte. Einfach nur, dass es nach 90 trockenen Trainingsminuten ausgerechnet jetzt anfing zu regnen und die Reporter eine kleine Dusche bekamen? Oder doch eher das Bild an sich: Der Trainer steht im Regen…

Richtig zufrieden wirkte er jedenfalls nicht mit Herthas Ausbeute auf dem Transfermarkt. „Es lief nicht alles so, wie wir das wollten“, sagte er: „Wir hatten eigentlich andere Vorstellungen, aber unter den Umständen haben wir das Beste rausgeholt.“

Das Beste, das war am Schlusstag des Transferfensters am Montag ein Trio: Mittelfeldspieler Matteo Guendouzi (21), der auf Leihbasis vom FC Arsenal kommt, Abwehrspieler Omar Alderete (23), der als Ersatz für den nach Sevilla abgewanderten Karim Rekik verpflichtet wurde, und Rückkehrer Eduard Löwen (23) vom FC Augsburg.

Fertige Spieler findet man bei Hertha BSC kaum

Auf die Frage, ob er Herthas Kader für ausbalanciert halte, zuckte der Trainer kurz mit den Schultern. „Das müssen wir erst noch sehen.“ Tatsächlich wirken die meisten der insgesamt sieben Zugänge wie kleine Wundertüten, weil sie jung sind und die Bundesliga noch nicht kennen. Sie alle werden sich in Deutschland erst akklimatisieren müssen, brauchen Anlaufzeit. „Wir haben keine fertigen Spieler geholt“, sagt Labbadia, „das mittlere Alter, das vielleicht auch noch ganz gut gewesen wäre, war nicht auf dem Markt. Was uns noch fehlt, sind Leute, die Verantwortung übernehmen, die auch Sprachrohr sind.“

Aus dem Mund des Managers hört sich das Transfer-Fazit 45 Minuten später ein wenig anders an. „Wir sind nicht unzufrieden“, sagt Michael Preetz am Mittwoch in der zweiten Medienrunde des Tages. Sicher, man habe überwiegend Spieler geholt, die „jung an Jahren“ seien, dafür aber schon „reich an Erfahrung“. Guendouzi etwa hat bereits bewiesen, dass er in einem fremden Land zurechtkommt, bei Arsenal absolvierte der Franzose über 80 Pflichtspiele. Auch den neuen Keeper Alexander Schwolow (28) oder Stürmer Jhon Cordoba (27) dürfe man nicht vergessen, betonte Preetz: „Das sind nicht alle Greenhorns, ich finde, das ist ein spannender Mix.“

Guendouzi gilt bei Hertha BSC als neuer Hoffnungsträger

Dennoch: Das Gefühl, dass für Hertha angesichts der gut gefüllten Kassen mehr drin gewesen wäre, will nicht recht weichen. Mehrere Berliner Wunschspieler landeten letztlich bei anderen Klubs, allen voran Jeff Reine-Adelaide von Olympique Lyon, der auf Leihbasis nach Nizza transferiert wurde. Hertha hatte den Offensiv-Allrounder kaufen wollen, doch Preetz wollte die geforderten 30 Millionen Euro Ablöse nicht zahlen. „Da muss man sich natürlich fragen, wessen Rechnung nicht aufgegangen ist“, gibt er zu bedenken. Tatsächlich dürften die Verantwortlichen in Lyon angesichts der finalen Lösung keine Freudentänze aufgeführt haben.

In Berlin gelten nun jedenfalls andere als Hoffnungsträger, allen voran Guendouzi (Marktwert 32 Millionen Euro) – für Preetz „eines der größten Talente des französischen Fußballs“. Spielerisch hat der zentrale Mittelfeldspieler in London absolut überzeugt, doch mit seinem streitbaren Charakter manövrierte er sich mehrfach ins Abseits. Der Manager sieht’s positiv: „Wenn ich mir unseren Kader anschaue, kann uns sein Temperament gut zu Gesicht stehen.“

Investor von Hertha BSC war über Transfer-Kurs informiert

Überhaupt scheint Preetz keine großen Versäumnisse zu sehen. Für den abgewanderten Rekik habe er die letzte Chance genutzt, um Ablöse zu kassieren (Sevilla überwies rund vier Millionen Euro nach Berlin), zumal er mit dem gut sechs Millionen Euro teuren Alderete eine mehr als ordentliche Alternative präsentierte. Coach Labbadia hingegen spricht von einem plötzlich aufgepoppten „Verteidigerthema, das einiges Kopfzerbrechen bereitet“ habe. Und womöglich Kapazität für andere Verpflichtungen raubte.

Dass den Äußerungen auch taktisches Kalkül innewohnt, versteht sich von selbst. Während der Trainer versucht, die öffentliche Erwartungshaltung zu dämpfen, verteidigt der Manager seine Deals. Ein Feedback von Investor Lars Windhorst gab es offenbar noch nicht. „Die Entscheidungen treffen wir“, betonte Preetz, „aber er ist selbstverständlich über den Kurs informiert.“

Bei den formulierten Zielen lagen Manager und Trainer übrigens recht nah beieinander. Man wolle den Anschluss an die internationalen Plätze herstellen, sagte Preetz. Labbadia sprach davon, „in der Tabelle besser abzuschneiden als im Vorjahr“ (Platz zehn) – der Coach sieht die Chance, „in Ruhe etwas aufzubauen“. Wie es um diese Ruhe bestellt ist, zeigt sich unter anderem bei der Mitgliederversammlung am 25. Oktober. Die Gegner bis dahin heißen Stuttgart und Leipzig.

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