Hertha BSC

Hertha BSC setzt auf Sicherheit statt Risiko

Die große Transfer-Offensive ist bei Hertha BSC trotz der Investoren-Millionen ausgeblieben. War Manager Preetz zu vorsichtig?

Verteidiger Omar Alderete (Mitte) kommt FC Basel zu Hertha BSC.

Verteidiger Omar Alderete (Mitte) kommt FC Basel zu Hertha BSC.

Foto: Peter Klaunzer / picture alliance/KEYSTONE

Berlin. Michael Preetz sah offenbar Erklärungsbedarf, also stellte sich Herthas Manager nach getaner Arbeit vor die Kamera des klubeigenen TV-Formats. „Ich habe ja schon einige Transferperioden erlebt“, sagte der Manager, „aber diese war außergewöhnlich.“ Womit er zweifelsohne Recht hatte, nur hatten sich viele Fans des Hauptstadtklubs nun mal auch außergewöhnliche Zugänge erhofft.

Auf prominente Namen mussten sie jedoch verzichten, selbst Preetz’ Wunschspieler Jeff Reine-Adelaide von Olympique Lyon kam letztlich nicht nach Berlin, sondern ließ sich nach Nizza verleihen. Stattdessen präsentierte der Manager am Montagabend das streitbare Arsenal-Talent Matteo Guendouzi (21, ausgeliehen), Abwehrspieler Omar Alderete vom FC Basel (23, 6,5 Millionen Euro Ablöse) und den zuvor nach Augsburg verliehenen Rückkehrer Eduard Löwen (23). Eine Ausbeute, die angesichts der üppigen Finanzspritzen von Investor Lars Windhorst eher dünn daherkam.

Der Manager von Hertha BSC investiert „nur“ 32,5 Millionen Euro

Über seine Beteiligungsgesellschaft Tennor hat Windhorst dem Klub insgesamt 374 Millionen Euro zur Verfügung gestellt und Hertha so in eine vermeintlich komfortable Lage manövriert. Während viele andere Klubs durch die Folgen der Corona-Pandemie zum Sparen verteufelt waren, hatte Preetz die Möglichkeit, den Kader ordentlich aufzuhübschen, ihn salonfähig zu machen für den angestrebten Tanz auf europäischem Parkett. Unterm Strich gab Hertha in der abgelaufenen Wechselperiode jedoch nur 32,5 Millionen Euro aus. Eine entschlossene Attacke ist das nicht.

„Wir haben uns die Transferphase anders gewünscht“, gab Hertha-Coach Bruno Labbadia zu, aber erstens sei „der Markt nicht aufgegangen“ und zweitens seien absurd hohe Ablösesummen verlangt worden. Dass die alte Dame zu neuen Möglichkeiten gekommen war, hatte sich nun mal rumgesprochen, zudem sind zahlreiche Klubs in Zeiten ausbleibender Zuschauereinnahmen mehr denn je auf Transfererlöse angewiesen.

Hertha BSC verfügt über viel Potenzial, aber wenig Erfahrung

Um zu erklären, weshalb er einen 30-Millionen-Euro-Transfer wie Reine-Adelaide gescheut hat, greift auch Preetz zum fehlenden Publikumsfaktor. „Wenn wir bis zum Ende dieser Saison ohne Zuschauer spielen, werden wir am Ende ganz sicher von einem mittleren zweistelligen Millionen-Minus sprechen“, sagte er im Vereins-TV: „Dem muss man Rechnung tragen mit dem, was man auf dem Transfermarkt macht.“

Gesundes Augenmaß statt finanzielles Risiko – Preetz’ Kritiker interpretieren diese Taktik als mutlos, schließlich hätte man auf Konkurrenten wie Mönchengladbach (die Borussia investierte lediglich 2,7 Mio. Euro), Hoffenheim (3 Mio.) oder Frankfurt (15 Mio.) Boden gutmachen können. Der Manager selbst empfindet sein Handeln indes als „vernünftig“, er will sein Pulver nicht wahllos verschießen. Zumal sich das Transferfenster in weniger als drei Monaten schon wieder öffnet.

Ganz gleich, welcher Argumentation man folgt, die große Frage bleibt, ob Preetz das Beste aus Moment und Mitteln gemacht hat. Auffällig: Abgesehen von Stürmer Jhon Cordoba (27) und Torwart Alexander Schwolow (28) fallen die sieben Zugänge allesamt in die Kategorie „jung und entwicklungsfähig“. Trainer Labbadia, der zuletzt immer wieder auf das Fehlen von Führungsspielern verwiesen hatte, steht vor der Herausforderung, aus einem vergleichsweise jungen Team mit vier Liga-Neulingen eine stabile Einheit zu formen.

Das Thema Götze ist bei Hertha BSC vom Tisch

Auf die Zugänge Guendouzi und Alderete muss der Coach dabei vorerst verzichten. Beide sind in den kommenden Tagen für ihre Heimatländer aktiv. Guendouzi wurde für die Spiele der französischen U21 in der EM-Qualifikation gegen Liechtenstein und die Slowakei nominiert. Alderete reiste zu den Partien Paraguays in der WM-Qualifikation gegen Peru und in Venezuela. Beide werden erst in der kommenden Woche und somit wenige Tage vor dem Bundesliga-Spiel gegen den VfB Stuttgart (17. Oktober) zu ihren neuen Berliner Kollegen stoßen.

Das leidige Thema Mario Götze ist bei Hertha derweil endgültig Tisch. Wie Medien in den Niederlanden und Deutschland am Dienstagabend vermeldeten, wechselt der WM-Held von 2014 zur PSV Eindhoven. Zuvor war Götze wochenlang mit den Berlinern in Verbindung gebracht worden. Weil der 28-Jährige vereinslos war, hätte er auch nach Ende der Transferfrist verpflichtet werden können.

Festzuhalten bleibt: Preetz verzichtet bei Herthas Europa-Mission auf die Brechstangen-Methode, setzt auf eine Entwicklung. Investor Windhorst und sein sportlicher Berater, der Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann, werden die Ergebnisse bewerten – genauso wie Carsten Schmidt, der ab Dezember den Vorsitz in Herthas Geschäftsführung übernimmt. Inwieweit zum Jahreswechsel erneut Erklärungsbedarf herrscht, zeigt sich dann.

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