Hertha BSC

Kapitän Boyata: „Man muss gegen die Bayern nicht verlieren“

Dedryck Boyata über das Spitzenspiel bin München, seine neue Rolle als Kapitän von Hertha BSC und den Umgang mit hohen Zielen.

Dedryck Boyata hat seit seiner Ankunft im Sommer 2019 insgesamt 31 Pflichtspiele für Hertha BSC absolviert. Dem Abwehrspieler gelangen dabei vier Tore.

Dedryck Boyata hat seit seiner Ankunft im Sommer 2019 insgesamt 31 Pflichtspiele für Hertha BSC absolviert. Dem Abwehrspieler gelangen dabei vier Tore.

Foto: Andreas Gora / picture alliance / Andreas Gora

Berlin. Für Dedryck Boyata (29) ist 2020 das Jahr der Verantwortung. Im Februar wurde der Abwehrchef von Hertha BSC erstmals Vater, seither sieht man ihn in Charlottenburg fast täglich als treibende Kraft hinter einem Kinderwagen. Noch mehr Präsenz strahlt der Belgier auf dem Fußballplatz aus, weshalb ihn seine Kollegen unlängst zum Mannschaftskapitän machten. Vor dem Spitzenspiel beim FC Bayern am Sonntag (18 Uhr, Sky) spricht Boyata über seine neue Rolle, prägende Vorbilder und den schwierigen Umgang mit hohen Zielen.

Herr Boyata, wussten Sie, dass Sie der FC Bayern zu einem kleinen Youtube-Star gemacht hat?

Dedryck Boyata: Mich? Wie denn das?

Wenn man Ihren Namen eingibt, findet man zwei Videos von Spielen, die Sie 2013 als jungen Verteidiger von Manchester City in München zeigen – mit über 40.000 Klicks.

Ah, das war der Audi Cup. Wir haben dort leider verloren, aber für mich war es das erste Mal in diesem riesigen Stadion. Arjen Robben, Franck Ribéry – die Bayern waren damals wahnsinnig stark.

Eines der Videos zeigt, wie Sie Ribéry resolut von den Beinen holen. Hatten Sie keinen Respekt?

Doch, sehr, aber im Spiel darf das keine Rolle spielen. Auch wenn ich einen Gegner eigentlich nur aus dem TV kenne und vielleicht sogar bewundere, kann ich es mir nicht erlauben, anders zu spielen als sonst. Auf dem Platz zu viel Respekt zu zeigen, kann böse enden.

Die Bayern scheinen nur mit einer hervorragenden Mannschaftsleistung zu stoppen, Ihr Trainer Bruno Labbadia bemängelt aber seit Wochen die fehlende Kommunikation im Hertha-Team. Warum wird auf dem Platz so wenig geredet?

Nicht jeder Spieler hat das in sich, aber der Trainer hat natürlich Recht. Gute Kommunikation ist ein Grundstein. Ich versuche, viel zu dirigieren – aber alle im Team sind aufgefordert, noch mehr zu sprechen, um uns gegenseitig zu helfen. Manchmal braucht so etwas Zeit. Man kann das lernen.

Kritiker behaupten, Herthas Team sei zu jung, es fehle an gestandenen Spielern.

Tatsächlich verbessert sich die Kommunikation manchmal erst mit der Erfahrung. Einige Spieler sind noch jung oder neu im Team, vielleicht auch noch etwas schüchtern. Wenn wir mehr miteinander sprechen, macht das die Dinge leichter. Ich bin aber sicher, dass sich das entwickelt.

Seit vergangener Woche sind Sie Herthas neuer Mannschaftskapitän. Was bedeutet Ihnen das Amt?

Es ist das erste Mal, dass ich Kapitän bin. Die Binde zu tragen, war zwar nie mein Ziel, aber trotzdem ist es eine große Ehre für mich – vor allem, weil ich von der Mannschaft gewählt wurde.

Was zeichnet einen guten Kapitän aus?

Bei Manchester City und im belgischen Nationalteam habe ich Vincent Kompany erlebt, bei Celtic Glasgow Scott Brown – beide hatten einen herausragenden Status im Team. Kompany spricht sieben Sprachen und hat ständig versucht, die Mannschaft zusammenzuhalten, außerdem hat er eine sehr stark ausgeprägte Siegermentalität. Scott Brown bei Celtic war ähnlich – er ist das beste Vorbild, das man sich vorstellen kann. In jedem Training war er der erste auf dem Platz, er hat immer mehr gemacht als andere und in jedem Spiel seine Leistung gebracht. Ein echter Krieger. An solchen Typen können sich andere orientieren.

Ihr erstes Spiel als Kapitän war nicht gerade Ihr bestes. Was ist bei der Pleite gegen Frankfurt schief gelaufen?

Unser Matchplan war eigentlich gut, aber wir waren in der ersten Halbzeit zu zaghaft. Ich habe den Elfmeter zum 0:1 verschuldet und hatte auch am zweiten Gegentor meine Aktien, aber so etwas darf einen nicht zu lange beschäftigen. Es war eine unnötige Niederlage, aber die Saison ist noch sehr lang. Ich persönlich habe das Spiel schon vergessen, denn am Sonntag müssen wir bereit sein für eine 90-minütige Schlacht.

In der vergangenen Spielzeit mussten Sie lange gegen den Abstieg kämpfen. Welche Lehren haben Sie aus diesem Chaos-Jahr gezogen?

Trotz der ganzen Aufs und Abs können wir etwas Positives mitnehmen, denn wir haben in der Corona-Pause sehr hart gearbeitet und danach schnell Punkte gesammelt. Eines ist aber auch klar: Wir dürfen die Fehler aus dem Vorjahr nicht noch einmal machen. Schauen Sie sich die Bundesliga an. Dortmund verliert, selbst die Bayern verlieren mal – alles ist möglich. Es ist deshalb verdammt wichtig, dass man immer fokussiert bleibt und sich auf jedes Spiel so gut wie möglich vorbereitet.

Bruno Labbadia ist bereits Ihr vierter Trainer bei Hertha. Ist er der richtige?

Wir brauchen Stabilität, und er verfügt über sehr viel Erfahrung. Taktisch und körperlich bereitet er uns hervorragend vor, aber es liegt letztlich an uns Spielern, etwas daraus zu machen.

Sie haben Labbadia mit Ihrem früheren Man-City-Coach Roberto Mancini verglichen. Worin ähneln sie sich?

Sie haben beide italienisches Blut! (lacht) Nein, ernsthaft, ich sehe viele Parallelen hinsichtlich Taktik und ihrer Arbeitsweise. Beide arbeiten viel in Kleingruppen, beide achten stark auf die Details und beide lassen ihre Übungen so lange wiederholen, bis die Automatismen sitzen. Außerdem sind beide privat sehr freundliche Menschen, aber wenn es an die Arbeit geht, wollen Sie Konzentration und Leistung sehen.

Es gibt noch weitere Parallelen zwischen Ihrer Zeit bei Hertha und Man City, Stichwort Investor.

Grundsätzlich gibt es Ähnlichkeiten, denn natürlich hat der Einstieg eines Investors in beiden Klubs viele Veränderungen ausgelöst. Plötzlich gibt es ganz andere Ambitionen und Erwartungen, aber das war’s dann auch schon fast mit den Gemeinsamkeiten. Hertha will Schritt für Schritt nach oben klettern, bei City hatte das alles eine andere Dimension. Der Klub ist damals im Grunde über vier Stockwerke direkt an die Spitze gesprungen.

Die Ausgangslage für Hertha wirkt momentan günstig. Andere Klubs müssen sparen, in Berlin wird investiert. Was ist dieses Jahr möglich?

Ich bin ehrlich gesagt der Meinung, dass wir nicht zu hohe Ziele formulieren sollten, weil wir noch in der Entwicklung stecken. Wir wissen, was wir wollen und was wir erreichen können, aber sobald man etwas laut ausspricht, wird man ständig daran gemessen. In der Praxis heißt das: Sobald man hinter dem Ziel zurückliegt, gibt es sofort Kritik von außen – dieser Druck ist jetzt schon zu spüren. Deshalb sollten wir gar nicht so viel darüber reden, sondern einfach zeigen, was wir drauf haben.

Mit den Bayern wartet am Sonntag der größte Gradmesser überhaupt. Wie bereiten Sie sich auf einen Ausnahmestürmer wie Robert Lewandowski vor?

Gegen die Besten zu spielen, ist eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance, sich zu beweisen. Meine Vorbereitung ist immer gleich, und natürlich schaue ich Videos, um Lewandowskis Muster zu verstehen. Er ist unheimlich clever, jede seiner Bewegungen folgt einem Plan – manchmal auch nur, um Räume für andere zu schaffen.

Hoffenheim hat am vergangenen Wochenende gezeigt, wie man die Bayern ärgern kann. Was haben Sie sich abgeschaut?

Sie haben es den Bayern sehr schwer gemacht, waren mutig und unangenehm. Das war ein sehr schöner Beweis dafür, dass man nicht verlieren muss, nur weil der Gegner Bayern München heißt.