Hertha BSC

Hertha BSC: Noch weit weg

Gegen Frankfurt bekommt Hertha BSC schonungslos aufgezeigt, woran es dem Team noch fehlt. Und die nächste Lehrstunde wartet schon.

Herthas Defensive kommt beim 0:3 von Frankfurts Sebastian Rode einen Schritt zu spät – wie so oft am Freitagabend.

Herthas Defensive kommt beim 0:3 von Frankfurts Sebastian Rode einen Schritt zu spät – wie so oft am Freitagabend.

Foto: Pool / Getty Images

Berlin. „Die Nacht war kurz“, sagte Bruno Labbadia. Herthas Trainer macht kein Geheimnis daraus, dass er „kein guter Verlierer“ ist – erst recht nicht, wenn „man so verliert wie wir gestern“. Das 1:3 (0:2) gegen Eintracht Frankfurt vom Freitagabend hatte den Coach mächtig gewurmt, was vor allem daran lag, dass sein Team erst spät bewies, dass der Matchplan eigentlich funktionierte. „Wir wollten Frankfurt früh unter Druck setzen“, sagte Labbadia, „aber wir haben die Marschroute erst in der zweiten Halbzeit umgesetzt. Das war ärgerlich.“

Am Sonnabendmorgen versammelte er die Profis daher zur Video-Analyse, konfrontierte sie mit den Versäumnissen. Davon gab es reichlich, sei es in der Defensive, wo die Berliner oft einen Schritt zu spät kamen, oder im Pressing, wo es an Abstimmung und Entschlossenheit haperte.

Anschauungsunterricht hatte Hertha aber auch in anderen, grundsätzlicheren Aspekten des Spiels erhalten, denn die Gäste aus Hessen präsentierten eindrucksvoll, was ein Europapokal-Aspirant mitbringen muss. Physische Robustheit, Zweikampfhärte, taktische Disziplin – das alles ging Hertha am Freitag ab, genauso wie die Beständigkeit in der individuellen Leistung. Eine Momentaufnahme, die zeigt, dass der Abstand zu den eigenen Ambitionen derzeit noch ähnlich groß ist wie der zu Frankfurts Angreifern am Freitagabend.

Stürmer Piatek ist bei Hertha BSC noch kein Faktor

„Wir haben gegen eine Mannschaft gespielt, die über ihre Erfolge gewachsen ist“, betonte Labbadia. Das Erreichen des Pokal-Endspiels 2017, der Cup-Sieg 2018 und der Sprung ins Europa-League-Halbfinale 2019 hat die Eintracht enorm gefestigt. „Das gibt dir eine Körperlichkeit, die wir noch lernen müssen“, meinte der Coach.

Nun ließ sich die Niederlage jedoch nicht nur mit Frankfurts Stärke erklären, sondern auch mit Herthas Schwäche. „Wir hatten einige Ausfälle“, monierte der Trainer, „gerade im vorderen Bereich.“ Angesprochen fühlen durfte sich unter anderem Stürmer Krzysztof Piatek, der überhaupt kein Faktor war und zur Pause gegen Zugang Jhon Cordoba getauscht wurde.

Im Angriff vermisste Labbadia von seinen Offensivkräften das „Starten in die freien Räume“, im Anlaufverhalten Tempo und Konsequenz. „Mal hat der eine nicht mitgemacht und mal der andere“, sagte der frühere Profi. So liefen die Pressingversuche zigfach ins Leere.

Arne Maier wird Hertha BSC mehrere Wochen fehlen

Darüber hinaus fehlte es Hertha erneut an ordnenden Händen. Der frisch gewählte Kapitän Dedryck Boyata erwischte keinen allzu guten Tag, Mittelfeldmotor Vladimir Darida tauchte ab (auch er wurde zur Pause ausgewechselt), und Offensivkünstler Matheus Cunha, der vor dem Spiel erstmals in die brasilianische A-Nationalmannschaft berufen wurde, rieb sich in Dribblings auf.

Als Stabilisator trat am ehesten noch Lucas Tousart in Erscheinung. Nach unauffälligen 45 Minuten steigerte sich Herthas Rekordeinkauf und überzeugte im zentralen Mittelfeld vor allem kämpferisch. „Er hat gezeigt, dass er eine Mannschaft mitreißen kann“, sagte Labbadia.

Mitzureißen schien das Team nach der Pause auch der eingewechselte Arne Maier, der sich jedoch zu einer tragischen Figur entwickelte. Bei einem Pressschlag verletzte sich der 21-Jährige zum wiederholten Mal am Innenband seines anfälligen Knies. So war für Herthas größtes Talent, dessen Berater zuletzt öffentlich mehr Spielzeit gefordert hatte, schon nach zwanzig Minuten wieder Schluss. Am Sonnabend bestätigten sich die Befürchtungen der Berliner: „So wie es aussieht, wird er uns in den nächsten Wochen fehlen“, sagte Labbadia, „das ist für ihn und uns total bitter.“

Matheus Cunha erstmals für die „Selecao“ nominiert

So werden die Herausforderungen für Hertha nicht kleiner, im Gegenteil: Am nächsten Sonntag (18 Uhr) müssen die Berliner beim Champions-League-Gewinner Bayern München antreten, dem Überteam der Liga. Danach folgt eine Länderspielpause, in der wegen der stark ansteigenden Corona-Fallzahlen aber noch völlig unklar ist, ob und in welchem Umfang Nationalspieler abgestellt werden.

„Ich bin gespannt, wie das geregelt wird“, sagte Labbadia. Nach dem Länderspielfenster vor Saisonstart hatte Hertha auf Stürmer Piatek verzichten müssen, weil der Pole nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet zunächst in Quarantäne musste. „Da waren wir die Leidtragenden“, betonte der Coach, der ein vergleichbares Szenario gern vermeiden würde.

Dem erstmals nominierten Cunha (21) wird er einen Trip zur „Selecao“ jedoch kaum verwehren. „Für Brasilianer hat die Nationalmannschaft eine extreme Bedeutung“, sagte Labbadia: „Am Freitag hat ihn die Einladung vielleicht eher gehemmt, aber auf Dauer wird ihm das einen Schub geben.“ Mit ein wenig Abstand also, der in diesem Fall – anders als gegen Frankfurt – helfen dürfte.

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