Kolumne Immer Hertha

Das wird ‘ne große Nummer

Das Beispiel Hertha BSC zeigt: Für Fußballer ist die Zahl auf ihrem Trikot keine Nebensache, sondern ein Prestigeobjekt.

Foto: Sören Stache/dpa; Maurizio Gambarini (Montage)

Ein wenig schmunzeln musste ich schon. Es gäbe ja vieles, was Fußball-Profis unmittelbar vor dem Saisonstart beschäftigen könnte – die eigene Form zum Beispiel, der bevorstehende Gegner oder die Ernährung, das maue Zusammenspiel mit den Kollegen oder die ausbaufähige Teamchemie. Bei Hertha BSC hingegen fanden sich in der vergangenen Woche einige Kandidaten, die von ganz anderen Sorgen umgetrieben wurden, nämlich der Suche nach der richtigen Rückennummer. Schräg, oder?

Man darf ja nicht vergessen: Wir sprechen von einem seit vielen Jahren verwissenschaftlichen Hochleistungsbereich, in dem sich Heerscharen von Experten kümmern, damit millionenschwere Profis die bestmögliche Performance abliefern können. Im Dunstkreis der Teams finden sich Fitnesstrainer, Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler, Daten-Sammler, Video-Analysten, Psychologen, Köche und vieles mehr, doch am Ende braucht der Spieler offenbar seine Wunschnummer auf dem Rücken – sonst geht’s nicht.

Möglich gemacht hat die Berliner Nummern-Rotation einer, der gar nicht mehr da ist. Weil Spielmacher Ondrej Duda in der Vorwoche nach Köln abwanderte, griff sich Matheus Cunha dessen Nummer zehn. Frei wurde dadurch die Neun, die an Stürmer Krzysztof Piatek ging. Dodi Lukebakio nutzte die Gunst der Stunde ebenfalls. Er schnappte sich die nun vakante Nummer elf.

Nun kann man das Gezanke um die Zahlen als alberne Kinderei abtun, doch natürlich würde das der Sache nicht gerecht. Der Fußball ist schließlich durchdrungen von Emotionen und Erinnerungen, weil er seit Generationen Geschichten produziert. Helden früherer Tage sind genauso tief ins kollektive Fußball-Gedächtnis eingesickert wie ihre Rückennummern, und so darf es nicht verwundern, dass den Zahlen Aura und Prestige anhaftet. Tatsächlich schmücken die Nummern in vielen Fällen weniger die Jerseys als vielmehr einzelne Egos, dabei war das keineswegs so vorgesehen.

Eingeführt wurden die Rückennummern 1933 in England, damit der Schiedsrichter einen besseren Überblick hat. Bei der offiziellen Premiere trugen die Spieler des FC Everton die Nummern eins bis elf, die Akteure von Gegner Man City die Nummern zwölf bis 22. Durchnummeriert wurden die Teams in der Regel pragmatisch von hinten nach vorn, doch mit Superstar Pelé, der Brasilien 1958 zum WM-Titel führte und fortan die Fußball-Welt verzauberte, wurden Nummern plötzlich zum Prestigeobjekt. Die Zehn war ab sofort das Symbol der Künstler und Genies, der Edeltechniker und Freigeister. Etliche Ausnahmekönner von Diego Maradona bis Lionel Messi sollten Pelés Beispiel folgen – so wie nun Matheus Cunha, der damit auch der Hertha-Legende Marcelinho nacheifert.

Vor Cunha, Piatek und Lukebakio haben schon ganz andere ihre Volten um Trikotnummern gedreht. Erinnern Sie sich an Ivan Zamorano von Inter Mailand? Der chilenische Stürmer hatte zeitlebens mit der Neun gedribbelt, musste die Nummer aber an Überfigur Ronaldo abgeben. Zamorano, nicht dumm, lief daraufhin mit der 18 auf, ließ zwischen die beiden Zahlen aber ein kleines Plus setzen. Gewieft.

Für einige Profis hat die Nummer einen nostalgischen Wert (Barcelonas Frenkie de Jong trägt die 21 etwa in Andenken an seinen Opa), andere wie Cristiano Ronaldo („CR7“) haben sie zum Teil ihrer eigenen Marke gemacht. Auch der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann, heute im Aufsichtsrat der Hertha GmbH & Co. KGaA, hat sich die Macht der Zahlen schon zunutze gemacht. Als Herausforderer der damaligen Nummer eins, Oliver Kahn, griff er im DFB-Team einst selbstbewusst zur Neun – einer klassischen Angreifer-Nummer.

Ob der Aberglaube etwas nützt? Beweisen oder widerlegen lässt sich das nicht. Spielmacher-Ikone Zinédine Zidane trug in seiner Karriere fünf verschiedene Nummern. Geglänzt hat er immer. Bei Matheus Cunha glaube ich an ein ähnliches Phänomen. Egal, welche Zahl er auf dem Rücken trägt: Der Brasilianer wird eine große Nummer.