Hertha BSC

Hertha BSC steht vor einem schwierigen Spagat

Trainer Bruno Labbadia muss bei Hertha BSC eine Mannschaft entwickeln und gleichzeitig Erfolge liefern. Kann das gut gehen?

Lucas Tousart (l.) zählt bei Hertha BSC zu den Hoffnungsträgern. Der 25-Millionen-Euro-Zugang soll das Spiel der Berliner maßgeblich prägen.

Lucas Tousart (l.) zählt bei Hertha BSC zu den Hoffnungsträgern. Der 25-Millionen-Euro-Zugang soll das Spiel der Berliner maßgeblich prägen.

Foto: Matthias Koch via www.imago-images.de / imago images/Matthias Koch

Berlin. Die Stimmungslage wirkt fast skurril. Bei Hertha BSC, dem zahlungskräftigen Hauptstadtklub mit großen Ambitionen, sind die Sorgenfalten vor dem Saisonstart am Sonnabend in Bremen nicht zu übersehen (15.30 Uhr, Sky). Bei Gegner SV Werder, coronagebeutelter Fast-Absteiger der Vorsaison, keimt hingegen neue Hoffnung. So verrückt ist Fußball.

Die Gründe für die unterschiedliche Stimmungslage finden sich in der Summe aus Testspiel-Ergebnissen und Pokal-Abschneiden. Während die Berliner nach komplizierter Vorbereitung in der Vorwoche an Zweitligist Braunschweig scheiterten, wirkten die Hanseaten wie ausgetauscht. Zwar hatte auch Werder im Pokal seine Mühe (2:0 beim Regionalligisten Jena), doch die restlichen Auftritte ließen aufhorchen. Die Bilanz: sieben Freundschaftskicks, sieben Siege, 24:3 Tore. Eindrucksvoll.

Hertha hingegen wirkt noch wie ein besseres Provisorium, dessen Teile nicht recht ineinander passen. Trainer Bruno Labbadia vermisst Führungsspieler, sucht noch immer nach einer stabilisierenden Achse. Dass sich der zuletzt angeschlagene Abwehrchef Dedryck Boyata pünktlich zum Ligastart zurückmeldete, ließ den Coach daher erleichtert aufatmen. „Er hat im Training einen guten Eindruck gemacht“, sagte Labbadia, „ich glaube, dass er bereit ist. Er verkörpert Dinge, die wir einfach brauchen.“

Schwolow gibt Hertha BSC noch keinen Halt

Eigentlich wähnten sich die Berliner in der Innenverteidigung bestens aufgestellt, doch Niklas Stark und Karim Rekik hinterließen im Pokal einen besorgniserregenden Eindruck. In Bremen wird Boyatas Nebenmann daher wieder Jordan Torunarigha heißen – ein Duo, dass unter Labbadia bislang hervorragend funktionierte.

Eine Reihe dahinter, im Tor, hatte der Coach in der vergangenen Woche eine Grundsatzentscheidung getroffen. Er machte Zugang Alexander Schwolow zur neuen Nummer eins und musste kurz darauf mit ansehen, wie sich der Keeper mehrere Unzulänglichkeiten leistete. Dass der Trainer nun zurückrudert und wieder auf Routinier Rune Jarstein (35) setzt, ist jedoch keine Option. „Wir haben uns aus Überzeugung für Alex entschieden“, sagte Labbadia. Dennoch: Schwolow wird sich schnell steigern müssen.

Trainer Labbadia steckt bei Hertha BSC in einer Zwickmühle

Ähnliches gilt für Lucas Tousart, der im zentral-defensiven Mittelfeld Herthas neuer Lenker werden soll. Bislang konnte der 25-Millionen-Zugang das Berliner Spiel nur in Ansätzen prägen. Mut macht allerdings, dass er nach rund viermonatiger Spielpause endlich wieder Matchpraxis sammelt. Dem Franzosen ist deutlich mehr zuzutrauen, als er bis jetzt gezeigt hat.

Wenn man so möchte, steht Tousart (23) stellvertretend für die Zwickmühle, die Labbadia meistern muss. Weil sich im Kader kaum fertige, gestandene Spieler befinden, muss der Trainer sein Team erst entwickeln, zugleich aber schnell Ergebnisse liefern. Dass Hertha lieber heute als morgen ins internationale Geschäft möchte, ist kein Geheimnis, Investor Lars Windhorst möchte Ergebnisse sehen.

Damit jene stimmen, braucht es nicht zuletzt Tore. Mit Zugang Jhon Cordoba (27, kam für 15 Millionen Euro vom 1. FC Köln) haben die Berliner seit dieser Woche einen neuen, wuchtigen Stürmer, nur ist fraglich, ob der 1,88-Meter-Mann am Sonnabend schon helfen kann. „Schwer zu sagen, ob ein Einsatz Sinn macht“, meinte Labbadia, „er kennt gewisse Abläufe noch nicht.“

Spielt Hertha BSC demnächst mit Doppelspitze?

Statt Cordoba dürfte zunächst Krzysztof Piatek stürmen, der nach seiner Corona-Quarantäne wieder einsatzbereit ist. Perspektivisch hält Labbadia auch eine Doppelspitze für denkbar, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. „Ich bin davon überzeugt, dass das funktionieren kann“, sagte der frühere Angreifer, „vielleicht bekommt Krzysztof von Jhon etwas abgenommen.“ Beide müssten sich auf das System mit zwei Angreifern einlassen – „sonst spielt der Bessere“. Der Konkurrenzkampf ist eröffnet.

Beinahe konkurrenzlos scheint derweil Matheus Cunha. Seit seiner Ankunft im vergangenen Winter befeuert der Brasilianer die Berliner Fan-Träume, mit Tricks und Temperament, vor allem aber mit Toren (zwölf Pflichtspiele, sechs Treffer, vier Vorlagen). In vielem erinnert der 21-Jährige an seinen legendären Landsmann Marcelinho, der Hertha in der ersten Hälfte der Nullerjahre einen Mix aus Flair und Erfolg verlieh. Dass Cunha in dieser Woche von einer Erkältung ausgebremst wurde, dürfte zur Fußnote verkommen, auf dem Platz scheint er kaum zu stoppen.

In der Offensive sucht Hertha BSC noch Verstärkung

Mit Dodi Lukebakio verfügt Hertha in der Offensive zwar über einen weiteren Ausnahmekönner, doch glücklich wirkt Labbadia mit dem Belgier selten. Neben dem letzten Biss fehlt dem Angreifer auch taktisches Verständnis – und womöglich ein starker Konkurrent. Noch fahndet Manager Michael Preetz nach einem weiteren starken Außenbahnspieler, und Bedarf gäbe es allemal. Auf der linken Seite laboriert Javairo Dilrosun zum wiederholten Mal an Muskelproblemen, und Mathew Leckie entspricht längst nicht mehr den Ansprüchen des Klubs.

Vorerst muss der krisenerprobte Labbadia also viel Improvisationsarbeit leisten, zudem wartet nach Bremen mit Eintracht Frankfurt und Bayern München ein anspruchsvolles Auftaktprogramm. Ein Saisonziel, sagten Coach und Manager unisono, werde man erst ausgeben, wenn die Transferphase beendet ist, also spätestens am 5. Oktober. All jene, die befürchten, dass Hertha dann schon auf dem besten Weg in die Krise ist, seien daran erinnert: Was zählt, ist nicht der Start, sondern der Zieleinlauf.

Mutmachende Beispiele dafür finden sich in Herthas Historie. 2004/05 (unter Trainer Falko Götz) und 2008/09 (unter Lucien Favre) blieben die Resultate bis zum sechsten Spieltag äußerst durchwachsen. Am Ende landeten die Berliner auf Rang vier.

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