Hertha BSC

Hertha BSC: Gefangen im eigenen Anspruch

Nach der peinlichen Pokal-Pleite steht Hertha BSC schon vor dem Ligastart unter Druck. Auch Manager Preetz rückt in den Blickpunkt

Kapitän Niklas Stark (r.) zählte beim Pokal-Aus gegen Braunschweig zu den unglücklichen Figuren bei Hertha BSC.

Kapitän Niklas Stark (r.) zählte beim Pokal-Aus gegen Braunschweig zu den unglücklichen Figuren bei Hertha BSC.

Foto: Martin Rose / Getty Images

Braunschweig/Berlin. Zu beschönigen gab es nichts. „Das war ein Albtraum-Spiel“, sagte Hertha-Keeper Alexander Schwolow, „es war furchtbar – eine Katastrophe.“ Noch-Kapitän Niklas Stark sah es ähnlich: „4:5 – das klingt beschissen“, sagte der Verteidiger nach der peinlichen Pokal-Pleite bei Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig, „und ist beschissen.“

Wer es mit Hertha hält, hätte sich wohl gewünscht, dass die Berliner Profis nicht nur klare Worte finden, sondern auf dem Platz auch klar handeln, doch in der Abwehr gingen sie am Freitagabend nur selten so resolut zur Sache wie am Mikro. Exemplarisch das Gegentor zum 3:5, als Schwolow andeutete, aus seinem Tor zu kommen, dann aber doch vor seinem Kasten blieb. Stark, der nach dem Signal des Keepers versucht hatte, den Ball vor dem Gegenspieler abzuschirmen, statt die Situation zu klären, wurde kurz darauf übertölpelt – eine völlig missglückte Co-Produktion.

„Mal war es fehlende Konsequenz, mal falsche Entscheidungen und mal haben sich Spieler auf andere verlassen“, sagte Trainer Bruno Labbadia. Im schlimmsten Fall, siehe oben, traf alles auf einmal ein, sodass der Coach ein wenig ratlos wirkte. „Wir haben so viele individuelle Fehler gemacht, dass man das nicht mehr kompensieren kann.“ Tatsächlich blieben vier geschossene Tore zu wenig für die Berliner.

Innenverteidigung von Hertha BSC wird zum Sorgenkind

Nach drei Tests ohne eigenen Treffer schien Herthas Sorgenkind eigentlich der Angriff zu sein, aber der Ernstfall bei der Eintracht offenbarte weit größere Defizite in der Defensive. Sicher, Braunschweigs Angreifer um Dreifachtorschütze Martin Kobylanski erwischten den Abend ihres Lebens, doch etwas mehr Gegenwehr hätte es schon sein dürfen.

Vor allem die neuformierte Innenverteidigung erwies sich als äußerst brüchig. In Abwesenheit von Abwehrchef Dedryck Boyata (Achillessehnenprobleme) und Jordan Torunarigha (Sperre) musste Labbadia auf Niklas Stark und Karim Rekik setzen, doch deren Abstimmung blieb genauso ungenügend wie ihre Zweikampfführung. Von seinen direkten Duellen gewann Stark lediglich 33 Prozent, bei Rekik waren es nur 25. Desolate Werte.

Dass die beiden Verteidiger die Niederlage nicht allein verschuldeten, versteht sich von selbst, doch die Details weiter aufzudröseln, wirkt müßig, schließlich wirken im Hintergrund weit größere Faktoren. Betrachtet man das große Ganze, verkommen kleine Fehler schnell zu Fußnoten.

Die Zeit spielt gegen Hertha BSC

Seit Herthas 374-Millionen-Investor Lars Windhorst zum Begriff „Big City Club“ griff, zählen zum Berliner „Big Picture“ vor allem die großen Ambitionen. Die Fragen nach den Saisonzielen hat Manager Michael Preetz zwar bislang umdribbelt, doch die Marschrichtung ist seit Windhorsts Einstieg klar: Hertha will in den europäischen Wettbewerb, je schneller, desto besser. Dass zahlreiche Konkurrenten durch die Folgen der Corona-Pandemie derzeit sparen müssen, sollte dem Klub eigentlich in die Karten spielen, doch aktuell stehen Anspruch und Wirklichkeit in einem krassen Missverhältnis. Womit sich die Frage stellt: wie weiter?

Dass zeitnah neue Spieler in Westend aufschlagen, ist derzeit eher nicht zu erwarten. Das Transferfenster erstreckt sich in diesem Jahr bis zum 5. Oktober, Labbadia und Preetz werden also gute Nerven brauchen. Momentan steht der Markt fast still – dass Bewegung ins Geschehen kommt, wird erst gegen Ende der Wechselperiode erwartet.

Die Zeit spielt jedoch gnadenlos gegen Hertha, denn so wie sich das Team in Braunschweig präsentierte, steht zu befürchten, dass die Mannschaft Anfang Oktober bereits tief verunsichert ist. Auf den Liga-Start am Sonnabend (15.30 Uhr) in Bremen folgen Duelle mit Eintracht Frankfurt und Champions-League-Sieger Bayern München. Und wie schnell eine negative Eigendynamik entstehen kann, haben sie bei Hertha erst im Vorjahr erlebt.

Manager Preetz steht bei Hertha BSC unter Druck

Zehn Spieler haben Hertha verlassen, darunter langjährige Leistungsträger und Führungskräfte wie Vedad Ibisevic und Per Skjelbred. Dem gegenüber stehen bislang erst vier Zugänge, die sich noch akklimatisieren müssen – aktuell wirkt das Team nicht gut ausbalanciert. Labbadia findet sich so in einer Zwickmühle wieder: „Wir sind in einem Entwicklungsprozess“, betont er, „aber wir müssen trotzdem Ergebnisse liefern.“

Mindestens genauso stark wie der Trainer steht der Manager unter Druck. Preetz muss beweisen, dass er mit den neuen Mitteln einen erfolgreichen Kader zusammenstellen kann. Sündhafte teure Transfers und horrende Gehälter will der Manager jedoch um jeden Preis vermeiden, stattdessen sollen die Mittel mit Augenmaß investiert werden, um die Mannschaft schrittweise Richtung Spitze zu führen. Ein solider Plan, doch sollten die erhofften Resultate in der anstehenden Hinrunde ausbleiben, dürfte die Geduld im Hause Windhorst schnell schwinden.

Zunächst aber richtet sich der Blick nach Bremen, auf den Ligastart. Dort kann Labbadia wieder auf Stürmer Krzysztof Piatek (Corona-Quarantäne) und Innenverteidiger Jordan Torunarigha (im Pokal gesperrt) setzen, zwei Spieler, die dem Team helfen werden. Ansonsten aber bleiben viele Fragezeichen. Sicher scheint nur eins: Langweilig wird die neue Saison mit Hertha nicht.

Mehr über Hertha BSC lesen Sie hier.