Kolumne Immer Hertha

Zeit für die Trickkiste bei Hertha BSC

Um ihre Teams bei der Stange zu halten, müssen Fußballtrainer mitunter erfinderisch werden. So wie Herthas Bruno Labbadia.

Foto: Sören Stache/dpa; Maurizio Gambarini (Montage)

Die Versuchsanordnung war simpel. Bruno Labbadia stellte auf der Strafraumlinie ein paar Hütchen auf, Sie wissen schon, diese kleinen orange-weiß-gestreiften Kegel, die man auch vom Straßenbau kennt. Auf deren Spitzen ließ Herthas Chefcoach einen Fußball platzieren – schon war das Setting für das Wettschießen am Dienstag perfekt. Die Vorgabe: Jeder Profi sollte den Ball vom Kegel ins Tor schießen, und der Coach machte gleich mal vor, wie das geht.

Labbadia lief an, erwischte das Spielgerät perfekt mit dem Spann und drosch den Ball wohlplatziert Richtung Netz. Dass Keeper Alexander Schwolow seinen Schuss mit einer Glanzparade entschärfte, fiel eher in die Rubrik „Künstlerpech“, ansonsten war Labbadias Demonstration perfekt. Körperhaltung, Treffpunkt und Platzierung, das alles gelang dem früheren Klassestürmer in vorbildlicher Manier.

Keine große Kunst, glauben Sie? Nun, fragen sie mal Herthas Profis, die werden Ihnen etwas anderes erzählen. Tatsächlich war die überwältigende Mehrheit der Kicker mit der Aufgabe heillos überfordert. Gefühlt landeten drei Viertel der Versuche jenseits des Fangzauns hinterm Tor.

Was das über die fußballerische Qualität der Spieler aussagt? Darüber ließe sich streiten, aber viel wichtiger fand ich einen anderen Aspekt. Ob der vielen Fehlschüsse wurde endlich mal wieder herzhaft gelacht im Training – ein Bild, das ich zuletzt selten gesehen habe. Die Saisonvorbereitung der Berliner verläuft bislang ja nicht gerade verheißungsvoll, das kann schon mal auf die Stimmung drücken.

Als Trainingskiebitz hatte ich am Dienstag das Gefühl, die Laune habe einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nach den Testspiel-Pleiten gegen Amsterdam (0:1) und Eindhoven (0:4) standen nur noch neun Feldspieler auf dem Platz, weil etliche Profis auf Länderspielreise gegangen waren und drei weitere verletzt pausierten. Dass das Training mit einer derartigen Rumpftruppe wenig Spaß macht, versteht sich von selbst und ist Labbadia natürlich nicht entgangen. Also griff er in die Trickkiste, bescherte seinen Spielern einen Stimmungsaufheller und heimste nebenbei noch Hochachtung für seine Schusskünste ein. Der Vollständigkeit halber: Auch seine Versuche zwei und drei waren aller Ehren wert.

Um Teams bei der Stange zu halten, sind derartige Kniffe manchmal Gold wert. Vom legendären HSV-Coach Ernst Happel ist zum Beispiel überliefert, wie er einst im Training eine Dose Cola auf dem Lattenkreuz postieren ließ. Wäre es einem seiner Spieler gelungen, die Dose herunterzuschießen, hätte er die verregnete Einheit sofort beenden dürfen. Doch während Happel auf Anhieb traf, mühten sich seine Schützlinge vergeblich. Womit die Autoritätsfrage kurz und knapp beantwortet war.

Selbst ein so selbstverliebter Gockel wie Cristiano Ronaldo ließ sich auf ähnliche Weise motivieren. Bei Real Madrid wurde der Portugiese von Coach Zinédine Zidane zu einem Freistoß-Wettbewerb herausgefordert und dabei schwer vorgeführt. Eine Lehrstunde, die bei Ronaldo neuen Ehrgeiz weckte.

Nun müssen es nicht immer sportliche Kabinettstückchen sein, um die Profis auf Linie zu bringen, aber ein Fußballlehrer sollte ein Gespür dafür haben, wann sein Team welche Reize braucht.

Auch Herthas Ex-Coach Pal Dardai zählt zu den Trainern, die ein gewisses Händchen für Situationen haben. In seiner Anfangszeit als Chefcoach absolvierte er eine gesamte Laufeinheit mit dem Team, um den deutlich jüngeren Spielern zu zeigen, dass kein Anlass zum Jammern besteht. In anderen Situationen lud er statt zur Nachmittagseinheit zu Kaffee und Kuchen ein, im Trainingslager sogar mal zu einem launigen Karaokeabend. Maßnahmen, die der Teamchemie sicher nicht geschadet haben – genauso wenig wie Labbadias kleines Wettschießen am Montag. Statt im Anschluss in die Kabine zu gehen, blieben etliche Profis noch auf dem Platz, kickten und alberten herum. Eine Momentaufnahme, die Hoffnung machte.