Kolumne Immer Hertha

Eine Kraft-lose Hertha? Kaum vorstellbar!

Mit Torwart Thomas Kraft beendet der dienstälteste Profi des Klubs seine Karriere. Über einen Typen, der immer wieder wichtig war.

Torhüter Thomas Kraft beendet mit 31 Jahren seine Fußball-Karriere.

Torhüter Thomas Kraft beendet mit 31 Jahren seine Fußball-Karriere.

Foto: pa/Montage BM

Ich will ehrlich sein: Ich mag Thomas Kraft nicht, zumindest nicht persönlich. Das mag daran liegen, dass er Journalisten seit Jahren links liegen lässt („Mit euch red’ ich nicht“), aber sicher auch an seinem Naturell. Sein Selbstwertgefühl wirkt übersteigert, seine Sozialkompetenz ausbaufähig und sein legendärer Ehrgeiz fast krankhaft.

Auf dem Trainingsplatz motzte und krakeelte der Hertha-Torwart so lange vor sich hin, bis selbst die Trainer die Augen verdrehten. Ex-Coach Pal Dardai schickte Kraft deshalb sogar mal vorzeitig in die Kabine – eine Maßnahme, die künftig nicht mehr nötig sein wird. Denn fortan wird es in Westend deutlich ruhiger sein.

Thomas Kraft verlässt Hertha BSC nach neun Jahren

Kraft, bis zu dieser Woche Herthas dienstältester Profi, hat den Klub nach neun Jahren verlassen. Wie sich am Mittwoch konkretisierte, wird er mit erst 31 Jahren sogar seine Karriere beenden. Die vielen kleinen Verletzungen der vergangenen Jahre haben offenbar derart schwere Spuren hinterlassen, dass er einen Schlussstrich ziehen will. Es ist die x-te interessante Wendung seiner Laufbahn, und gern hätte man gewusst, was bei dieser Entscheidung in seinem Inneren vorgegangen ist. Vielleicht wird er sich demnächst jemandem öffnen, aber wie gesagt: Kraft spricht nicht mit jedem.

Was mir bei aller Antipathie imponiert hat, war Krafts Professionalität. Immer einhundert Prozent, immer Volldampf, immer höchste Ansprüche an sich und andere – eine Einstellung, die durch die Rolle als Reservist leicht verwässert werden kann. Bei Kraft konnte davon keine Rede sein, dabei wäre es gerade bei ihm sehr verständlich gewesen.

Louis van Gaal beförderte Thomas Kraft zur Nummer eins

Eines darf man in der Causa Kraft ja nie vergessen, nämlich die Fallhöhe. Zu Erinnerung: Seinen Karrierestart erlebte er Ende der Nullerjahre beim FC Bayern, getrieben von der Perspektive, Nachfolger von Torwart-Legende Oliver Kahn zu werden. Kurzzeitig sollte ihm das sogar gelingen. Trainer-Legende Louis van Gaal beförderte ihn Anfang 2011 zur Nummer eins, was ihm Kraft mit einem gehaltenen Elfmeter dankte.

Ein Auftakt, der nach großer Karriere roch, nach Titeln und Königsklasse. Stattdessen fand er sich bald darauf bei Hertha BSC wieder – und ein Jahr später in der Zweitklassigkeit. Ein Downgrade de luxe, doch dafür war er in Berlin zumindest die klare Nummer eins. Bis die Misere mit den Verletzungen losging.

Nach einem längeren Ausfall im September 2015 war Krafts Status passé – am Norweger Rune Jarstein kam er nie wieder vorbei. Wer erlebt hat, welcher Wille in ihm lodert, kann sich leicht vorstellen, wie schwer diese Degradierung an ihm genagt haben muss. Beschwert hat er sich trotzdem nie, zumindest nicht öffentlich. Ähnlich wie sein Vorbild Kahn beim Sommermärchen 2006 entdeckte er seinen Wert als Teamplayer, als Leitfigur im Hintergrund und starke, stille Reserve. So blieb er für Hertha enorm wichtig, bis zum Schluss.

Thomas Kraft hat bei Hertha immer wieder überrascht

Im nervenaufreibenden Pokalspiel gegen Dynamo Dresden im Oktober beförderte er die Berliner fast im Alleingang in die nächste Runde, als er zwei Elfmeter hielt. Mehr noch: Als Jarstein nach den vielen Wirrungen der Hertha-Saison plötzlich neben sich stand, war auf Kraft erneut Verlass – als Torwart und als Anführer. Nach einer desolaten Halbzeit in Düsseldorf (Pausenstand 0:3) packte er seine Kollegen bei der Ehre und entzündete mit einer Kabinen-Standpauke neues Feuer, am Ende stand’s 3:3. Wer derartige Brandreden in Zukunft halten soll? Das ist eine gute Frage, schließlich ist nicht jeder dafür geeignet. Ausländischen Profis fehlt oft die sprachliche Sicherheit, anderen der entsprechende Wesenszug oder das nötige Standing.

Überrascht hat Kraft bei Hertha immer wieder, zuletzt mit Humor. Nach dem Abgang von Ex-Coach Jürgen Klinsmann, der Kraft fehlenden Mehrwert attestiert hatte, scherzte der Keeper nach einer gelungenen Trainingsparade: „Ich muss doch meinen Mehrwert steigern.“ Das Kurzvideo zur besagten Szene wurde im Internet zum Klick-Hit und brachte ihm auf seiner Schlussrunde viele Sympathien ein. Irgendwie wird er fehlen. Selbst mir.