Bundesliga

Hertha BSC zwischen Abschied und Neuausrichtung

Hertha würdigt seine scheidenden Helden um Skjelbred und Kalou, doch im Hintergrund bleibt nicht viel Platz für Sentimentalitäten.

Per Skjelbred (M.) wird Hertha definitiv verlassen. Kapitän Vedad Ibisevic (l.) würde gern in Berlin bleiben.

Per Skjelbred (M.) wird Hertha definitiv verlassen. Kapitän Vedad Ibisevic (l.) würde gern in Berlin bleiben.

Foto: Andreas Gora / picture alliance / Andreas Gora

Berlin.  Nach 30 Minuten war der Tränenkanal voll. Per Skjelbred (33) musste schlucken, seine Stimme wurde brüchig, die Augen immer glasiger. Die enorme Wertschätzung, die Herthas Routinier am Sonntag in der vom Klub initiierten Abschiedssendung des Fußball-Bundesligisten zuteilwurde, übermannte den sonst so lockeren Norweger.

In kleinen Grußbotschaften hatten sich Fans und Kollegen mit herzerwärmenden Worten vom sympathischen Kämpfertypen verabschiedet, nach sieben Jahren und 197 Pflichtspieleinsätzen, in denen Skjelbred stets bis an die Schmerzgrenze gegangen war.

„Berlin ist meine Stadt geworden“, sagte er sichtlich bewegt, „meine Kinder sind hier aufgewachsen, und Hertha ist mein Verein.“ Ein rührender Moment, der den klaren Blick auf die wohl unruhigste Saison der Klub-Geschichte etwas verschwimmen ließ.

Selbiges galt insgesamt für die gut einstündige Sendung, die Hertha im Internet ausstrahlte. Jubelszenen, die schönsten Tore und die besten Momente – ein geschönter Zusammenschnitt einer Saison, die ja eigentlich ein Kandidat für Formate à la Pleiten, Pech und Pannen war.

Hertha-Kapitän Ibisevic möchte noch ein Jahr bleiben

Verdenken konnte man es den Machern freilich nicht. Erstens, weil Klub-Medien nun mal durch die Vereinsbrille blicken; zudem, weil Hertha in diesem Sommer eine kleine Zäsur erlebt. Mit Skjelbred, Torhüter Thomas Kraft (der 31-Jährige liebäugelt nach etlichen Verletzungen mit dem Karriereende), Salomon Kalou (bereits suspendiert, wechselt laut brasilianischen Medien zu Botafogo nach Rio), Peter Pekarik und Kapitän Vedad Ibisevic laufen die Verträge von gleich fünf Spielern aus, die den Klub über viele Jahre geprägt haben. Drei dieser fünf werden Berlin auf jeden Fall verlassen, doch im Fall von Pekarik und Ibisevic ist ein Verbleib noch nicht ausgeschlossen.

Kapitän Ibisevic (35) macht kein Geheimnis daraus, dass er gern ein weiteres Jahr in Blau-Weiß auflaufen würde. „Ich kann meinen Vertrag ja nicht selbst verlängern“, sagte der Bosnier nach dem 1:2 in Mönchengladbach am Sonnabend, „wir haben aber schon geredet und die Leute kennen meine Meinung.“ Mit seinem siebten Saisontor hatte er kurz zuvor weitere Argumente für eine Weiterbeschäftigung gesammelt.

Trainer Bruno Labbadia, der Ibisevic schon zu gemeinsamen Zeiten beim VfB Stuttgart schätzte, weiß nur zu gut, was er an seinem Kapitän hat, blickt jedoch längst in die Zukunft. In Bezug auf die Gespräche sei man „sehr offen“, sagte der Coach, „aber es geht auch darum, wo wir hinwollen“. Die Antwort ist klar, schnellstmöglich nach Europa. Ob und wie Ibisevic auf diesem Weg hilfreich sein kann, bleibt die große Frage.

Gespräche mit dem Stürmer laufen bereits

In der sportlichen Krise hatte er sich zum x-ten Mal als zuverlässige Größe erwiesen, einerseits als Torjäger, vor allem aber als Anführer. Nun, da die Nervenspiele längst überstanden sind, zeigt die Tendenz im Sturm jedoch immer mehr auf die komplettere Alternative, den spielstarken Krzysztof Piatek (24).

Da Labbadia nicht als großer Fan einer Doppelspitze gilt, bliebe für Ibisevic nur der Platz als Joker. Ein Konstrukt, das an Werder Bremen und seinen ewigen Claudio Pizarro erinnert, vom Spieler aber einige Zugeständnisse erfordert.

Ibisevic müsste sich nicht nur mit der neuen Rolle anfreunden, sondern auch erhebliche Abstriche beim Gehalt akzeptieren. Ob er dazu bereit ist, wird auch von seinen Alternativen in diesem Sommer abhängen.

Dass Ibisevic einen Vertrag als einer der Berliner Top-Verdiener erhält, gilt indes als ausgeschlossen. Seinen Wert hat er zwar auch 2019/20 wieder unter Beweis gestellt hat, doch am Saisonende stehen für ihn eben „nur“ sieben Tore zu Buche. Zur Einordnung: In der Bundesliga liegt er damit auf Platz 33 – zu wenig für Herthas Ambitionen.

Selbst wenn Ex-Angreifer Labbadia durchaus ein Faible für große, wuchtige Mittelstürmer hat, muss er an die Perspektiven denken. Und dürfte sich deshalb eine jüngere, bessere Variante wünschen. Gegen einen Ibisevic in der Pizarro-Rolle wird er sich trotzdem nicht wehren.

Hertha macht Boden in der TV-Geld-Tabelle gut

Mit Alexander Esswein sowie den Leihspielern Marius Wolf und Marko Grujic werden drei weitere Profis Hertha verlassen. Andere Spieler wie Mathew Leckie, Pascal Köpke oder Lukas Klünter haben ebenfalls keine guten Aussichten mehr, stattdessen fahnden Labbadia und Manager Michael Preetz nach qualitativ hochwertigen Verstärkungen.

Bedarf herrscht einerseits im Tor, wo Stammkeeper Rune Jarstein nicht an die starken Leistungen der Vorjahre anknüpfen konnte, auf der Rechtsverteidigerposition und auf den Flügeln, wo die Berliner mehr Beständigkeit und Tiefe suchen.

Helfen sollen dabei weitere 50 Millionen Euro von Investor Tennor, die dem Klub wohl zeitnah zur Verfügung stehen. Dass die Berliner am letzten Spieltag noch Boden in der TV-Geld-Tabelle gut machten und dadurch 5,5 Millionen Euro mehr erhalten, dürfte ebenfalls nicht schaden. Eines hat sich durch die Corona-Pandemie schließlich nicht geändert: Qualität hat ihren Preis.