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Herthas Piatek verlässt den Windschatten

Die ersten Monate bei Hertha BSC waren nicht leicht für den Polen. Nun zeigt der Angreifer, wie wertvoll er noch werden kann.

Krzysztof Piatek (l.) musste sich bei Hertha lange hinter Vedad Ibisevic (r.) anstellen. Das dürfte nun vorbei sein.

Krzysztof Piatek (l.) musste sich bei Hertha lange hinter Vedad Ibisevic (r.) anstellen. Das dürfte nun vorbei sein.

Foto: JOHN MACDOUGALL / dpa

Berlin. Die Arbeit für die nächste Saison hat längst begonnen, obwohl die alte noch nicht ganz beendet ist. Trainer Bruno Labbadia tüftelt mit seinen Assistenten gerade an den Hausaufgaben für den Sommerurlaub. Bevor dieser für die Profis von Hertha BSC losgeht, erhalten sie nach dem letzten Spiel in der Fußball-Bundesliga am Sonnabend in Mönchengladbach noch Verhaltenshinweise sportlicher Art. Trainingspläne für daheim, mit individuellen Anforderungen.

Bestimmt wird Labbadia den ganzen Aufwand nicht mehr für alle Spieler betreiben. Ein paar verlassen schließlich den Verein. Verträge laufen aus. Etwa bei Vedad Ibisevic. Der ist zwar ein verdienter Spieler, steuert aber mit Ende 35 klar auf den Schlussspurt seiner Karriere zu. Da wirkt die Ausrichtung auf jüngere Kollegen deutlich sinnvoller. Was der Trainer mit dem Startelfeinsatz von Krzysztof Piatek gegen Leverkusen mehr als nur andeutete. Der 24-Jährige überzeugte beim jüngsten 2:0, Gedanken an Ibisevic im Berliner Angriff kamen während der Partie nicht auf.

Zeit der Anpassung bei Hertha ist vorüber

Herthas letzte Liaison mit einer hoffnungsvollen polnischen Sturmspitze weckt zwar keine guten Erinnerungen, doch liegen die Dinge bei Piatek etwas anders als einst bei Artur Wichniarek. Während Letzterer aus Bielefeld nach Berlin kam, und das gleich zweimal, versprach schon der Wechsel von Piatek im Winter vom AC Mailand an die Spree einen deutlichen größeren Fächer an Fähigkeiten. „Man merkt immer mehr, dass er das Spiel annimmt, dass er Qualitäten hat“, erzählt Labbadia. Gegen Bayer leitete er das 1:0 ein, auch das 2:0 bereitete er in starker Manier vor – und hätte es gewiss selbst erzielt, wenn Dodi Lukebakio nicht noch schneller am Ball gewesen wäre.

In einem Spiel gegen eine der Spitzenmannschaften der Liga demonstrierte Piatek, was in ihm steckt. Und zeigte damit auch, dass die Zeit der Anpassung bei Hertha wohl vorüber ist. Diese Phase verlief durchaus nicht reibungslos für den hochveranlagten Mann. Krzysztofs „Ziel muss es sein, einer der besten Torjäger der Welt zu werden“, sagte der damalige Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann zum Empfang des Polen. Große Worte. Fünf Tore in zehn Länderspielen und 26 Treffer in 55 Partien in der Serie A (13 davon für Genua) waren zumindest eine erstklassige Empfehlung.

Doch in den Wirren wilder Wochen fand sich Piatek, immerhin für über 20 Millionen Euro geholt, zunächst im Windschatten des Routiniers Ibisevic wieder. „Wir haben einfach die Situation gesehen, in der wir steckten. Wir brauchten in den jeweiligen Mannschaftsteilen einfach ein paar Leadertypen“, sagt Labbadia, der mit seinem Amtsbeginn zum Re-Start auf Erfahrung setzte angesichts der Abstiegsgefahr. Für Piatek sah er dort keinen Platz. „Er kam aus dem Ausland und sprach die Sprache nicht – wie soll er da eine Mannschaft führen?“, so der Trainer.

Starkes Paket an Eigenschaften bei Piatek

Die Notwendigkeiten musste er dem mit großen Ambitionen gewechselten Spieler verdeutlichen. „Ich habe mich mit ihm auf Italienisch und Englisch verständigt und ihm klar gemacht, wie ich ihn sehe, was ich von ihm verlange. Das hat er schnell angenommen. Er hat sich keine Sekunde hängen lassen, obwohl das für ihn ein Schlag war, zum Re-Start nicht in der Startelf zu stehen“, sagt der Coach. Die Situation für Hertha hat sich nun geändert, der Druck ist weg. Deshalb kann Labbadia ohne Sorge am Team der Zukunft werkeln. Ibisevic blieb daher unter ihm gegen Leverkusen erstmals auf der Bank, Piatek erhielt den Vorzug.

Die Partie legt nahe, dass er Ibisevic in seiner Bedeutung für das Spiel der neuen Hertha bereits überholt hat. Flexibilität und Spielverständnis sprechen für Piatek, er ist beweglich, aggressiv und geradlinig. Sein Tempo hilft dem Team, gegen Top-Kontrahenten auf Augenhöhe zu agieren. Selbst in der Effektivität liegt Piatek trotz zuvor viel Bankzeit vor Ibisevic (6 Tore/24 Spiele) mit vier Treffern in 14 Spielen.

Krzysztof Piatek scheint also schon jetzt in der Lage, eine dominierende Rolle im Hertha-Angriff zu übernehmen. Für die nächste Saison gilt das umso mehr. Was bedeuten würde, dass für Ibisevic, der noch nicht an ein Karriereende denkt, nur die ungewohnte Position des Edeljokers übrig bleiben würde. Wobei sich die Frage stellt, ob eine Vertragsverlängerung, die zuletzt im Raum stand, unter diesen Bedingungen für beiden Seiten überhaupt zielführend wäre. Wahrscheinlicher ist wohl, dass Vedad Ibisevic sich seinen eigenen Trainingsplan für den Sommer basteln muss.

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