Hertha vs. Union

Matheus Cunha – keiner verkörpert Hertha besser

Riesiges Potenzial, manchmal zu ambitioniert und nicht immer ganz einfach: Kein Spieler verkörpert Hertha BSC besser als Matheus Cunha.

Matheus Cunha kam im Winter für 18 Millionen Euro aus Leipzig

Matheus Cunha kam im Winter für 18 Millionen Euro aus Leipzig

Foto: Soeren Stache / picture alliance/dpa

Berlin.  Es läuft bei Matheus Cunha. Schon seit Wochen reiht der Brasilianer einen Bilderbuch-Moment an den nächsten – von der Olympia-Qualifikation im Februar, als er die Auswahl seines Heimatlandes nach Tokio schoss, bis zum jüngsten Kabinettstückchen für Hertha BSC, seinem spektakulären Tor zum 3:0 gegen die TSG Hoffenheim.

Der anschließende Jubel, rechter Daumen im Mund, linker Zeigefinger gen Himmel, kündigte gleich den nächsten großen Augenblick an, die Geburt seines ersten Kindes. Wann der Nachwuchs das Licht der Welt erblickt, ist nur noch eine Frage von Tagen, doch vor diesem nächsten Moment, der für immer bleibt, will Cunha erst noch helfen, einen anderen Moment vergessen zu machen: Herthas bitteres 0:1 im Derby-Hinspiel beim 1. FC Union, die Schmach von Köpenick. „Damals war ich noch nicht da“, hat Cunha dieser Tage in der „Berliner Zeitung“ erzählt, „ich hoffe, dass es jetzt viel besser wird und ich auch ein Tor schieße.“ Wenn nicht er am Freitag im Olympiastadion trifft (20.30 Uhr, DAZN), wer dann, möchte man fast fragen.

Coach Labbadia sieht Potenzial des Brasilianers längst nicht ausgeschöpft

Seit er vor gut drei Monaten bei Hertha andockte, war Cunha in fünf Spielen an vier Treffern beteiligt, wurde auf Anhieb zum Aktivposten, zur prägenden Figur des Berliner Spiels gar. Das bald 21 Jahre alte Ausnahmetalent ist auf dem besten Weg, zum Aushängeschild des Klubs zu werden, als trickreicher Torschütze und emotionaler Antreiber, als eigenwilliger Typ, potenzieller Publikumsliebling und weltweit beachtetes Juwel. Tatsächlich findet sich kein Spieler im Team, der Hertha BSC mit all seinen Ambitionen und Macken besser verkörpert als Cunha.

Zum einen wäre da das gewaltige Potenzial. Hier U-Nationalspieler Cunha, der im Land der Offensiv-Künstler als „Selecao“-Stürmer der Zukunft gehandelt wird; dort der Hauptstadtklub im Herzen Europas, ein schlafender Riese, der durch Investor Lars Windhorst zum „Big City Club“ werden soll. Bei all ihren außergewöhnlichen Voraussetzungen eint Cunha und seinen Klub allerdings auch dies: ein Hang zur Selbstüberschätzung. Cunha, der mit 18 aus Brasilien zum FC Sion wechselte, verließ die Schweiz nur ein Jahr später Richtung RB Leipzig, scheiterte dort jedoch an der starken Konkurrenz. Statt vor dem Tor tummelte er sich fortan meist auf der Bank, ähnlich wie Hertha, das eigentlich gen Europa strebte, stattdessen aber im Abstiegskampf strandete.

Inzwischen gehen Hertha und Cunha ihren Weg gemeinsam, beide wollen voneinander profitieren. Schon jetzt hat das 1,84 Meter große Energiebündel die Berliner spürbar belebt, sein neuer Trainer fordert allerdings noch mehr. „Er ist noch lange nicht in dem Bereich, wo ich ihn sehen will“, sagt Bruno Labbadia, „er kann noch große Schritte machen.“ So wie Hertha als Klub – nur benötigen Verein und Spieler dafür eine souveräne Führung.

Labbadia, der Cunha schon in der Schweiz beobachtete, setzt dabei auf klare Ansagen. Als sich der Stürmer im Testspiel vor dem Liga-Re-Start zu divenhaft gab, wurde er kurzerhand ausgewechselt und zu einer Laufeinheit verdonnert. Ein Signal, das Wirkung zeigte. Gegen Hoffenheim zeigte Cunha Einsatzwillen und Laufbereitschaft, Galligkeit, Zweikampfstärke und Torgefahr – Attribute, die Hertha im Hinspiel gegen Union komplett abgegangen waren.

Auch deshalb liegen die blau-weißen Hoffnungen bei der Revanche am Freitag auf Cunha – weil er „Energie versprüht“ und mit seiner Lust auf Fußball ein „Anstecker“ ist, wie Labbadia betont. Cunha soll Hertha endgültig wachrütteln, indem er im Derby den Unterschied macht. Am liebsten mit dem nächsten Bilderbuch-Moment.