Bundesliga

Salomon Kalou erweist der Liga einen Bärendienst

| Lesedauer: 6 Minuten
Inga Böddeling und Jörn Lange
Arm in Arm vereint: Herthas Salomon Kalou (l.) und Vedad Ibisevic halten sich auch im Video des Ivorers nicht an die Hygienevorschriften der DFL. Am Abend wurde Kalou von Hertha suspendiert.

Arm in Arm vereint: Herthas Salomon Kalou (l.) und Vedad Ibisevic halten sich auch im Video des Ivorers nicht an die Hygienevorschriften der DFL. Am Abend wurde Kalou von Hertha suspendiert.

Foto: Soeren Stache / dpa

Salomon Kalou offenbart in einem Video, wie sorglos bei Hertha mit den Hygienevorschriften umgegangen wird. Eine Gefahr für die Liga.

Berlin. Gäbe es eine Meisterschaft in Sachen „Facebook-Videos mit Sprengkraft“, Hertha BSC hätte den Titel in dieser Saison sicher. Wer jetzt denkt, Jürgen Klinsmann habe sich aus der kalifornischen Versenkung gemeldet, um gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber noch mal nachzutreten, liegt falsch. Am Montag war es Salomon Kalou, der mit einem 25 Minuten langen Clip auf seinem Facebook-Profil eine Menge Zündstoff lieferte.

Der 34-Jährige filmt sich dort selbst. Wie er sich von einem Freund zum Training fahren lässt. Wie er auf dem Vereinsgelände erst einem Physiotherapeuten und dann diversen Kollegen wie Vedad Ibisevic oder Per Skjelbred die Hand gibt und sich dann in nächster Nähe zu seinen Mannschaftskameraden in der Kabine niederlässt. Den strengen Hygienevorschriften der Deutschen Fußball Liga (DFL) zum Trotz.

Aber damit nicht genug. Das brisante Bildmaterial gewährt noch weitere, durchaus interessante Einblicke. Als der Ivorer seine Gehaltsabrechnung aus dem Spind holt, merken die Mitspieler an, dass Hertha von seinen Profis offenbar mehr Geld einbehalten hat, als verabredet war. Ibisevic etwa äußert sich verwundert. Die Spieler hatten im Zuge der Corona-Krise zwar einem teilweisen Gehaltsverzicht zugestimmt, aber offenbar einen anderen Prozentsatz vereinbart als jenen, der nun tatsächlich abgezogen wurde. Die Rede ist übrigens von überschaubaren elf Prozent.

Nur ein Hertha-Mitarbeiter erkennt direkt Brisanz der Bilder

Und dann ist auch noch Teamkollege Jordan Tor­u­na­righa bei seinem vorgeschriebenen Corona-Test zu sehen. Es ist der Moment, in dem der Erste bei Hertha bemerkt, wie unglücklich es wäre, wenn ein solches Video an die Öffentlichkeit gelangt: Physiotherapeut David de Mel (54), der – nur ausgestattet mit einem Mundschutz – den Test bei Torunarigha durchführt. „Sala, bitte, lösch’ das Video“, sagt er. Kalou aber lacht nur: „Ich mach’ nur Spaß, alles gut.“ De Mel redet weiter auf den Routinier ein: „Es dürfen eigentlich nur zwei Personen im Raum sein.“ Doch Kalou macht einfach weiter.

Kalous Verhalten und das Video zeigen, wie sorglos wirklich mit den Vorschriften und Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus umgegangen wird. Und es kommt zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt. Am Mittwoch wollen Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder darüber entscheiden, ob die Saison der Fußball-Bundesliga fortgesetzt wird. Natürlich nur unter Einhaltung des vorgelegten Hygienekonzeptes.

Die Bilder aus Berlin dürften dabei wenig förderlich sein, befeuern eher diejenigen, die den Profi-Fußball sowieso schon für realitätsfern und entrückt halten. Dass das Konzept der DFL ganz offensichtlich nicht überall greift, ist Wasser auf die Mühlen der vielen Kritiker, die in der emotional geführten Debatte immer wieder darauf verweisen, dass eine Fortsetzung der Saison ein enormes gesundheitliches Risiko darstellt.

Das Video wird am frühen Nachmittag wieder gelöscht

Deshalb rief Kalous Auftritt auch direkt die DFL auf den Plan. „Die Bilder von Salomon Kalou aus der Kabine von Hertha BSC sind absolut inakzeptabel. Hierfür kann es keine Toleranz geben – auch mit Blick auf Spieler und Klubs, sie sich an die Vorgaben halten, weil sie die Ernsthaftigkeit der Situation erfasst haben“, schrieb die DFL bei Twitter.

Dass ausgerechnet ein Mann wie Kalou einen solchen Fehltritt begeht, ist verwunderlich. Der Stürmer zählt eigentlich zu den erfahrensten und reflektiertesten Profis bei Hertha, hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er über den Tellerrand Profi-Fußball hinaus denken kann – etwa mit seinem Engagement für seine Kalou Foundation, die Kindern in Afrika hilft. Doch nun hatte sein Arbeitgeber kaum eine Wahl. „Salomon Kalou hat gegen teaminterne grundlegende Regeln verstoßen und ein Verhalten gezeigt, welches weder der Situation angemessen ist noch den Verhaltensregeln des Vereins entspricht. Hertha BSC hat daher entschieden, ihn mit sofortiger Wirkung vom Trainings- und Spielbetrieb zu suspendieren“, hieß es in einer Stellungnahme des Vereins am frühen Abend.

Der Spieler ruderte darin zurück, er nehme Corona sehr wohl ernst. „Zudem möchte ich mich auch bei den im Video Gezeigten entschuldigen, die nicht wussten, dass ich live sende und die ich nicht in eine solche Situation bringen wollte.“ Das Filmchen wurde zwar am frühen Montagnachmittag gelöscht, wurde bis dahin aber über 20.000 Mal gesehen. Die Außenwirkung ist fatal, die Kommentare sprachen für sich: „Es ist ein Skandal“, schrieb etwa Twitter-Nutzer Florian Reis. Autor Lucas Vogelsang meinte: „Das Video von Kalou ist maximal unangenehm, weil es die Arroganz und die Dummheit der Fußballprofis und damit auch die Abgelöstheit des Betriebs vom Rest der Gesellschaft offenbart.“

Auch in der Politik schlägt Kalous Video hohe Wellen

Auch in der Politik kam Kalous Bärendienst schnell an. „Das Hygienekonzept der DFL scheitert an der Realität. Ganz konkret am Intellekt einiger Spieler und Vereinsvertreter“, schrieb Kevin Kühnert, stellvertretender Vorsitzender der SPD. Viel ist der Aussage von Kühnert nicht hinzuzufügen. Es darf davon ausgegangen werden, dass sich auch Angela Merkel und ihre Landeschefs am Mittwoch eingehend mit den brisanten Bildern aus Herthas Corona-Alltag auseinandersetzen.

Die DFL wird bis dahin wohl mit aller Macht verhindern, dass ihr gesamtes Konzept infrage gestellt wird, ist jetzt aber zum Handeln gezwungen. Die Verantwortlichen werden den Vereinen noch mehr Druck machen müssen, damit die Vorgaben strengstens eingehalten werden. Ansonsten könnte am Ende Hertha BSC dafür verantwortlich sein, dass der Meistertitel am grünen Tisch vergeben wird. Oder gar nicht.

Mehr zu Hertha BSC lesen Sie hier.