Hertha BSC

Labbadia: Der Mann, der jedem Druck gewachsen ist

Bruno Labbadia lässt sich nicht reinreden, von niemandem. Damit eckt der Trainer an, aber von seiner Linie weicht er nicht ab.

Das nennt man einen Schnappschuss: Bruno Labbadia im März 2018 beim Betreten des Olympiastadions, damals noch als Trainer des VfL Wolfsburg. Nun betritt er es bald als Hertha-Coach.

Das nennt man einen Schnappschuss: Bruno Labbadia im März 2018 beim Betreten des Olympiastadions, damals noch als Trainer des VfL Wolfsburg. Nun betritt er es bald als Hertha-Coach.

Foto: Huebner/Taeger via www.imago-images.de / imago images/Jan Huebner

Berlin. Damit ist das Quartett also voll. Nur zehn Monate nach der Trennung von Ex-Coach Pal Dardai setzt Hertha-Manager Michael Preetz bereits auf den vierten neuen Trainer. Nach der kleinen Lösung (Ante Covic), der großen Lösung (Jürgen Klinsmann) und der Notlösung (Alexander Nouri) blieb die Wunschlösung (Niko Kovac) zwar aus, dafür köderte der Hauptstadtklub aber die mutmaßlich solideste Lösung, die die Fußball-Bundesliga zu bieten hat. Ab Ostermontag trainiert Bruno Labbadia (54) die Berliner.

Labbadia und Herthas Wunsch nach Offensivfußball passen zusammen

„Mit seiner Idee von offensivem Fußball, seiner Akribie und seinem Ehrgeiz passt Bruno Labbadia perfekt zu Hertha BSC und unseren Zielen“, sagte Preetz am Donnerstag. Zuvor hatte der Coach einen Vertrag über zwei Jahre unterzeichnet. Die Zielstellung ist klar: Labbadia soll in Berlin genau jenen Kurs einschlagen, den er bei seiner jüngsten Amtszeit beim VfL Wolfsburg realisierte, soll die Mannschaft erst durch den Abstiegskampf lotsen, um sie anschließend schnellstmöglich Richtung Europapokal zu führen.

Herthas größenwahnsinnige Big-City-Club-Attitüde der Klinsmann-Tage hat sich derzeit zwar spürbar abgeschliffen, aber natürlich sind die Ambitionen nach wie vor groß in Westend. Investor Lars Windhorst träumt vom Blitz-Aufstieg in die Champions League, und die 76 Millionen Euro, die Hertha im Winter auf dem Transfermarkt investierte, sind nicht vergessen – das weiß auch Labbadia. „Hertha ist ein Verein mit einem klaren, ambitionierten Plan für die Zukunft“, wurde er in einer Klub-Mitteilung zitiert: „Ich habe große Lust, Teil dieses Plans und der Weiterentwicklung zu sein.“

Labbadia bringt ein Trainerteam mit

Helfen soll ihm dabei ein Mix aus alten und neuen Weggefährten. Mit den Co-Trainern Eddy Sözer, Olaf Janßen und Athletik-Coach Günter Kern bringt Labbadia vertraute Kräfte mit. Herthas Fitness-Trainer Henrik Kuchno und Reha-Coach Hendrik Vieth werden jedoch genauso zum Team gehören wir Torwarttrainer Zsolt Petry. Für Labbadia ist Berlin nach Darmstadt, Greuther Fürth, Leverkusen, Hamburg (zwei Amtszeiten), Stuttgart und Wolfsburg die siebte Station als Profi-Trainer.

Dass er zum nervenstarken Krisenmanager taugt, hat er oft genug bewiesen, sei es in der dramatischen Relegation mit dem HSV (2015) oder mit Wolfsburg (2018). Ihn auf seine Qualitäten als „Feuerwehrmann“ zu reduzieren, würde ihm allerdings nicht gerecht. „Er ist ein sehr erfahrener Trainer, der schon vielen Mannschaften aus der Patsche geholfen hat“, sagt etwa Herthas Eigengewächs Maximilian Mittelstädt, „und letztes Jahr hat er gezeigt, dass er eine Mannschaft aufbauen kann.“ Dass Wolfsburg unter dem früheren Stürmer teils berauschenden Offensiv-Fußball zeigte, werden sie in Herthas Chefetage sicherlich registriert haben. Die Sehnsucht nach attraktiveren Spielen gärt dort schließlich seit Jahren.

Pragmatiker Labbadia lässt sich nicht einschüchtern

Daran, dass Labbadia den Tabellen-13. in die Spur bringt, zweifelt so gut wie niemand. Spannend wird jedoch zu sehen sein, wie viel Zeit ihm danach für die Entwicklung des Teams gegeben wird. Beim HSV um Investor Klaus-Michael Kühne grassierte einst die Ungeduld, dem Geldgeber konnte die Rückkehr in den internationalen Fußball nicht schnell genug gehen. Pragmatiker Labbadia ließ sich davon nicht unter Druck setzen, blieb seiner Linie treu und mahnte zu mehr Realismus. Ein Spannungsverhältnis, an dem die Beziehung zwischen Klub und Trainer schließlich zerbrach.

Labbadia gilt als stressresistent, geradlinig und meinungsstark. In Hamburg und Wolfsburg eckte er mit dieser Art zum Teil an, was jedoch auch dem eigenwilligen Naturell seiner Vorgesetzten geschuldet war. Fest steht: Verbiegen lässt sich Labbadia nicht, auch nicht von einflussreichen Finanziers wie Kühne oder Windhorst.

Der Neue hat hohe Anforderungen an seine Spieler

Herthas Profis dürfen sich auf einen Trainer einstellen, der körperlich und mental viel von ihnen fordert. Die Vergangenheit hat gezeigt: Labbadia-Teams sind fitte Teams, Athletik wird beim früheren Profi groß geschrieben. Zufrieden ist der Hesse allerdings so gut wie nie. Für ausgiebige Schulterklopferei ist er jedenfalls nicht bekannt.

Am Ende einer mehr als turbulenten Hertha-Saison dürfte mit Labbadia endlich wieder Ruhe einkehren. Ohne Wagnisse und überzeichnete Visionen, dafür mit viel Erfahrung und seriöser Arbeit. Dass es einen typischen Labbadia-Effekt geben wird, darf fast schon als sicher gelten. Von der Fortsetzung der Bundesligasaison lässt sich das indes nicht sagen. Bis mindestens zum 30. April ist der Spielbetrieb wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt. Ausgang offen.