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Hertha und Labbadia: Bloß keine Experimente mehr

Hertha-Manager Michael Preetz setzt mit Trainer Bruno Labbadia auf Stabilität. Wohl auch, weil die jüngsten Experimente schief gingen.

Bruno Labbadia (53) wirkte zuletzt erfolgreich beim VfL Wolfsburg.

Bruno Labbadia (53) wirkte zuletzt erfolgreich beim VfL Wolfsburg.

Foto: Peter Steffen / dpa

Berlin. Wie es Alexander Nouri am späten Mittwochabend ergangenen ist, mag man sich kaum vorstellen. Die Nachricht, dass er als Trainer von Hertha BSC mit sofortiger Wirkung von Bruno Labbadia abgelöst werden soll, raste längst durchs Internet, doch ihn selbst hatte offenbar kein Vereinsverantwortlicher über diesen Vorgang informiert. Dem Vernehmen nach erfuhr Nouri in seiner Heimat Weyhe (nahe Bremen) aus den Medien von seiner Demission. Interne (Nicht-)Kommunikation, die bestenfalls das Label „suboptimal“ verdient hat.

Dass derart sensible Informationen, die am Mittwochabend Gegenstand einer Präsidiumssitzung waren, im Handumdrehen an die Öffentlichkeit gelangen, wird den Entscheidern des Fußball-Bundesligisten zu denken geben, aber das ist ein Thema für sich. Vorerst war Manager Michael Preetz bemüht, die Formalitäten schnell unter Dach und Fach zu bringen. Am Donnerstagnachmittag folgte die offizielle Bestätigung: Schon am Montag leitet Labbadia (53) das Training auf dem Schenckendorffplatz. Der frühere Profi soll einen Vertrag über zwei Jahre unterschrieben haben.

Kommentar zum Thema: Labbadia als neuer Hertha-Trainer ist eine gute Entscheidung

Gelingt eine Kopie des Wolfsburger Wegs?

Dass Nouri (40), der ursprünglich als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann zu Hertha gekommen war, den Klub im Sommer verlassen würde, stand schon vorher fest, doch Preetz hat die derzeitige Saison-Unterbrechung durch die Corona-Krise offenbar als Chance begriffen. „Durch die aktuelle Unterbrechung der Saison erleben wir gerade eine Art vorgezogene Sommerpause“, erklärte er: „Wir haben uns dazu entschlossen, diese Chance, die Mannschaft in den nächsten Wochen auf eine mögliche Fortführung der Saison vorbereiten zu können, zu nutzen und unsere Entscheidung auf der Trainerposition vorzuziehen.“

Nouri war es nach Klinsmanns ebenso plötzlichem wie peinlichen Abgang nicht gelungen, das Team zu festigen, im Gegenteil: In den vier Spielen unter seiner Verantwortung zeigten die Berliner mitunter inakzeptable Auftritte. Für Preetz eine zu labile Situation, zumal Hertha als Tabellen-13. nur sechs Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz hat. Ob die Saison nach der derzeitigen Spielpause bis 30. April überhaupt fortgesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Statt Nouri soll nun jedenfalls der Abstiegskampf-erprobte Labbadia das Team in die Spur bringen und danach zu einem Europapokal-Anwärter formen – so, wie es ihm zuletzt beim VfL Wolfsburg gelungen ist. Dort war „Feuerwehrmann“ Labbadia von den Fans einst mit Häme empfangen worden. „Wir steigen ab und kommen nie wieder, wir haben Bruno Labbadia“, hatte der skeptische Anhang skandiert. Störgeräusche, von denen sich Labbadia nicht beeindrucken ließ. Dass seine erfolgreiche Amtszeit in Wolfsburg im Vorjahr endete, war einzig den Differenzen mit Manager Jörg Schmadtke geschuldet.

Mehr als nur ein Feuerwehrmann

Als Trainer hat Labbadia einiges vorzuweisen, der Ex-Profi ist mehr als bloß ein nervenstarker Krisenmanager. Mit Bayer Leverkusen (2009) und dem VfB Stuttgart (2013) erreichte er das Finale des DFB-Pokals, mit dem Hamburger SV das Halbfinale der Europa League (2010). Nachhaltig war sein Wirken allerdings selten. Meist folgte auf einen bemerkenswerten Aufschwung ein veritabler Einbruch.

Trotzdem ist er für Hertha zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine nachvollziehbare Wahl. Die Berliner sehnen sich nach einer turbulenten Saison mit den Trainer-Experimenten Ante Covic (keine Bundesliga-Erfahrung), Klinsmann (Umkrempler und vermeintlicher Innovator) und Nouri (Notlösung) nach Stabilität und erhoffen sich eine Kopie des Wolfsburger Wegs. „Bruno Labbadia passt mit seiner Idee von offensivem Fußball, seiner Akribie und seinem Ehrgeiz perfekt zu Hertha BSC und unseren Zielen“, sagte Preetz.

Von einer Wunschlösung kann trotzdem keine Rede sein. Eigentlich hatte Manager Preetz um Niko Kovac gebuhlt, doch der frühere Bayern-Coach hofft auf ein Engagement bei einem Top-Klub. Zu jenen zählt Hertha bekanntlich nicht, doch wenn es nach Investor Lars Windhorst geht, sollen die Berliner perspektivisch in der Champions League spielen. Für Premium-Fußball steht der Name Labbadia allerdings nicht.

Solide Bundesligakost

Unter Herthas Fans hat die Personalie keine Begeisterungsstürme ausgelöst. Nicht wenige hatten auf eine kreativere Lösung gehofft, auf einen Kandidaten aus dem Ausland, der frische Ideen, innovative Methoden und Impulse mitbringt. Jene sind von Labbadia eher nicht zu erwarten. Der frühere Profi gilt in seiner Arbeit als konservativ und zweckorientiert, doch die jüngsten Erfolge in Wolfsburg haben gezeigt, dass das kein Manko sein muss.

„Hertha ist ein Verein mit einem klaren, ambitionierten Plan für die Zukunft“, wurde Labbadia zitiert: „Ich habe große Lust, Teil dieses Plans und der Weiterentwicklung von Hertha zu sein.“ Zum Trainerteam werden sein langjähriger Co-Trainer Eddy Sözer, Co-Trainer Olaf Janßen und Günter Kern als Athletiktrainer gehören. Torwarttrainer Zsolt Petry, Athletiktrainer Henrik Kuchno und Reha-Trainer Hendrik Vieth werden im Team bleiben.

Mit Labbadia hat sich Preetz für eine sichere Variante entschieden. Keine Experimente, kein Risiko, stattdessen bewährte Bundesliga-Kost. Ob das zur erhofften Weiterentwicklung führt, wird sich zeigen. Inzwischen wissen allerdings nicht nur die Fans des VfL Wolfsburg: Unterschätzen sollte man Bruno Labbadia nicht.