Kolumne Immer Hertha

Vereinsliebe ist stärker als jede Krise

Ex-Chefcoach Pal Dardai will trotz seiner Demission 2019 wieder für Hertha BSC arbeiten. Das wäre ein Glücksfall, meint Jörn Lange.

Jörn Lange schreibt über Hertha BSC.

Jörn Lange schreibt über Hertha BSC.

Foto: Sören Stache/dpa; Maurizio Gambarini (Montage)

Die Frage ist ja, wie sehr man einen Fußballverein lieben kann. Verehrung und Zugehörigkeitsgefühl scheinen mitunter fast grenzenlos, das zeigt sich gerade jetzt in der Corona-Krise, in der die Gegner des eigenen Herzensklubs nicht mehr Schalke 04 oder Mainz 05 heißen, sondern Covid-19. Ein neuer Widersacher, der kaum zu bändigen scheint, jedenfalls hat er es binnen Wochen geschafft, etliche Vereine in finanzielle Nöte zu stürzen. Schon jetzt schlittert ein Klub nach dem nächsten Richtung Ruin, doch die Fans – und hier kommt wieder die Liebe ins Spiel – lassen nichts unversucht, um ihren Vereinen unter die Arme zu greifen.

Die einen verzichten auf die Rückforderung ihrer Ticketkosten, andere kaufen gar Karten für virtuelle Spiele samt imaginärer Bratwurst und Frischpils. Ein Modell, das nicht nur beim 1. FC Union viel Anklang fand, sondern dem Viertligisten (!) Rot-Weiss Essen gerade 100.000 Euro (!!) einbrachte.

Geld scheint für Dardai keine große Rolle zu spielen

Selbst die oft als „geldgeile Jung-Millionäre in kurzen Hosen“ abgestempelten Profis verzichten in diesen Tagen auf Gehalt, auch bei Hertha BSC. Die Spieler verschaffen dem Verein so ein paar Millionen Euro, wenngleich sich Kritiker fragen, ob dabei mehr Großherzigkeit und Identifikation im Spiel ist oder doch eher Eigennutz – schließlich wird das Geld dafür verwendet, jenes System am Laufen zu halten, das die Profis füttert.

In einem speziellen Fall sind derartige Zweifel jedoch hinfällig. Pal Dardai, von 2015 bis 2019 Herthas Chefcoach, hat in dieser Woche verlauten lassen, dass er ab Sommer wieder im Nachwuchs des Klubs arbeiten will. Ein Schritt, der von Hertha-Seite zwar schon lange angekündigt worden war, an dessen Vollzug man aber berechtigte Zweifel haben durfte.

Seine Demission tat dem Ungarn weh

Sicher, Dardai hat als Rekordspieler des Vereins oft genug betont, wie sehr ihm Hertha am Herzen liegt, doch das Ende seiner Cheftrainer-Ära hat ihn getroffen. Mehr als vier Jahre lang hatte er die Berliner in ruhigem Fahrwasser durch die Bundesliga manövriert, sogar in den Europapokal gelotst. Ein echtes Kunststück, wenn man bedenkt, mit welchen Turbulenzen andere Traditionsvereine in diesem Zeitraum zu kämpfen hatten.

Zudem gab Dardai dem Verein mit seiner authentischen Art ein Gesicht. Trotzdem sägten ihn die Klub-Verantwortlichen um Manager Michael Preetz ab – offiziell, weil sie ihm keine Weiterentwicklung zutrauten. Wen hätte das nicht gekränkt? Wenn sich nun herausstellen würde, dass Dardais Liebe zum Verein stärker wäre als die Beziehungskrise mit den Entscheidern, wäre das fast zu kitschig, um wahr zu sein.

Hinzu kommt ja der Umstand, dass Dardai inzwischen diverse Cheftrainerposten angeboten wurden, darunter fast „unmoralische“ Offerten, wie er sagt. Seit dieser Woche aber verfestigt sich der Eindruck, dass Dardai nicht das Geld liebt, sondern nach wie vor Hertha BSC, Berlin und das Trainerdasein an sich. Ob mit oder ohne Rampenlicht, spielt dabei offenbar keine Rolle.

Bessere Dorfplätze statt Rampenlicht

Falls es tatsächlich so kommt, nötigt mir Dardais Entscheidung großen Respekt ab. Mit 44 Jahren und seiner eindrucksvollen Vita wäre das nächste verlockende Angebot nur eine Frage der Zeit. Stattdessen wird er künftig wieder für vergleichsweise kleines Gehalt über bessere Dorfplätze tingeln, so wie früher.

Für den Verein wäre der Jugendtrainer Dardai ein Glücksfall. Als U15-Coach brachte er einst die „Goldene Generation“ (Jahrgang 1999) auf den Weg, aus der Ausnahmetalent Arne Maier hervorging. Dass der Ungar in Zukunft weitere Hochkaräter formt, ist damit zwar nicht garantiert, aber eben auch nicht unwahrscheinlich.

Was mit einem guten Händchen möglich ist, zeigt das Beispiel Schalke. Dort wurden über die Jahre die Nationalspieler Leroy Sané, Julian Draxler und Thilo Kehrer entwickelt, die ihren Klub erst sportlich und später finanziell bereicherten. Und dann wäre da ja noch der Vorteil, mit Dardai wieder einen Mann in den eigenen Reihen zu haben, der die Profis zur Not aus einer Krise führen könnte. Dass dieser Extremfall zeitnah eintritt, ist allerdings nicht zu befürchten. Bei aller Liebe.