Bundesliga

Hertha und Trainer Nouri: Die Zweifel bleiben

Trainer Alexander Nouri bekommt Herthas Probleme bislang nicht in den Griff. Und die großen Herausforderungen kommen erst noch.

Alexander Nouri holte als Trainer von Hertha BSC in vier Spielen gegen vermeintlich schlagbare Gegner fünf Punkte.

Alexander Nouri holte als Trainer von Hertha BSC in vier Spielen gegen vermeintlich schlagbare Gegner fünf Punkte.

Foto: Andreas Gora via www.imago-images.de / imago images/Andreas Gora

Berlin. Die Szenerie mutete verdächtig an. Herthas Reservisten arbeiteten am Sonntag bereits seit 20 Minuten mit Co-Trainer Markus Feldhoff, doch Interims-Coach Alexander Nouri war weit und breit nicht zu sehen. Stattdessen hatten sich Präsident Werner Gegenbauer und Performance Manager Arne Friedrich auf dem Schenckendorffplatz eingefunden, um sich ein Bild vom Team zu machen. Hatten die Klub-Verantwortlichen etwa die Reißleine gezogen und das Kapitel Nouri nach dem holprigen 2:2 (1:2) gegen Werder Bremen beendet?

Nein, wenige Minuten später lief Nouri (40) vom Kabinentrakt Richtung Platz und ging zur Tagesordnung über. Zuvor hatte der Coach in einer Medienrunde Rede und Antwort gestanden, doch viele Fragen blieben trotzdem offen. Hat Nouri wirklich das Zeug, die Berliner zum Klassenerhalt zu führen? Wie steht es um das Verhältnis des vormaligen Klinsmann-Assistenten zur Mannschaft? Und was muss passieren, damit Manager Michael Preetz die Karte „Trainerwechsel“ zieht?

Herthas Trainer bekommt die Schwächen nicht in den Griff

Herthas Auftritt gegen den Tabellenvorletzten aus Bremen war weder ein klares Statement pro Nouri noch ein Komplettversagen, stattdessen bewies die Mannschaft einmal mehr, dass sie über zwei Gesichter verfügt. Auf eine verschlafene Anfangsphase mit desolater Verteidigung und zwei frühen Gegentoren folgte ein bemerkenswertes Comeback. Ein schizophrenes Muster, das die Mannschaft schon beim 3:3 in Düsseldorf gezeigt hatte.

Eine Lösung für dieses Problem scheint Nouri nicht zu haben, bereits zum dritten Mal in Folge geriet seine Elf in den ersten sechs Minuten in Rückstand. „Wir müssen die einzelnen Situationen einfach besser verteidigen“, forderte der Trainer, ehe er sich der Analyse der einzelnen Fehler widmete. Von grundsätzlichen Problemen in puncto Einstellung wollte er indes nicht sprechen.

Taktische Umstellung fruchtet

Überhaupt war Nouri bemüht, die positiven Aspekte hervorzuheben. „Wir entwickeln inzwischen deutlich mehr Torgefahr“, sagte er mit Blick auf die 19 Torschüsse seiner Mannschaft. „Vorher hatten wir im Schnitt ungefähr zehn pro Spiel, diesen Wert haben wir fast verdoppelt.“ Er ist sich sicher: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“

Seine Kritiker sehen das naturgemäß anders, und die Zahlen sprechen nicht unbedingt für Nouri. In den vier Spielen gegen die Kellerkinder Paderborn, Köln, Düsseldorf und Bremen holte er überschaubare fünf Punkte. Auch wenn der Vergleich aufgrund der unterschiedlichen Umstände sicher hinkt: Sein Vor-Vorgänger Ante Covic verbuchte in der Hinrunde gegen besagte Gegner doppelt so viele Zähler.

Immerhin fand Hertha nach dem erneuten Fehlstart gegen Bremen deutlich schneller in die Spur als in den Wochen zuvor. Die plötzlich erstaunlich passiven Gäste halfen den Berlinern dabei, aber auch eine taktische Umstellung von einem 4-4-2- auf ein 5-3-2-System brachte Hertha mehr Stabilität. „Dadurch haben wir in der Breite besser verteidigt“, meint Nouri.

Kapitän Stark: Verhältnis zum Trainer ist intakt

Erhebliche Zweifel bleiben dennoch, nicht zuletzt, weil Nouri nach dem Abpfiff eher auf Distanz zu seinen Spielern blieb. Auf die Frage, ob das Verhältnis zwischen Team und Trainer intakt sei, antwortete Mannschaftskapitän Niklas Stark zwar mit einem klaren „ja“, doch die Interaktion nach Spielschluss las sich weniger eindeutig. Nach wie vor haftet Nouri die Hypothek an, ein Mann aus dem inzwischen ungeliebten Klinsmann-Lager zu sein.

Bei Hertha werden sie trotzdem alles daran setzen, den dritten Trainerwechsel der Saison zu vermeiden, allein schon wegen der Zukunftsplanung. Einen Feuerwehrmann müsste Manager Preetz wohl mit einem Vertrag bis mindestens 2021 ködern, dabei soll im kommenden Sommer doch eine große Lösung präsentiert werden – ein Fußballlehrer, der den Klub in Richtung Europa coacht. Mit Niko Kovac wäre zwar ein Wunschkandidat auf dem Markt, aber der frühere Bayern-Trainer dürfte sich sehr genau überlegen, ob und wann er zu seinem Ex-Klub zurückkehrt.

Das Derby wirft seine Schatten bereits voraus

Aktuell ist Hertha als Tabellen-13. in einer halbwegs komfortablen Situation, der direkte Abstiegsplatz ist durch das Remis gegen Bremen noch immer zehn Punkte entfernt. Außerdem hat die Mannschaft bewiesen, dass sie in der Lage ist, sich selbst zu helfen, etwa durch den temperamentvollen Matheus Cunha (20), der gegen Bremen nicht nur wegen seines Tores zum Endstand auffälligster Akteur war. „Das spricht für seinen Charakter“, sagte Nouri, „er will der Mannschaft Impulse geben. Er hat Bälle behauptet, Zweikämpfe gewonnen und sich durchgetankt. Er ist wichtig für uns.“

Dennoch: Gesichert ist der Klassenerhalt noch nicht. In den verbleibenden neun Saisonspielen trifft Hertha unter anderem auf die Champions-League-Anwärter Leipzig, Dortmund, Leverkusen und Mönchengladbach. Zunächst geht es jedoch zur TSG Hoffenheim (Sa., 15.30 Uhr), ehe das prestigeträchtige Derby gegen den 1. FC Union ansteht (21. März). Anders ausgedrückt: Die Wochen der Wahrheit beginnen für Nouri erst jetzt.

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