Bundesliga

Hertha-Zugang Cunha: „Mich interessieren nur Tore und Siege“

Herthas Matheus Cunha über Zielstrebigkeit, den plötzlichen Abgang von Ex-Coach Klinsmann und sein spezielles Verhältnis zu Berlin.

Herthas Winterzugang Matheus Cunha (l.) war in seinen drei Einsätzen bereits an zwei Torenbeteiligt.

Herthas Winterzugang Matheus Cunha (l.) war in seinen drei Einsätzen bereits an zwei Torenbeteiligt.

Foto: Marco Leipold / City-Press GmbH

Berlin. Matheus Cunha (20) ist ein gefragter Mann. Am Tag des Gesprächs gibt er Interviews auf Portugiesisch, Spanisch und Englisch. Mit der Morgenpost spricht er vor dem Heimspiel gegen Werder Bremen (15.30 Uhr, Sky) über sein Sprachtalent, den Abstiegskampf mit Hertha, Jürgen Klinsmann und sein Faible für deutsches Essen.

Berliner Morgenpost: Herr Cunha, was war das für ein Torjubel in Düsseldorf? Etwa Ihre Version des Oliver-Kahn-Klassikers „Eier, wir brauchen Eier“?

Matheus Cunha: (lacht) Das sah vielleicht etwas komisch aus, aber ich hatte das Gefühl, dass wir in diesem Moment Emotionen brauchen. Wir lagen plötzlich nur noch mit einem Tor zurück, nach 0:3! Ich meine 0:3! Da war was Großes in Gange. Mit mir sind die Emotionen dann durchgegangen, ich hatte so viele Gedanken im Kopf und wollte was Besonderes machen. So kam dieser Torjubel zustande.

Wir haben Sie bisher sehr emotional auf dem Feld erlebt. Gehört das zu Ihrer Persönlichkeit?

Ich bin jemand, der gern lacht, der fröhlich ist und mit seinen Kollegen Späße macht. Auf dem Feld muss man ein wenig anders sein, konzentrierter und ernster. Bei mir entstehen während eines Spiels viele Emotionen und dann passieren manchmal solche Dinge wie der Torjubel in Düsseldorf oder das Foul in Paderborn.

Da wären sie in Ihrem Debüt für Hertha beinahe vom Platz geflogen.

Als ich das Foul später sah, dachte ich auch: ‘Puh, das war hart. Das muss nicht sein.’ Aber es passierte kurz nach meinem Tor, da war ich noch etwas überdreht.

Sie haben in drei Spielen für Hertha schon zwei Tore geschossen (der Treffer gegen Paderborn wurde allerdings als Eigentor gewertet, Anm. d. Red.). In Leipzig trafen Sie während der kompletten Hinrunde kein einziges Mal. Was ist der Unterschied zwischen Hertha und RB?

Ich bekomme hier all das Vertrauen, das ich für mein Spiel brauche. Das zeigt sich allein an der Spielzeit. In Leipzig gab es zuletzt nicht so viele Möglichkeiten für mich. Wir haben hier bei Hertha eine wirklich gute Mannschaft und es macht mir einfach Freude, mit den anderen zu spielen. Der Rest kommt dann von ganz allein.

Dass Sie kaum Eingewöhnungszeit benötigten, verwundert. Als Sie kamen, war die Situation bei Hertha chaotisch. Was haben Sie gedacht, als Sie von Jürgen Klinsmanns Abgang erfuhren?

Ich werd’ verrückt. Wirklich, das ist mir durch den Kopf geschossen. Echt Wahnsinn. Aber Manager Michael Preetz hat mich sofort zur Seite genommen und mir erklärt, dass Projekt geht auch ohne Klinsmann weiter. Ich kannte Klinsmann ja vorher nicht, hatte nur einmal mit ihm gesprochen. Ich bin nicht zu ihm gekommen, sondern zu Hertha.

Hertha hat für Sie rund 17 Millionen Euro bezahlt. Macht Sie diese Summe stolz oder baut sie Druck auf?

Weder noch. Ich weiß gar nicht, wie viel ich gekostet habe. Aber damit beschäftigt man sich als Spieler auch nicht. Ich gehe nicht auf den Platz und denke: ‘Oh, ich habe soundsoviel gekostet.’ Das ist egal. Mich interessieren Tore. Und Siege. Ich möchte mit Hertha so oft gewinnen, wie möglich.

Bei Hertha wird viel über die Zukunft geredet, aber die Gegenwart lautet Abstiegskampf. Ist das nicht komisch?

Als ich hier ankam, dachte ich nach den ersten Einheiten mit den Jungs: ‘Man, die können doch nicht so weit unten stehen.’ Das ist eine super Mannschaft mit richtig viel Talent. Aber die Bundesliga ist sehr ausgeglichen und dann geht es schnell. Du verlierst ein paar Spiele und schon hängst du unten drin. Aber ich glaube fest daran, dass wir uns befreien.

Ist das Spiel gegen Bremen am Sonnabend ein Endspiel gegen den Abstieg?

Nein. Es ist ein sehr wichtiges Spiel, ohne Frage. Aber auch danach haben wir noch genügend Möglichkeiten, zu punkten. Wenn wir immer so auftreten wie in Düsseldorf in der zweiten Halbzeit, wird es für die Gegner schwer.

Was benötigen Sie, um Ihre bestmögliche Leistung zu bringen?

Vertrauen. Und Freude. Dann läuft es bei mir. Ich habe das Gefühl, da gut aufgehoben zu sein bei Hertha.

War es in Leipzig anders?

Da habe ich auch Vertrauen gespürt, aber nicht so oft gespielt. Dann ist es schwer, sich zu zeigen. Man neigt dazu, zu verkrampfen. Die Konkurrenz im Angriff war groß und wenn die anderen regelmäßig treffen, wird es noch schwerer.

Es heißt, der Fußball von Julian Nagelsmann biete Spielern wenig Freiheiten. Also nicht unbedingt förderlich für einen wie Sie.

Es war definitiv ein anderer Fußball. Wir haben sehr hoch gepresst, ständig wurde Druck ausgeübt auf den ballführenden Gegner. Das ist eine gute Art zu spielen, aber auch sehr kraftraubend. Für mich war es eine lehrreiche Zeit. Das möchte ich jetzt bei Hertha einbringen.

Ihr Sturmpartner in Berlin ist ebenfalls erst im Winter gekommen. Mit Krzysztof Piatek verstehen Sie sich bestens oder täuscht der Eindruck?

Wir sind super zusammen, oder (lacht)? Der Eindruck täuscht nicht. Wir harmonieren vom ersten Moment an, so was kann man nicht lernen oder planen. Gerade bei Stürmern nicht. Wir haben eine besondere Chemie, ahnen wohin sich der andere bewegt und ich glaube, wir werden noch besser. Wir verstehen uns auch außerhalb des Feldes super, das hilft auf jeden Fall.

Wie verständigen Sie sich mit Krzysztof?

Auf Italienisch.

Auf Italienisch?

Hab’ ich in der Schweiz gelernt, da hatte ich beim FC Sion einen italienischen Trainer. Ein paar Worte habe ich aufgeschnappt. Aber wirklich gelernt habe ich dort Französisch. Nur mit dem Schwiitzerdütsch hat es nicht geklappt. Das war zu viel für meine Ohren. Schrecklich (lacht).

Wir reden gerade auf Spanisch. Wie viele Sprachen sprechen Sie eigentlich?

Mal überlegen. Ich würde sagen, vier ziemlich gut. Das sind Portugiesisch, Spanisch, Französisch und Italienisch. Die sind alle irgendwo ähnlich. Deutsch lerne ich seit meiner Zeit in Leipzig, da werde ich jeden Tag besser und Englisch geht so. Macht insgesamt sechs.

Haben Sie ein besonderes Talent für Sprachen?

Ich glaube schon. Ich bin jedenfalls niemand, der verbissen lernt. Mit Freude geht alles leichter. Ich versuche so viel wie möglich von dem mitzunehmen, was um mich herum passiert.

Waren Sie ein guter Schüler?

Na ja, ich hatte keine andere Wahl. Mein Vater war Lehrer bei mir an der Schule und er hat sehr genau hingeschaut, was meine Noten betraf. Wenn es in der Schule hakte, gab es keinen Fußball und das war das Schlimmste für mich. Also habe ich mich im Unterricht angestrengt.

Wo haben Sie als Kind gespielt?

Überall. Am Strand, auf dem Schulhof, auf der Straße. Angefangen habe ich mit Futsal, wie so viele in Brasilien. Dort habe ich technisch alles gelernt, was ich heute kann. Erst mit 14 bin ich einem Fußballverein beigetreten. Aber bei uns machte das keinen Unterschied, ob nun Futsal oder Fußball. Wir haben mit allem gespielt, was wir hatten. Mal mit einem kleinen Ball, mal mit einem großen. Mal mit einem kaputten, der kaum noch Luft hatte. Mal mit einem heilen. Wir konnten nicht wählerisch sein.

Sie stammen aus dem Nordosten Brasiliens, der als sehr arm gilt. Haben Sie in Ihrer Kindheit Erfahrung mit Armut gemacht?

Ich habe früh beide Seiten des Lebens kennengelernt. Meine Mutter stammt aus ärmeren Verhältnissen. Sie und ihre Familie hatten nie viel, aber das, was sie hatten, haben sie geteilt. Ich bin immer gern bei meinen Großeltern gewesen. Mein Vater war wie gesagt Lehrer, wir hatten ein gutes Auskommen. Mir hat es nie an etwas gefehlt.

Als erste Auslandsstation haben Sie die Schweiz gewählt. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Schritt?

Die Schweiz war perfekt für mich. Eine kleinere Liga, der Druck ist dort nicht so groß, man kann sich dort in aller Ruhe eingewöhnen. Ich würde das immer so wieder machen. Nur kulturell war es erst einmal ein Schock. Ich kannte nur Sonne und Strand. Plötzlich waren da Berge und Schnee. Und Kartoffeln. Jeden Tag Kartoffeln (lacht).

Sie mögen keine Kartoffeln?

Doch, inzwischen sehr. Aber eingangs war das Essen schon gewöhnungsbedürftig. Es unterscheidet sich eben sehr von dem, was ich aus Brasilien kannte.

Hertha besitzt eine lange Tradition mit brasilianischen Fußballern. Marcelinho und Alex Alves wurden in Berlin verehrt.

Ich weiß. Von Marcelinho kenne ich alle Heldentaten. Er stammt ja wie ich aus dem Nordosten, die Menschen feierten ihn, er war ein richtiger Star. Ich war noch etwas zu klein, um ihn spielen zu sehen, aber ich habe später mitbekommen, wie über ihn gesprochen wird. Durch ihn kannte ich Hertha schon lange vorher, die Hertha-Fahne (deutet auf das Wappen) kennt bei uns jeder. Für mich war Hertha immer ein großer Klub.