Bundesliga

Für Hertha geht’s nur ein Schrittchen vorwärts

Hertha BSC hält mit dem Punktgewinn in Düsseldorf die Konkurrenz im Abstiegskampf auf Distanz – die alten Probleme aber bleiben.

Herthas Keeper Thomas Kraft (l.) weckte seine Mitspieler mit einer flammenden Halbzeitrede auf.

Herthas Keeper Thomas Kraft (l.) weckte seine Mitspieler mit einer flammenden Halbzeitrede auf.

Foto: Bernd Thissen / dpa

Berlin. Natürlich war da die Frage nach dem Glas, die Alexander Nouri eine Nacht nach dem kuriosen 3:3 in Düsseldorf immer wieder gestellt bekam. Halbvoll oder halbleer? Zu verschieden waren die beiden Halbzeiten verlaufen, als dass man sie als einheitlichen Vortrag begreifen konnte. Zur Pause 0:3, nichts ging. Dann die rasante Aufholjagd, 3:3, wenigstens einen Punkt gerettet und Düsseldorf auf sechs Punkte Distanz gehalten. Allein schon des chronologischen Ablaufs wegen entschied sich Herthas Trainer für die halbvolle Variante. „Wir haben riesengroße Moral bewiesen. Nach einem 0:5 in der Vorwoche und dann 0:3 zur Pause so zurückzukommen, ist was Besonderes“, sagte der 40-Jährige.

Zumal der in Düsseldorf gelbgesperrte Niklas Stark nach der Köln-Pleite noch mit der eigentümlichen Aussage verblüfft hatte, dass es der Mannschaft schwer gefallen sei, nach dem Gegentor in der vierten Minute zurückzukommen. Am Freitagabend ließen sich die Berliner – ohne Stark – von den frühen Treffern in der sechsten und neunten Minute nicht beeindrucken.

Punktgewinn rettet Hertha-Trainer Nouri den Job

Daran lässt sich erkennen, wie extrem mitunter das Trainerleben in der Fußball-Bundesliga sein kann. Während der Pause war die Aussicht gering, dass Nouri und sein Trainerteam am kommenden Sonnabend das enorm wichtige Spiel gegen Werder Bremen (15.30 Uhr, Olympiastadion) betreuen dürfen. Eine Niederlage in Düsseldorf galt gemeinhin als Grund für einen erneuten Trainerwechsel bei Hertha BSC. Der Punktgewinn rettete Nouri die Weiterbeschäftigung und Hertha vor einer erneut turbulenten Woche. Vorerst.

Besonders positiv aus Sicht des Trainers wirkte sich ein nicht ganz alltäglicher Wechsel aus, den er vor Anpfiff veranlasst hatte. Torhüter Rune Jarstein, seit Jahren Herthas unumstrittene Nummer eins, musste für Thomas Kraft weichen. Aus rein sportlichen Gründen. Jarstein hatte in den vergangenen Wochen mehr und mehr mit Leistungsschwankungen zu tun gehabt, die vielen Wechsel im Trainerstab taten vor allem ihm nicht gut. Mental gilt er als längst nicht so stressresistent wie Kraft, was am Ende wohl auch seinen Teil beitrug zum Torwartwechsel.

Herthas Abwehrverhalten ist nach wie vor amateurhaft

Rein sportlich betrachtet wurde Kraft nicht zum entscheidenden Faktor. Die ersten drei wirklich gefährlichen Schüsse auf sein Tor waren drin, obwohl er bei keinem Gegentor etwas machen konnte. Vielmehr war es sein Einfluss auf die Mitspieler. Während der Halbzeitpause ergriff er das Wort und baute die anderen auf. „Das war ein wichtiger Impuls aus der Mannschaft heraus“, sagt Trainer Nouri. Dass ihm am Tag danach unterschwellig vorgehalten werden könnte, nicht selbst die Stimmung entscheidend gedreht zu haben, empfand er als unsinnig. „So etwas ist immer situationsabhängig. Der Impuls kann durchaus auch aus der Mannschaft kommen.“

Dass Hertha in der kommenden Woche eine Torwartdebatte vor sich hat, sieht Nouri als kleineres Problem. „Das werden wir mit Zsolt und den Torhütern besprechen und dann eine Entscheidung treffen.“ Zsolt Petry ist Herthas Torwarttrainer. Vieles spricht derzeit für Kraft.

Größer wiegen die Sorgen, die Herthas defensives Verhalten betreffen. Nach den fünf Gegentoren in der Vorwoche gegen Köln waren es dieses Mal wieder drei. Bereits nach zehn Minuten lag Hertha 0:2 zurück. Beide Tore verschuldet durch Abwehrverhalten auf Amateurniveau. Zuerst ließ sich Lukas Klünter von einem langen Flugball überraschen, dann machte Dodi Lukebakio in Sachen Zweikampfführung so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. „Es sind immer wieder einzelne Situationen, die wir besser lösen müssen“, sagt Nouri. Das stimmt nur zum Teil. Inzwischen ist auffällig, dass seine Mannschaft insgesamt als Verbund nicht mehr gut verteidigt. In den drei Spielen unter seiner Führung kassierte Hertha im Schnitt drei Gegentore.

Zur Halbzeit muss Hertha-Trainer Nouri seine Personalentscheidungen korrigieren

Gerade das Abwehrverhalten war unter Ex-Trainer Jürgen Klinsmann noch Herthas Stärke gewesen. Da ermauerten sich die Berliner Punkt um Punkt. Nouri verfolgt einen deutlich offensiveren Ansatz, liegt bei der Auswahl seines Personals oder bei der Formation aber noch zu selten richtig. In Düsseldorf musste er bereits zur Pause zwei Wechsel vornehmen. Für die schwachen Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio kamen Marius Wolf und Maximilian Mittelstädt. Erst danach wurde Herthas Vortrag besser.

Die Berliner Probleme hat der Punktgewinn aber nicht gelöst, eher aufgeschoben. Doch der Faktor Zeit spricht für den Tabellen-13. Zehn Spieltage vor Schluss bleiben Hertha sechs Punkte Vorsprung auf den Relegationsrang. Spätestens seit den aufwühlenden Wochen im Februar ist klar, dass es für den Verein um nichts anderes geht als den Klassenerhalt. Dafür benötigt Hertha aufgrund der schwachen Konkurrenz vermutlich noch um die neun Zähler. Bemessen an der ersten Halbzeit in Düsseldorf eine kaum zu bewältigende Hürde. Bemessen an der zweiten Halbzeit absolut machbar.

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